KI-Rechenzentren in Deutschland: An diesen Standorten entsteht gerade die KI-Infrastruktur

von | 28.08.2026 | KI

Jede Anfrage an ChatGPT, Claude oder Gemini landet irgendwo in einem Serverschrank. Und dieses Irgendwo bekommt in Deutschland gerade eine sehr konkrete Adresse: Dummerstorf, Lübbenau, das Rheinische Revier, der Frankfurter Osten. Ein Aktionsbündnis hat die Planungen jetzt erstmals auf einer interaktiven Karte gebündelt – und die zeigt einen Ausbau, der viele Gemeinden überrollt.

Wo die neuen KI-Rechenzentren in Deutschland entstehen

Frankfurt am Main bleibt das Herz der deutschen Digitalinfrastruktur. Hessen kommt laut Bitkom auf rund 1.100 Megawatt Anschlussleistung – über ein Drittel der bundesweiten Kapazität. Kein Wunder: Am DE-CIX hängt der größte Internetknoten der Welt, und wer Daten schnell verteilen will, sitzt am liebsten direkt daneben.

Spannender sind die neuen Adressen. Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, plant im Gewerbegebiet Dummerstorf bei Rostock ein KI-Rechenzentrum für 5,6 Milliarden Euro. Start: 240 Megawatt bis 2033, ausbaubar auf ein Gigawatt bis 2045. Zum Vergleich: Ganz Mecklenburg-Vorpommern kommt heute auf 20 Megawatt. Ein zweites Großprojekt der Schwarz-Tochter entsteht in Lübbenau in Brandenburg.

Im Rheinischen Revier hat Microsoft im März 2026 den Spatenstich für einen Rechenzentrums-Cluster gesetzt – 3,2 Milliarden Euro Investition, bis zu 520 Megawatt Anschlussleistung, direkt in einer Region, die den Kohleausstieg verkraften muss. Und in München betreiben Telekom und Nvidia ihre Industrial AI Cloud, deren Leistung Telekom-Chef Tim Höttges bereits verdoppeln will.

Karte Deutschlands mit markierten Gasprojekten von HereBlue
HereBlue visualisiert geplante und im Bau befindliche Gasprojekte in Deutschland. Die Karte zeigt Standorte, Proteste und Projektstatus.

Wie groß solche Anlagen sind, macht ein Beispiel aus Frankfurt greifbar: Ein einzelner Campus mit 54 Megawatt zieht so viel Strom wie rund 80.000 Haushalte. Und das ist nur ein Standort von vielen im Rhein-Main-Gebiet.

Das Muster dahinter: Der Ausbau verlässt die klassischen Metropolen. Brandenburg steuert auf 888 Megawatt zu, Rheinland-Pfalz auf 480 Megawatt. Viele Projekte landen in Industrie- und Gewerbegebieten kleiner Gemeinden.

Warum ausgerechnet dort? Der Strom entscheidet

Der Grund ist selten der Glasfaseranschluss und fast immer die Steckdose. Große KI-Rechenzentren brauchen Anschlussleistungen, die früher Aluminiumhütten vorbehalten waren. Also entstehen sie dicht an Umspannwerken und Hochspannungstrassen, bevorzugt in Regionen mit viel Wind- und Solarstrom. Manche Betreiber finanzieren gleich eigene Anlagen über feste Abnahmeverträge, sogenannte Power Purchase Agreements.

Der Flaschenhals ist der Netzanschluss. Die Übertragungsnetzbetreiber kommen mit dem Ausbau nicht hinterher und priorisieren Großanschlüsse seit April nach dem Reifegradverfahren: Wer am schnellsten bauen kann, kommt zuerst dran. Das erklärt die Hektik. Wer sich einen guten Standort mit Netzzusage sichert, hält ein knappes Gut in der Hand – auch wenn er noch gar nicht weiß, wer die Racks später mietet.

Wie viel davon wirklich gebaut wird

Hier lohnt der nüchterne Blick. Die Karte des Bündnisses „Heiße Luft“, getragen unter anderem von FragDenStaat und AlgorithmWatch, sammelt Ankündigungen – keine Betonfundamente. Ein erheblicher Teil der Projekte wird nie voll ausgebaut.

