Seit Wochen erhalten Antiquariate in Deutschland nächtliche Massenbestellungen. Dahinter steckt offenbar der Datenhunger der KI-Branche: Bücher kaufen, aufschneiden, scannen – und das Papier entsorgen. Ein US-Gericht hält das für legal. Zeit für einen genauen Blick auf ein Geschäftsmodell, das den Buchmarkt verändert.
Es beginnt Ende April mit einem merkwürdigen Muster: Bei Online-Antiquariaten trudeln nachts automatisierte Bestellungen ein – dutzendweise, manchmal hunderte Bücher pro Händler. Immer vergriffene Titel, pro Titel genau ein Exemplar, sofort bezahlt.
Absender ist eine kanadische Firma namens Zoom Books, die sich selbst als Buchrecycler bezeichnet. Bestellt wird vor allem über die Amazon-Tochter AbeBooks, geliefert an ein Lager im sächsischen Kodersdorf. Von dort gehen die Bücher vermutlich per Container nach Nordamerika.
Die Dimension ist beachtlich: Branchenschätzungen gehen von bis zu 700.000 Titeln allein aus Deutschland aus, weltweit von rund drei Millionen. Gekauft wird keine Ware für Sammler, sondern das Gegenteil: Kochbücher, Biografien, Reiseführer, Fachbücher – Massenware, die oft seit Jahren im Regal lag. Manche Antiquare berichten von fünfstelligen Umsätzen binnen weniger Wochen.
„Project Panama“: Der dokumentierte Präzedenzfall
Warum kauft jemand Bücher, die kaum jemand wollte? Die plausibelste Erklärung: als Trainingsmaterial für Künstliche Intelligenz. Dass dieses Modell existiert, ist keine Spekulation, sondern gerichtlich dokumentiert. Im Januar enthüllte die Washington Post auf Basis entsiegelter Gerichtsakten das interne „Project Panama“ des KI-Unternehmens Anthropic, Hersteller des Chatbots Claude.
Die Details lesen sich wie Industriegeschichte: Anthropic kaufte ab 2024 Millionen gebrauchter Bücher, engagierte dafür ausgerechnet Tom Turvey – den Mann, der einst Googles Buchscan-Programm mit aufgebaut hatte. Doch anders als Google Books, das Bücher schonend digitalisierte und zurückgab, setzte Anthropic auf „destruktives Scannen“: Maschinen trennen die Buchrücken ab, die losen Seiten laufen durch Hochgeschwindigkeitsscanner, das Papier landet im Altpapier. Schneller, billiger – und endgültig. Das erklärte Ziel laut internem Planungspapier: „alle Bücher der Welt“ destruktiv scannen.
Zoom Books bestreitet, für KI-Firmen einzukaufen oder Bücher zu vernichten. Ein inzwischen gelöschter Blogbeitrag der Firma trug allerdings den Titel „How to Source Used Books for AI Training“. Zieh deine eigenen Schlüsse.
Warum ausgerechnet alte Bücher?
Die KI-Branche hat ein Rohstoffproblem. Die frei verfügbaren Texte im Internet sind weitgehend abgegrast – und was nachwächst, ist zunehmend selbst von KI erzeugt. Modelle mit KI-generierten Texten zu trainieren, verschlechtert aber nachweislich die Qualität. Die Branche braucht deshalb, was Fachleute „hochwertige Humandaten“ nennen: von Menschen geschriebene, redigierte, lektorierte Texte.
Und genau die stecken millionenfach in gedruckten Büchern, die nie digitalisiert wurden. Ein Sachbuch aus den Neunzigern mag wirtschaftlich wertlos sein – als Sprachmaterial ist es Gold: durchdachte Argumentation, Fachvokabular, sauberes Deutsch. Gerade wissenschaftliche und gehobene Sprache ist im Netz rar. Wer bessere Modelle bauen will, braucht besseres Futter. Der Antiquariatsmarkt ist dafür die letzte große, unerschlossene Quelle.
