Wenn Wikipedia wie Facebook und Google wäre

von | 07.10.2020 | Social Networks

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Google, Facebook, Instagram und Co. und vor allem solche Inhalte präsentieren, die uns (vermutlich) gefallen. Dafür sorgen die Algorithmen der Netzwerke, die wollen, dass die Nutzer möglichst lange bei ihnen bleiben – weil das ein Maximum an Werbeumsatz verspricht. Objektive Inhalte, die sich nicht an persönlichen Interessen orientieren, sind selten geworden.

Der Autor Jaron Lanier hat kürzlich in einem Interview einen wichtigen Punkt angesprochen: Wikipedia ist einer der wenigen großen und bekannten Dienste im Netz, die nach wie vor kein kommerzielles Interesse verfolgen und Inhalte völlig unvoreingenommen präsentieren. Die Online-Enzyklopädie orientiert sich nicht an Bedürfnissen, Gewohnheiten oder Vorwissen seiner Besucher – und ist vor allem und schon mal gar nicht an kommerziellen Interessen ausgerichtet.

Wikipedia: Bastion der Unabhängigkeit

Wer bei Wikipedia etwas nachschlägt, bekommt dasselbe präsentiert wie jeder andere. Wikipedia ist eben ein Nachschlagewerk. Hier wird nichts verfälscht, verändert, manipuliert. Die „Sozialen Netzwerke“ hingegen sind laut Lanier in erster Linie „Maschinen, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten manipulieren“.

Man muss es wirklich so deutlich sagen: Dass ein großer Onlinedienst nicht versucht uns zu manipulieren, ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Nehmen wir Google. Der Suchdienst präsentiert jedem andere Ergebnisse. Schon beim Eintippen erscheinen erste Hilfen und Anregungen, was gemeint sein könnte. Die sogenannte „Autovervollständigen“-Funktion versucht zu erraten, was der Nutzer eintippen möchte – und orientiert sich dabei an diversen Sachverhalten.

Die eigene Persönlichkeit spielt eine Rolle, die Such-Historie, die Uhrzeit, der aktuelle Standort – das fließt alles ein in die Vorhersage, was jemand eintippen könnte. Google macht entsprechende Vorschläge – und die sehen bei mir anders aus als bei jedem anderen.

Aber auch die präsentierten Suchtreffer sind von vielen Faktoren abhängig, vor allem vom eigenen Such- und Surfverhalten. Googles Algorithmen versuchen, das Passende zu finden.

Wikipedia: Bastion der Unabhängigkeit

Würde Wikipedia genauso vorgehen, bekäme ein Physik-Student bei der Eingabe von „Erde“ etwas anderes zu sehen als ein Verschwörungstheoretiker, der fest davon ausgeht, die Erde wäre eine Scheibe. Der Physiker sieht Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft, der Anhänger der „Die-Erde-ist-eine-Scheibe“-Annahme ganz andere Texte. Denn – hey: Wozu gibt es Algorithmen, die uns alle Inhalte so präsentieren, dass sie uns schmecken und gefallen?

Bei Facebook ist das bekanntlich so. Hier erscheint in der Timeline nicht das, was wirklich relevant oder gar wahr ist, sondern das, was entweder gut bezahlt ist (Sponsored Content) – oder was am meisten Erfolg verspricht.

Die KI bei Facebook unternimmt alles, um den Geschmack der User zu „bedienen“. Nicht, damit er oder sie zufrieden ist, sondern damit er oder sie möglichst lange im Netzwerk bleibt. Denn das verspricht vor allem eins: mehr Umsatz. Und nur darum geht’s.

Verzerrt ein solches Verhalten die Realität? Selbstverständlich!

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