Wie Nokia mit HERE heimlich die Kartenwelt eroberte

von | 16.11.2012 | Tipps

Kartendienste sind heute das Rückgrat der digitalen Welt. Von Navigation über Location-based Services bis hin zu autonomem Fahren – präzise Karten entscheiden über Erfolg oder Misserfolg ganzer Branchen. Während Google Maps weiterhin den Consumer-Markt dominiert und Apple Maps endlich erwachsen geworden ist, hat sich Nokia mit HERE Technologies still und heimlich zur heimlichen B2B-Macht entwickelt.

Die Geschichte begann vor über einem Jahrzehnt katastrophal: Nokia kaufte 2008 für 8,1 Milliarden US-Dollar den Kartendienst Navteq – ein Deal, der damals als überteuert galt. Der 2012 gestartete HERE-Dienst für Endverbraucher war ein Flop, Apples erste Karten-App ein Desaster (erinnert ihr euch an die verschobenen Brücken?), und Google Maps schien unantastbar.

Doch 2026 sieht die Welt völlig anders aus. Nokia verkaufte HERE 2015 an ein deutsches Konsortium aus BMW, Mercedes und Audi für 2,8 Milliarden Euro – scheinbar mit Verlust. Heute ist HERE Technologies einer der wertvollsten Kartendienst-Anbieter weltweit, auch wenn die wenigsten Verbraucher den Namen kennen.

Während Google Maps mit über einer Milliarde Nutzern die Consumer-Krone trägt, läuft HERE im Hintergrund in Millionen von Autos, Logistik-Systemen und IoT-Geräten. Die HERE-Technologie steckt in den Navigationssystemen fast aller deutschen Premiumhersteller, in Amazon-Lieferwagen und in unzähligen B2B-Anwendungen.

Der Clou: HERE hat sich komplett neu erfunden. Statt gegen Google Maps anzukämpfen, konzentriert sich das Unternehmen auf Enterprise-Lösungen, autonomes Fahren und präzise HD-Karten. Während Google Maps euch zum nächsten Restaurant navigiert, erstellt HERE zentimetergenaue Karten für selbstfahrende Autos und optimiert Lieferketten für Großkonzerne.

Die Strategie zahlt sich aus. HERE arbeitet mit über 200 Automobilherstellern zusammen und liefert Kartendaten für mehr als 150 Millionen Fahrzeuge weltweit. Das Unternehmen hat sich von einem gescheiterten Consumer-Produkt zu einem unverzichtbaren B2B-Player gewandelt.

Besonders spannend: Die neue Generation der HERE-Karten nutzt KI und maschinelles Lernen, um sich praktisch in Echtzeit zu aktualisieren. Während klassische Kartendienste Monate brauchen, um Änderungen zu integrieren, erkennt HERE-Technologie automatisch neue Straßen, Baustellen oder Geschwindigkeitsbegrenzungen durch Sensordaten aus vernetzten Fahrzeugen.

Für Verbraucher bedeutet das: Ihr nutzt HERE wahrscheinlich täglich, ohne es zu wissen. Euer BMW navigiert mit HERE-Karten, euer Amazon-Paket wird mit HERE-Routenoptimierung geliefert, und die autonomen Testfahrzeuge auf deutschen Straßen verlassen sich auf HERE-Technologie.

Die Ironie der Geschichte: Nokia wollte ursprünglich gegen Google antreten und verlor. Heute ist HERE in vielen Bereichen technisch überlegen – aber eben nicht dort, wo Verbraucher es sehen. Das Unternehmen verzichtet bewusst auf den umkämpften Consumer-Markt und dominiert stattdessen die lukrativen B2B-Segmente.

Für die Zukunft positioniert sich HERE perfekt. Autonomes Fahren braucht präzisere Karten als menschliche Navigation. Logistik wird immer komplexer und datengetriebener. Smart Cities benötigen detaillierte 3D-Karten für Planung und Verwaltung. HERE liefert für all diese Trends die technische Grundlage.

Die Lehre: Manchmal ist der größte Erfolg, wenn man aufhört, direkt zu konkurrieren und stattdessen den Markt neu definiert. HERE hat aus einer teuren Niederlage eine profitable Nische gemacht – und sich dabei als unverzichtbarer Partner der Mobilitätswende etabliert.

Zuletzt aktualisiert am 24.04.2026