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Vroniplag zeigt: Chatzimarkakis schreibt bei mir ab

05.07.2011 | Von Jörg Schieb

Aktuelles, Blog

Da schaue ich Sonntag abend noch “Anne Will” und höre dem FDP-Politiker Dr. Chatzimarkakis zu, der sich verteidigt, wieso er die zahlreichen Zitate in seiner Dissertation ohne Anführungszeichen verwendet hat – er hat sich auf schlichte Fußnoten beschränkt, die am Ende einer Seite wohl dokumentieren sollen, dass es hier leichte Entlehnungen aus bestehenden Arbeiten gibt. Doch dass das alles auch was mit mir zu tun haben könnte, daran habe ich Sonntag abend noch nicht gedacht.

Doch nun hat mich ein geschätzter Kollege von wdr.de angerufen und mit mitgeteilt: “Der Chatzimarkakis hat auch bei Dir geklaut”. Bei mir? Und in der Tat: Vroniplag belegt die Plagiate. Der Politiker hat in seiner Dissertation einige Absätze aus einem Buch von mir, “Ratgeber Internet”, erschienen bei der Stiftung Warentest 1997, einfach zu übernommen.

So fühlt sich das also an, wenn eigene Inhalte übernommen werden – aha. Für mich keine Premiere, meine Texte werden oft kopiert, ohne eine Quelle zu nennen. Im Web ist so etwas üblich. Leider. Aber dass mir das auch in einem so prominenten Fall passieren könnte, dass mich jemand in einer Doktorarbeit “zitiert”, oder besser: Teile meiner Arbeit übernimmt, ohne diese angemessen kenntlich zu machen, ist dann doch etwas anderes.

Es fühlt sich komisch an.

Ich fühle mich nicht betrogen oder beklaut, denn dem Absatz des Buches schadet das nicht (mehr). Anber es wundert mich, dass jemand, der wissenschaftlich arbeitet (oder arbeiten will), einfach so Textpassagen kopiert, komplette Sätze 1:1 übernimmt. Ich würde da erwarten, dass zumindest paraphrasiert wird, also alles in eigene Formulierungen gehüllt. Als Journalist bin ich es gewohnt, wenn ich zitiere, dann das Gesagte in Anführungszeichen zu setzen – und ganz sicher nicht mehr als einen Satz zu zitieren. Der soll dann etwas auf den Punkt bringen und keine Textstellen füllen.

Was mir eher Sorgen macht, ist die Tatsache, dass die übernommene Textpassage – es geht da unter anderem um Onlinedienste wie AOL und CompuServe – zum Zeitpunkt der Übernahme, also 2000, einfach nicht mehr aktuell und richtig waren. Chatzimarkakis hat sich also nicht mal die Mühe gemacht, zu überprüfen, ob es (noch) stimmt, was ich geschrieben habe – das, ehrlich, ist ein Hammer.

Ich werde das alles erst mal verdauen müssen.

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13 Kommentare to “Vroniplag zeigt: Chatzimarkakis schreibt bei mir ab”

  1. alf meint:

    Es ist eine bodenlose Frechheit sich mit fremden Federn schmuecken zu wollen ganz einfach Diebstal und Betrug, was wollen wir mit solchen leuten in der Politik ??

  2. Dieter meint:

    Irgendwie erscheint es mir logisch, dass es so viele “handwerkliche Fehler” bei Doktorarbeiten von Politikern gibt. Das kommt mir bekannt vor, wenn ich sehe wie viele Gesetze ebenfalls handwerkliche Fehler aufweisen. Naja und das andere für einen schreiben lassen kennt man bei Gesetzesvorhaben auch schon zu Genüge.

    Habe keine Doktorarbeit geschrieben, aber bei meiner Diplomarbeit, die ich auch auf meiner Website online gestellt habe, wäre mir so eine unwissenschaftliche Vorgehensweise nie in den Sinn gekommen. Für mich ist es ein Zeichen des Verständnis eines Textes, dass man den Inhalt mit eigenen Worten wiedergibt. Deshalb gibt es bei meiner Diplomarbeit faktisch keine Zitate mit Anführungszeichen, sondern in Fußnoten die Quellenangaben wo ich diesen Inhalt her habe oder auch gesehen habe.

    Bei den Doktorarbeiten mit fehlenden Quellenangaben drängt sich mir schon der Verdacht auf, dass die eine oder andere Arbeit eine schlecht gemachte und gegen Bezahlung gefertigte Auftragsarbeit ist.

    Traurig, wenn man selbst Opfer eines solchen Plagiats wird. Finde es gut, dass es öffentlich gemacht wurde. Bin gespannt, ob auch die Uni Bonn im konkreten Fall bestätigt, dass FDP für Falsche Doktoren Partei steht.