Das liegt am Geschäftsmodell. Viele Vorhaben zielen auf Colocation: Der Betreiber stellt Fläche, Strom und Kühlung, die Hardware gehört den Kunden. Gebaut wird erst, wenn genug Mieter unterschrieben haben. Hyperscaler wie AWS, Microsoft und Google investieren zwar selbst in Hardware, bestücken ihre Hallen aber Schritt für Schritt. Eine Anschlussleistung von 240 Megawatt bedeutet deshalb nicht, dass dort ab Tag eins 240 Megawatt fließen.

Die belastbaren Zahlen liefert der Bitkom: 2025 kommen alle deutschen Rechenzentren zusammen auf etwa 2.980 Megawatt, davon entfallen 530 Megawatt auf KI-Anwendungen. Bis 2030 soll die KI-Kapazität auf rund 2.020 Megawatt wachsen – eine Vervierfachung, die dann 40 Prozent der Gesamtkapazität ausmacht. Der Stromverbrauch aller Rechenzentren lag zuletzt bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden im Jahr.

Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland trotzdem klein. Die USA kamen 2024 auf rund 48 Gigawatt Rechenzentrumsleistung, China auf 38 Gigawatt. Deutschland liegt bei knapp drei Gigawatt – also bei etwa einem Sechzehntel der US-Kapazität. Wer den deutschen Ausbau für maßlos hält, sollte diese Relation kennen. Wer ihn für ausreichend hält, allerdings auch.

Nebenbei: Rund ein Drittel der neuen Kapazität bauen US-Konzerne. Wer über digitale Souveränität spricht, sollte diese Zahl im Kopf behalten.

KI-Rechenzentren verbrauchen enorme Energiemengen
KI-Rechenzentren verbrauchen enorme Energiemengen

Was das für die Gemeinden bedeutet

Genau hier wird es unangenehm. Über die Ansiedlung entscheiden Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und Gemeinderäte, die ihr Amt oft nebenberuflich oder ehrenamtlich ausüben. Ihnen liegen Bauanträge auf dem Tisch, bei denen es um Milliardeninvestitionen, Kühlwassermengen und Netzanschlüsse geht – Themen, für die anderswo ganze Fachabteilungen zuständig sind.

Die Sorgen der Anwohner drehen sich meist um Wasser. Der Verbrauch lässt sich technisch stark senken, erste Anlagen arbeiten mit geschlossenem Kühlkreislauf. Das kostet allerdings mehr als klassische Verdampfungskühlung, und ohne klare Auflagen wählt niemand freiwillig die teurere Variante. Ähnlich bei der Abwärme: Ein Rechenzentrum kann ein Wohnquartier heizen, wenn in der Nähe jemand die Wärme abnimmt und beide Seiten früh genug planen. Passiert das nicht, verpufft die Energie.

Bislang fehlt vielen Kommunen schlicht die Grundlage für gute Entscheidungen. Das Digitalministerium arbeitet an Leitfäden – reichlich spät für Gemeinden, die schon mitten im Genehmigungsverfahren stecken.

Was du daraus mitnehmen solltest

Der KI-Boom ist keine Wolke, er ist Beton, Stahl und Kupfer. Wenn in deiner Region ein Rechenzentrum geplant wird, lohnt der Blick auf drei Zahlen: die Anschlussleistung in Megawatt, das Kühlkonzept und die Frage, ob ein Abwärmekonzept mehr ist als ein Satz in der Präsentation.

Und es lohnt der Blick auf die Karte. Zum ersten Mal lässt sich öffentlich nachvollziehen, wer wo plant. Bislang war das Wissen auf Ratsprotokolle und Pressemitteilungen verteilt. Diese Transparenz ist das eigentliche Ergebnis des Projekts – nützlicher als jede Prognose, wie viele der Ankündigungen am Ende wirklich Strom ziehen.

Deutschland braucht mehr eigene KI-Rechenleistung, keine Frage. Die Frage ist, ob wir sie geplant bekommen oder ob sie einfach passiert.


FAQ

Wie viele KI-Rechenzentren gibt es in Deutschland? Rund 2.000 Rechenzentren ab 100 Kilowatt Leistung, davon etwa 100 mit mehr als 5 Megawatt. Auf KI-Anwendungen entfallen 2025 rund 530 der insgesamt 2.980 Megawatt Anschlussleistung.

Wo stehen die größten Rechenzentren Deutschlands? Der Schwerpunkt liegt in Frankfurt am Main und Umgebung. Neue Großprojekte entstehen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

Wie viel Strom verbrauchen Rechenzentren in Deutschland? Etwa 21,3 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr. Bis 2030 soll die Gesamtkapazität auf rund 5.000 Megawatt steigen.

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Jörg Schieb
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