Fake Webseiten erkennen: 5 Handgriffe, die in 30 Sekunden Klarheit schaffen

von | 27.08.2026 | Internet

Gefälschte Nachrichtenseiten sehen aus wie das Original – Logo, Schrift, Layout, sogar das Impressum. Wer Fake Webseiten erkennen will, braucht trotzdem keine Spezialsoftware. Es reichen fünf Handgriffe, die jeder in einer halben Minute macht.

Der Trick ist alt, die Qualität ist neu. Da klickt jemand auf einen Link bei Instagram oder X und landet auf einer Seite, die aussieht wie die Tagesschau. Oder wie die Süddeutsche. Oder wie die BILD. Und dort steht dann eine Schlagzeile, die es in sich hat: Politiker unter Mordverdacht, uneheliche Kinder, Korruption im großen Stil. Frei erfunden, komplett. Aber verpackt in ein Design, das perfekt kopiert wurde.

Solche Kampagnen laufen seit Jahren, und sie werden gezielt vor Wahlen hochgefahren. Ermittlungsbehörden verorten die Urheber in Russland. Das Ziel ist dabei nicht, dass alle die Fälschung glauben. Es reicht völlig, wenn genug Leute nicht mehr wissen, was sie glauben sollen. Zweifel ist billiger zu produzieren als Zustimmung – und wirkt länger.

Die gute Nachricht: Diese Seiten haben eine Schwachstelle, und die lässt sich in Sekunden ausnutzen.

1. Die Adresszeile lesen – der wichtigste Test

Alles auf einer Webseite lässt sich fälschen. Layout, Logo, Schriftart, Autorenfotos, Impressum. Eine halbe Stunde Arbeit, mehr nicht.

Eine Sache lässt sich nicht fälschen: die Internetadresse. Die muss jemand irgendwo kaufen, und tagesschau.de ist nun mal vergeben. Also nehmen die Fälscher etwas, das ähnlich aussieht. Typosquatting nennt sich das. Aus tagesschau.de wird tagesschau-online.info, aus sueddeutsche.de wird sz-news.co. Mal fehlt ein Buchstabe, mal hängt eine Endung dran.

Der entscheidende Kniff beim Lesen: Such in der Adresse den ersten einzelnen Schrägstrich. Was direkt davor steht, ist die echte Adresse. Alles, was weiter vorne steht, kann sich jeder ausdenken.

Ein Beispiel. Steht da:

spiegel.de.nachrichten-heute.xyz/politik/...

dann gehört diese Seite nicht dem Spiegel. Sie gehört nachrichten-heute.xyz. Der vordere Teil ist Dekoration.

Ein Problem gibt es allerdings am Handy: Links aus Instagram oder TikTok öffnen sich in einem eingebauten Browser, der die Adresse versteckt oder abschneidet. Dann tippst du auf die drei Punkte und wählst „In Safari öffnen“ beziehungsweise „In Chrome öffnen“. Danach steht die vollständige Adresse da, wo sie hingehört.

2. Die Gegenprobe: Schlagzeile auf der echten Seite suchen

Die Adresse sieht plausibel aus? Dann kommt der zweite Handgriff, und der ist noch einfacher.

Öffne einen zweiten Tab. Tippe tagesschau.de oder sueddeutsche.de selbst ein – nicht über den Link, sondern von Hand. Und such dort nach der Schlagzeile.

Wenn ein Ministerpräsident tatsächlich unter Mordverdacht stünde, dann stünde das nicht auf einer einzelnen Seite. Das stünde überall, auf jedem Portal, in jeder Nachrichtensendung. Zehn Sekunden, Sache erledigt.

Diese Gegenprobe funktioniert auch bei Bildern und Videos: Eine Rückwärtssuche mit Google Lens oder der Bildersuche zeigt oft, dass ein Foto aus einem ganz anderen Zusammenhang stammt – aus einem anderen Land, aus einem anderen Jahr. Auch etablierte Faktencheck-Portale wie Correctiv, Mimikama oder der ARD-Faktenfinder haben die großen Fälle meist binnen Stunden aufgearbeitet.