  3. Dr. Martin Klicken meint:

    Hallo Herr Schieb,
    Sie schrieben “Ich wundere mich allerdings schon, dass so etwas in einer Doktorarbeit denkbar ist, ich muss zugeben, das habe ich nicht für möglich gehalten…”.
    Dazu stelle ich fest: So etwas ist in einer ordentlichen Doktorarbeit nicht denkbar. Es ist undenkbar. Es ist nicht möglich. Es ist unmöglich.
    Wer so etwas tut, muss den Doktorgrad aberkannt bekommen. Das ist das Mindeste.
    Das ist auch kein Gegenstand irgendeiner Diskussion, finde ich. Wer über so etwas diskutiert, will manipulieren und führt etwas anderes im Schilde. Im Fall des Hr. Chatzimarkakis sind es sicherlich die mindestens 9000 EUR Steuergelder monatlich und dann auch eine schöne Rente, die er gerne weiter kassieren möchte.
    Er weiß, dass er den Doktorgrad aberkannt bekommen wird, aber er krallt sich an unserer Kohle fest.
    Widerlich.
    Beste Grüße
    Dr. Martin Klicken

  4. M.Meier meint:

    Da ist noich mehr falsch. Neoliberale Theorie = Ordoliberalismus – was für ein Blödsinn.

  5. Jörg Schieb meint:

    Warten wir doch erst mal das Urteil der Uni Bonn ab…. :)

  6. Jörg Schieb meint:

    Ich muss sagen: “Bestohlen” fühle ich mich nicht. Als Journalist und Buchautor bin ich es wirklich gewohnt, dass Inhalte, teilweise komplette Artikel einfach so übernommen werden, gerade im Internet, und dann nicht mal verlinkt wird, von einer angemessenen Quellangabe ganz zu schweigen. Das ist Alltag. Und ein echter Schaden entsteht mir hier ja nicht.

    Ich wundere mich allerdings schon, dass so etwas in einer Doktorarbeit denkbar ist, ich muss zugeben, das habe ich nicht für möglich gehalten… Und dass dann auch noch überholte Fakten einfach so übernommrn werden, unverifiziert, das erstaunt mich doch – vielleicht war/bin ich aber auch einfach zu naiv. :)

  7. Jörg Schieb meint:

    Vielen lieben Dank für diese Nachricht und all die Mühe, die Sie sich gemacht haben! Ich muss sagen, das ist sehr aufschlussreich und auch sehr interessant, plötzlich “betroffen” zu sein. :)

  8. Debora Weber-Wulff meint:

    Lieber Herr Schieb, genau deswegen haben wir das festgestellt. Jemand machte sich im Chat darüber lustig, über Compuserve. Ich habe dann nachgefragt, wann genau der Diss eingereicht wurde. Als ich 2000 hörte, dachte ich: hmm, ich dachte, der sei so 1998 oder 1999 dahingeschieden.

    Da Ihr Buch dankenswerterweise noch antiquarisch zu beziehen ist (Sie werden vom 25 Cent, was ich bezahlt habe, vermutlich nicht viel sehen), habe ich es kommen lassen. Ich war auch ziemlich erstaunt, dass hier 1:1 ein popularwissenschaftlicher Text, ohne Nachdenken über den Inhalte, einfach übernommen worden ist.

    Ich verwende jetzt dieser Stelle (oben an mein Name verlinkt) und Ihr Buch als plastisches Beispiel in meiner Vorträge. Daran kann man ganz klar sehen: Anfang und Ende der Komplettzitat sind nicht zu finden. Und da es kleine Änderungen gibt (Anführungszeichen statt Courier-Font, ein Wort verändert), ist es auch meiner Meinung nach eine bewusste Übernahme.

  9. FF meint:

    Was ich nicht verstehe, abgesehen davon, daß sich “Jorgo” überhaupt noch ins Fernsehen traut: der Mann gibt in seiner Vita – neben Magister- und Promotionsstudium – üppige Lehraufträge, einen längeren “Forschungsaufenthalt bei Ralf Dahrendorf in Oxford” und eine Tätigkeit im Planungsstab des AA an. Und so einer will nicht wissen, wie man richtig zitiert? Ein Witz. Ich denke, der kämpft nur noch um sein Mandat. Daß mit dem Titel ist ein reines Ablenkungsmanöver. Wer würde nicht gern im EU-Parlament sitzen? Fürstliche Bezüge, keine lästigen Pflichten, keine Transparenz, keine Kontrolle, jeder so gewaltig wie sein Mundwerk. Das Politiker-Paradies schlechthin…

  10. Ralf Boehnischen meint:

    Mein Mitgefühl H. Schieb,
    häßlich und niveaulos. Mich interessiert wie sich das für Sie anfühlt. Fühlen Sie sich bestohlen? Haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht ob Sie den mutmaßlichen Dieb anzeigen werden?

  11. Lukas meint:

    Haben Sie vor jetzt Chatzimarkakis deswegen anzuzeigen?

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