Alle vier Jahre verwandelt sich eine Ecke Brandenburgs in das wichtigste Hackertreffen Deutschlands: das Chaos Communication Camp (CCCamp). Vom 15. bis 19. August 2025 war es wieder so weit – über 5000 Teilnehmer aus aller Welt versammelten sich im Ziegeleipark Mildenberg.
Fünf Tage voller intensiver Diskussionen, Workshops und Networking – organisiert vom Chaos Computer Club, der auch den legendären jährlichen Chaos Communication Congress ausrichtet. Während es beim Congress in Hamburg etwas förmlicher zugeht, herrscht im Camp echte Festivatmosphäre. Zeltstädte entstehen, Hackergruppen bauen ihre Dörfer auf, und zwischen Workshop und Vortrag wird am Lagerfeuer über die neuesten Exploits gefachsimpelt.
Was macht das Chaos Communication Camp so besonders?
Es ist weit mehr als nur ein Technik-Event. Das Chaos Communication Camp ist eine einzigartige Mischung aus Konferenz, Hackathon und digitalem Woodstock. Hier treffen sich die klügsten Köpfe der IT-Sicherheitsszene, Datenschutzaktivisten, Künstler und alle, die sich für eine freiere digitale Welt einsetzen.
Die Themenpalette ist beeindruckend: Von hochkomplexen Reverse-Engineering-Workshops über Vorträge zu KI-Sicherheit bis hin zu gesellschaftskritischen Diskussionen über Überwachung und digitale Rechte. Hier wird nicht nur über Technologie geredet – hier wird sie auch live gehackt, analysiert und verbessert.
Hot Topics 2025: KI-Sicherheit und autonome Systeme
Die Agenda des letzten Camps war geprägt von den brennendsten Themen unserer Zeit. KI-Sicherheit stand ganz oben: Wie lassen sich Large Language Models manipulieren? Welche Backdoors verstecken sich in Transformer-Modellen? Teams demonstrierten live, wie sich ChatGPT-ähnliche Systeme austricksen lassen.
Ein weiterer Fokus lag auf autonomen Fahrzeugen der neuen Generation. Nach den spektakulären Tesla-Hacks von 2024 zeigten Sicherheitsforscher erschreckende Schwachstellen in Over-the-Air-Updates und Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation. Die Erkenntnisse fließen direkt an die Hersteller – schließlich geht es den Camp-Teilnehmern darum, Systeme sicherer zu machen, nicht zu zerstören.
White Hat, Black Hat, AI Hat – die moderne Hacker-Ethik
Die klassische Unterscheidung zwischen White Hat und Black Hat Hackern bleibt relevant, wird aber immer komplexer. White Hats – die „Guten“ – arbeiten konstruktiv: Sie finden Schwachstellen und melden sie verantwortungsvoll. Ihre Devise: „Responsible Disclosure“ statt Chaos.
Black Hats hingegen nutzen ihre Fähigkeiten für kriminelle Zwecke: Erpressung, Datendiebstahl, Sabotage. Sie operieren in einem boomenden Underground-Markt, wo Zero-Day-Exploits Millionen wert sind.
Neu hinzugekommen sind die AI Hats – Spezialistengruppen, die sich ausschließlich mit KI-Systemen beschäftigen. Sie entwickeln Prompt-Injection-Techniken, trainieren Adversarial Examples und erforschen, wie sich neuronale Netze manipulieren lassen.
Die Grey Hats bewegen sich weiterhin in der rechtlichen Grauzone: hacktivist motiviert, aber nicht immer legal. Sie sehen sich als digitale Robin Hoods.
Kritische Infrastrukturen im Visier
Besonders brisant waren 2025 die Workshops zu kritischen Infrastrukturen. Forscher demonstrierten Angriffe auf Smart-Grid-Systeme und 6G-Mobilfunknetze. Ein Team zeigte live, wie sich Quantenverschlüsselung mit klassischen Methoden aushebeln lässt – ein Weckruf für die Post-Quantum-Kryptographie.
Medizinische Geräte bleiben ein Dauerbrenner. Implantierbare Defibrillatoren, vernetzte Insulinpumpen und KI-gestützte Diagnosesysteme – alle zeigten erschreckende Sicherheitslücken. Die Medtech-Industrie hinkt beim Security-by-Design immer noch Jahre hinterher.
Von der Nische in den Mainstream
Was früher ein reines Insidertreffen war, wird zunehmend zum wichtigen gesellschaftlichen Forum. Politiker, Journalisten und sogar Unternehmensvorstände reisen mittlerweile nach Brandenburg, um den Puls der digitalen Zukunft zu fühlen.
Die Camp-Community hat einen enormen Einfluss auf Standards und Regulierung. Ihre Warnungen vor unsicherer IoT-Hardware führten zur EU-Cyber-Resilience-Act. Ihre Analysen von Messenger-Schwachstellen verbessern Signal, WhatsApp und Co.
Das nächste Camp: 2029 mit Quantum-Focus
Bereits jetzt ist klar: Das nächste Chaos Communication Camp 2029 wird das „Quantum Camp“. Bis dahin werden die ersten kommerziellen Quantencomputer verfügbar sein – und mit ihnen völlig neue Angriffsvektoren. Die Community bereitet sich vor: Quantum-Hacking-Kurse, Post-Quantum-Kryptographie-Workshops und die ersten Quantum-Bug-Bounty-Programme sind bereits in Planung.
Das Camp zeigt eindrucksvoll: Die beste Verteidigung gegen schlechte Hacker sind gute Hacker. Und die gibt es nirgendwo konzentrierter als alle vier Jahre in Brandenburg – wo Weltklasse-Expertise auf Lagerfeuer-Atmosphäre trifft.
Zuletzt aktualisiert am 13.04.2026