3. Klick ins Leere: Fakes bestehen meist aus einer Seite

Der dritte Handgriff dauert zwei Sekunden. Klick auf der verdächtigen Seite irgendwo anders hin. Auf das Menü. Auf einen anderen Artikel. Auf Sport, auf Wetter, auf die Suche.

Meistens passiert nichts. Diese Fälschungen bestehen oft aus genau einer einzigen Seite. Alles andere ist tot oder leitet auf das Original weiter. Ein echtes Nachrichtenportal dagegen hat Hunderte Artikel, funktionierende Ressorts und eine Suche, die Ergebnisse liefert.

Achte dabei auch auf die kleinen Unsauberkeiten: Sätze, die klingen, als wären sie maschinell übersetzt worden. Ein Datum, das nicht passt. Ein Autorenname, den es in der Redaktion nicht gibt.

4. Der emotionale Marker: Wut ist das beste Warnsignal

Jetzt kommt der Punkt, den die meisten Ratgeber unterschlagen – und der im Alltag am zuverlässigsten funktioniert.

Diese Geschichten sind konstruiert, um eine ganz bestimmte Reaktion auszulösen: Empörung. Nicht Neugier, nicht Interesse. Empörung. Politiker ermordet Großmutter. Bürgermeister bringt Sportler um. Das ist kein Zufall, das ist Bauplan.

Wenn beim Lesen dieser Impuls kommt, dieses „Das darf doch nicht wahr sein, das müssen alle sehen!“ – dann ist genau das das Warnsignal. Der Reflex, sofort zu teilen, ist eingeplant. Er ist das Geschäftsmodell der Kampagne.

Wer stattdessen kurz innehält, hat den Fake praktisch schon erkannt. Wut ist das schnellste Erkennungsmerkmal, das wir haben, und es kostet nichts.

5. Technische Prüfung: für alle, die es genau wissen wollen

Wer tiefer graben will, kann über eine Whois-Abfrage nachsehen, wann eine Domain registriert wurde. Wenn eine angebliche Traditionszeitung ihre Adresse vor drei Wochen gekauft hat, ist die Sache klar.

Ehrlich gesagt: Im Alltag macht das kaum jemand. Wer wütend auf einen Link klickt, startet keine Datenbankabfrage. Die Handgriffe eins bis vier sind im echten Leben deutlich wirksamer.

Gretchen-AI-Website zur Deepfake-Erkennung mit Porträtanalyse
Gretchen AI erkennt digitale Manipulationen in Echtzeit. Vertrauen schaffen für die Informationswelt von morgen.

Hilft KI beim Fake Webseiten erkennen?

Zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses ist ein KI-Werkzeug namens „Gretchen“ gestartet, entwickelt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und der TU Berlin. Verdächtige Posts schickt man per Direktnachricht an ein Instagram-Konto. Die KI prüft auf drei Ebenen: technische Manipulation, Abgleich mit rund 300.000 bereits geprüften Faktenchecks und die Einordnung ins größere Erzählmuster. Zurück kommt kein Wahrheitsstempel, sondern Hinweise mit Quellen.

Ordentlich gebaut. Nur: Wer einen Post erst in eine andere App weiterleitet, hat bereits gezweifelt. Diesen Menschen muss man kaum noch helfen. Und das Angebot kommt von einer Landesbehörde – ausgerechnet die Zielgruppe, die man erreichen müsste, misstraut dem Staat. Sonst würde sie diese Geschichten gar nicht erst glauben.

Das Wichtigste zum Schluss

Diese gefälschten Nachrichtenseiten tauchen bei Google gar nicht auf. Sie sind nicht indexiert. Von allein stolpert niemand darüber.

Sie funktionieren ausschließlich, weil Menschen den Link teilen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Kampagne hat keine eigene Reichweite. Sie leiht sich unsere.

Adresse lesen. Schlagzeile gegenprüfen. Nichts weiterleiten, solange du wütend bist. Drei Gewohnheiten, keine Software – und die Sache läuft ins Leere.

Jörg Schieb
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