Polizeigewalt und struktureller Rassismus beschäftigen nicht nur die USA, sondern mittlerweile die ganze Welt. Doch während wir über aktuelle Fälle diskutieren, geraten historische Bewegungen in Vergessenheit, die wichtige Zeichen gesetzt haben. Eine davon war #UseMeInstead – eine Protestaktion, die 2015 eine besonders perfide Form der Diskriminierung aufdeckte.
Es begann mit einer schockierenden Entdeckung: Eine Frau fand in einer Mülltonne auf einem Schießübungsplatz ein Fahndungsfoto ihres Bruders – durchlöchert von Kugeln. Das Bild des dunkelhäutigen Mannes hatte der örtlichen Polizei über lange Zeit als Zielscheibe für Schießübungen gedient. Dutzende solcher perforierter Fotos lagen dort herum.
Das Fahndungsfoto von Woody Deant stammte aus einer längst vergangenen Zeit. Der Mann hatte seine Strafe bereits abgesessen, war längst wieder frei und Familienvater geworden. Dass ausgerechnet sein Gesicht als Zielscheibe herhalten musste, löste eine Welle der Empörung aus – und führte zu einer der eindrucksvollsten Protestaktionen der sozialen Medien.
Clergy respond to cops using black men’s mugshots as targets, tell them #UseMeInstead: https://t.co/MWHe0SxQaO pic.twitter.com/kL0bRtLKn9
— VICE News (@vicenews) 26. Januar 2015
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Geistliche verschiedener Konfessionen starteten daraufhin die Kampagne #UseMeInstead („Nehmt mich stattdessen“). Was als Facebook-Post begann, entwickelte sich schnell zu einer viralen Bewegung auf Twitter, TikTok und Instagram. Hunderte Menschen posteten Fotos von sich selbst – manche mit einem symbolischen „Einschussloch“ auf der Stirn.
Die Botschaft war klar und verstörend zugleich: Wenn die Polizei schon Gesichter als Zielscheiben braucht, dann sollen sie die der privilegierteren, meist weißen Bevölkerung nehmen. Die Aktion machte brutale Realitäten sichtbar, die viele bis dahin verdrängt hatten.
Rückblickend war #UseMeInstead ein Vorläufer der Black Lives Matter-Proteste von 2020. Die Kampagne zeigte bereits damals, wie soziale Medien genutzt werden können, um auf strukturelle Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Sie demonstrierte auch, wie visuelle Kommunikation – ein einfaches Foto mit symbolischem Einschussloch – komplexe gesellschaftliche Probleme auf den Punkt bringen kann.
Heute, fast zehn Jahre später, haben sich die Protestformen weiterentwickelt. Bewegungen wie Black Lives Matter nutzen ausgeklügelte Social-Media-Strategien, koordinieren Aktionen über Messenger-Apps und setzen auf Livestreams bei Demonstrationen. Influencer und Content Creator haben gesellschaftspolitische Themen für sich entdeckt und erreichen Millionen von Followern.
Doch die Grundprobleme bestehen weiter. Polizeigewalt, Racial Profiling und struktureller Rassismus sind nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Deutschland präsent. Studien belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger von Polizeikontrollen betroffen sind. Die Debatte um Rassismus in deutschen Sicherheitsbehörden flammt regelmäßig auf.
Was #UseMeInstead besonders machte, war der persönliche Mut der Teilnehmer. Sie stellten ihr eigenes Gesicht als Symbol zur Verfügung – ein kraftvoller Akt der Solidarität. In einer Zeit, in der Online-Aktivismus oft anonym oder distanziert abläuft, war diese persönliche Betroffenheit außergewöhnlich.
Die Kampagne zeigt auch, wie wichtig es ist, historische Ungerechtigkeiten nicht zu vergessen. Woody Deants Geschichte ist nur eine von unzähligen – aber sie steht exemplarisch für ein System, das Menschen entmenschlicht und zu bloßen Zielscheiben degradiert.
Für uns heute bedeutet das: Wachsam bleiben, hinschauen und den Mut haben, unbequeme Wahrheiten anzusprechen. Die Bilder von #UseMeInstead sprechen noch immer für sich – als Mahnung und als Auftrag für eine gerechtere Gesellschaft.
Zuletzt aktualisiert am 17.04.2026