Deutschland und das schnellste Internet der Welt – ein Versprechen, das schon 2013 Alexander Dobrindt als frischgebackener Bundesverkehrsminister formulierte. Heute, über zehn Jahre später, ist klar: Die digitale Realität sieht anders aus. Aber was ist aus den großen Plänen geworden und wo steht Deutschland wirklich?
Dobrindt wollte damals „das schnellste und intelligenteste Netz der Welt“ für Deutschland. Die Wirtschaft sollte die nötigen Milliarden investieren, staatliche Förderung inklusive. Gleichzeitig sollte das durch den NSA-Skandal erschütterte Vertrauen ins Internet wiederhergestellt werden. Große Worte – aber wie sieht die Bilanz aus?
Glasfaser-Ausbau: Fortschritte mit Hindernissen
Immerhin: Beim Glasfaser-Ausbau hat sich einiges getan. Ende 2025 hatten rund 65 Prozent der deutschen Haushalte Zugang zu Glasfaser-Anschlüssen – ein deutlicher Sprung von praktisch null vor zehn Jahren. Allerdings nutzen nur etwa 40 Prozent diese Anschlüsse auch tatsächlich. Zum Vergleich: Südkorea liegt bei über 95 Prozent Glasfaser-Abdeckung, Singapur bei praktisch 100 Prozent.
Die Deutsche Glasfaser, Telekom und regionale Anbieter haben Milliarden investiert. Doch gerade in ländlichen Gebieten bleibt der Ausbau schleppend – trotz staatlicher Förderung von über 15 Milliarden Euro seit 2015.
5G und 6G: Deutschland im Mittelfeld
Beim Mobilfunk sieht es gemischt aus. 5G-Netze sind flächendeckend verfügbar, aber die Qualität schwankt stark. Während in Städten Gigabit-Geschwindigkeiten möglich sind, gibt es auf dem Land noch immer Funklöcher. Die Netzbetreiber haben bis 2025 etwa 25 Milliarden Euro in den 5G-Ausbau gesteckt.
Spannend wird 6G: Hier will Deutschland diesmal von Anfang an dabei sein. Das Bundesforschungsministerium investiert 700 Millionen Euro in 6G-Forschung. Erste kommerzielle 6G-Netze werden ab 2030 erwartet – mit theoretischen Geschwindigkeiten von bis zu 1 Terabit pro Sekunde.
Internet-Geschwindigkeiten: Aufholjagd läuft
Bei der durchschnittlichen Internet-Geschwindigkeit hat Deutschland aufgeholt. Lag der Durchschnitt 2013 noch bei mickrigen 8 Megabit pro Sekunde, sind es heute über 100 Megabit. Spitzenreiter bleiben aber andere: Singapur (300+ Mbps), Südkorea (200+ Mbps), die Schweiz (180+ Mbps).
Das „schnellste Netz der Welt“ ist Deutschland also nicht geworden. Aber immerhin: Für alltägliche Anwendungen reicht die Geschwindigkeit meist aus.
Digitale Souveränität statt NSA-Paranoia
Dobrindts Sorge um das Vertrauen ins Internet ist einem neuen Thema gewichen: digitale Souveränität. Statt NSA-Überwachung beschäftigen uns heute chinesische Hardware-Hersteller und amerikanische Tech-Konzerne. Die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) war ein erster Schritt, aber echte digitale Unabhängigkeit ist noch Zukunftsmusik.
Gaia-X, das europäische Cloud-Projekt, sollte eine Alternative zu Amazon Web Services und Microsoft Azure bieten – mit mäßigem Erfolg. Deutsche Unternehmen setzen weiterhin primär auf US-amerikanische Cloud-Dienste.
Künstliche Intelligenz als Game Changer
Was 2013 kaum jemand auf dem Radar hatte: KI revolutioniert unsere Internetnutzung. ChatGPT und Co. benötigen enorme Bandbreiten und Rechenzentren. Deutschland hinkt hier hinterher – während die USA und China in KI-Infrastruktur investieren, kämpfen wir noch mit Glasfaser-Grundlagen.
Die geplanten KI-Rechenzentren in Deutschland brauchen Unmengen an Strom und schnelle Internetverbindungen. Ohne massive Investitionen in die digitale Infrastruktur droht Deutschland zum digitalen Entwicklungsland zu werden.
Fazit: Solide Mittelklasse statt Weltspitze
Dobrindts Vision vom „schnellsten Netz der Welt“ ist nicht Realität geworden. Deutschland hat aber aufgeholt und bewegt sich im oberen Mittelfeld. Der Glasfaser-Ausbau läuft, 5G ist verfügbar, die Geschwindigkeiten stimmen meist.
Die eigentliche Herausforderung liegt heute woanders: Wie schaffen wir den Sprung zur KI-tauglichen Infrastruktur? Wie werden wir digital souverän? Und wie halten wir mit der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung Schritt?
Die nächste Bundesregierung wird diese Fragen beantworten müssen. Das Versprechen vom weltschnellsten Internet bleibt aktuell – auch wenn die Messlatte inzwischen deutlich höher liegt.
Zuletzt aktualisiert am 19.04.2026