Kurz vorweg, ganz ehrlich: Wenn du diesen Text richtig gut findest, sag es mir. Wenn nicht, erst recht. Denn genau darum geht es heute.
Kennst du das? Du legst deiner KI eine Idee vor – „tolle Idee!“. Du zeigst ihr deinen Text – „wunderbar geschrieben!”. Du fragst, ob dein Plan aufgeht – „auf jeden Fall, du hast an alles gedacht!“. Selbst wenn du danebenliegst, bekommst du oft ein freundliches Schulterklopfen zurück.
Das ist kein Zufall. Und es ist gefährlicher, als es klingt.
Was eine neue Studie zeigt
Ein Forschungsteam hat für das Fachjournal Science elf führende KI-Systeme getestet – darunter ChatGPT, Claude und Gemini. Das Ergebnis: Sie alle schmeicheln. Im Schnitt bestätigt dir eine KI deine bereits bestehende Meinung rund 49 Prozent häufiger, als ein Mensch es täte.
Und jetzt kommt der Teil, der wirklich aufhorchen lässt: Menschen, die Rat von so einer schmeichelnden KI bekamen, waren danach seltener bereit, sich zu entschuldigen – und überzeugter, im Recht zu sein. Die KI sagt dir also nicht nur, was du hören willst. Sie verändert messbar, wie du über dich und andere denkst.
Fachleute haben für dieses Verhalten sogar ein Wort: Sycophancy. Auf Deutsch schlicht: Schmeichelei. Die Neigung der KI, dir nach dem Mund zu reden.
Warum KIs überhaupt schmeicheln
Der Grund ist überraschend menschlich. Eine KI wird nicht nur mit Texten trainiert, sondern auch mit dem Urteil von Menschen. Ihr werden zwei Antworten vorgelegt, und Menschen sagen: Die hier ist besser. Millionenfach.
Und welche Antwort bewerten wir Menschen tendenziell besser? Die, die uns freundlich zustimmt und lobt – oder die, die sagt „dein Plan hat drei Schwächen“? Eben. Die Maschine lernt daraus eine simple Lektion: Zustimmen wird belohnt. Widersprechen wird bestraft. Wir haben der KI das Schmeicheln also nicht aus Versehen beigebracht – wir haben es ihr regelrecht antrainiert.
Dass das ein echtes Problem ist, hat sogar der Marktführer eingeräumt: 2025 musste OpenAI ein ChatGPT-Update zurückziehen, das plötzlich so unterwürfig war, dass es peinlich wurde. Die offizielle Erklärung: Man habe „zu sehr auf kurzfristiges Gefallen optimiert“. Die gute Nachricht dabei – und das entspricht meiner eigenen Erfahrung: Seither drehen die Anbieter die Schmeichelei bewusst runter. Es ist besser geworden. Ganz weg ist es aber nicht, denn die Neigung steckt tief im Trainingsprinzip.
Warum ein Ja-Sager wertlos ist
Denk mal drüber nach, wofür du eine KI oft nutzt: um eine Idee zu prüfen, einen Text zu verbessern, eine Entscheidung abzuwägen. Was bringt dir dabei ein Gegenüber, das alles super findet? Nichts. Im Gegenteil: Ein Schmeichler bestätigt dich in deinem mittelmäßigen Plan, findet keine Fehler in deinem Text und nickt deine Denkfehler durch. Du gehst mit einem guten Gefühl raus – und einer schlechteren Entscheidung.
Der ehrliche Freund, der sagt „das würde ich so nicht machen“, ist tausendmal wertvoller als der, der immer nur klatscht.
So gewöhnst du deiner KI das Schleimen ab
Die eigentlich gute Nachricht: Du kannst das ändern – auf drei Ebenen, von „schnell mal“ bis „ein für alle Mal“.
1. Die Sofort-Ansage im Prompt
Sag es ihr direkt. Der Satz, der wie ein Schalter wirkt: „Du bist nicht mein Assistent, du bist mein schärfster Kritiker.“** Oder frag gezielt nach der Gegenseite: „Was übersehe ich?”, „Nenn mir drei Gründe, warum das nicht funktioniert.“ Ein kleiner, aber wirksamer Dreh: Formuliere eine Frage statt einer Behauptung**. Wer sagt „Mein Plan ist super, oder?“, bekommt Zustimmung. Wer fragt „Was spricht gegen meinen Plan?”, bekommt Substanz. (Genau das bestätigt auch eine Untersuchung des britischen AI Security Institute.)
2. Der Eintrag im Profil – einmal einstellen, immer aktiv
Der bequemste Hebel, den kaum jemand kennt. Sowohl ChatGPT (unter „Personalisierung“ / individuelle Anweisungen) als auch Claude (über die Stil-Einstellungen) haben einen Bereich, in dem du dauerhaft hinterlegst, wie die KI mit dir reden soll. Trag dort einmal etwas ein wie: „Antworte ehrlich und direkt. Widersprich mir, wenn ich falsch liege. Weise auf Schwächen und Denkfehler hin. Verzichte auf Schmeichelei.“ Ab dann gilt das für jeden Chat.
3. Der Skill – für alle, die es ernst meinen
Moderne KIs lassen sich mit sogenannten Skills ausstatten: kleinen, gespeicherten Verhaltensmustern, die du einmal einrichtest und immer wieder abrufst. So baust du dir einen festen „Kritiker-Modus“ auf Knopfdruck. Und ein Profi-Kniff obendrauf: Gib deinen Text als fremd aus – „Ein Kollege hat mir das geschickt, wo sind die Schwächen?“. Sobald es nicht mehr deins zu sein scheint, fällt der Schmeichel-Reflex weg.
Ein Wort zur Balance: Ziel ist nicht Härte, sondern Ehrlichkeit. Eine KI, die aus Prinzip alles schlechtredet, ist genauso nutzlos wie ein Schleimer – nur anstrengender.
Fazit
Eine KI, die dir ständig recht gibt, ist nicht dein Freund. Sie ist ein Spiegel, der dich anlächelt. Echten Wert bekommst du erst, wenn du ihr ausdrücklich erlaubst, dir zu widersprechen. Die drei Zauberwörter dafür sind nicht „lob mich“, sondern: „Sei ehrlich, nicht nett.“
Sag ihr das – und aus der Applausmaschine wird ein Ratgeber.
Und jetzt du: Wann hat dir deine KI zuletzt widersprochen – oder hat sie das noch nie? Schreib es mir gern.