Die Rechtslage: legal in den USA, heikel in Europa
Das Erstaunliche an der Geschichte: Ein US-Bundesrichter hat genau diese Praxis abgesegnet. Im Juni 2025 entschied Richter William Alsup im Verfahren Bartz v. Anthropic, dass der Kauf und das Scannen gedruckter Bücher fürs KI-Training unter „Fair Use“ fällt – die Nutzung sei „exceedingly transformative“, also in höchstem Maße umwandelnd. Wer ein Buch rechtmäßig erwirbt, darf es zerschneiden, scannen und den Text verarbeiten. Die 1,5 Milliarden Dollar, die Anthropic später an Autorinnen und Autoren zahlte, betrafen ausschließlich Raubkopien aus Schattenbibliotheken – nicht die gekauften Bücher.
Dieses Urteil hat aus einer Grauzone einen legalen Beschaffungsmarkt gemacht. Und es erklärt die Bestellwellen: Wenn Scannen legal ist, wird Einkaufen zum Wettbewerbsvorteil.
In Europa sieht die Lage anders aus. Ein Fair-Use-Prinzip kennt das europäische Urheberrecht nicht. Es gibt zwar eine Ausnahme für Text- und Data-Mining – aber mit Opt-out: Verlage und Rechteinhaber können der Nutzung ihrer Werke widersprechen, und viele tun das längst. Wer Bücher in Europa kauft, sie in die USA verschifft und dort scannt, umgeht diese Schutzmechanismen faktisch. Juristisch ist das bislang unangefochten. Sauber ist es nicht.
Gut oder schlecht? Eine Einordnung
Die reflexhafte Empörung über „geschredderte Bücher“ greift zu kurz. Drei Punkte zur Entdramatisierung: Vernichtet wird überwiegend Massenware, die mehrfach existiert. Seltene, wertvolle, signierte Ausgaben kaufen die Massenverwerter gar nicht – die sind ihnen schlicht zu teuer. Antiquare verdienen an Beständen, die sonst früher oder später ohnehin im Altpapier gelandet wären. Und die Inhalte verschwinden nicht – sie leben in den Modellen weiter. Wobei „weiterleben“ das falsche Wort ist: Sie werden verrechnet. Die KI liest kein Buch, sie zerlegt es in statistische Muster. KI denkt nicht, sie rechnet – auch hier. Hinzu kommt: Das deutsche Bucherbe hängt nicht am Antiquariatsmarkt. Die Deutsche Nationalbibliothek sammelt seit über hundert Jahren Pflichtexemplare aller hierzulande erschienenen Bücher – was dort im Magazin steht, kann kein Aufkäufer schreddern.
Drei Punkte bleiben trotzdem unbequem. Erstens die Transparenz: Niemand weiß verlässlich, wer die Bücher am Ende bekommt und was mit ihnen geschieht. Die Beteiligten schweigen oder dementieren. Zweitens die Vergütung: Die Autorinnen und Autoren, deren Sprache die Modelle trainiert, bekommen keinen Cent – der Erlös bleibt beim Zwischenhandel. Das Alsup-Urteil zementiert diese Schieflage. Drittens das Erbe: Bei vergriffenen Titeln mit kleiner Auflage kann das letzte greifbare Exemplar im Schredder landen. Das digitale Abbild existiert dann – aber exklusiv in den Rechenzentren eines Konzerns, nicht in einer öffentlichen Bibliothek. Das ist der eigentliche Unterschied zu Google Books: Dort entstand ein durchsuchbarer öffentlicher Katalog. Hier entsteht ein privater Rohstoffspeicher.
Mein Fazit
Der Buchmarkt erlebt gerade, was Fotografen, Journalisten und Musiker schon hinter sich haben: Seine Bestände werden zum Trainingsmaterial – legal, großflächig, unumkehrbar. Aufhalten lässt sich das kaum, solange US-Gerichte den Weg freihalten. Umso wichtiger ist die europäische Antwort: durchsetzbare Opt-outs, Transparenzpflichten für Trainingsdaten, wie sie der AI Act vorsieht, und eine ehrliche Debatte über Vergütungsmodelle. Denn das einzelne Taschenbuch ist ersetzbar. Die Frage, zu welchen Bedingungen unser gedrucktes Wissen in die Maschinen wandert, ist es nicht.

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