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Googles größte Datenpanne

16.05.2010 | Von Jörg Schieb

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Wo Menschen arbeiten, da passieren Pannen. Das ist keine Frage. Wo viele Menschen arbeiten, das passieren halt eben ein paar mehr Pannen. „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, weiß der Volksmund. Stimmt.

Allerdings gibt es auch so etwas wie Verantwortung – und Glaubwürdigkeit. Und die leidet nunmal enorm, wenn man ausgerechnet da versagt, wo die eigene Kernkompetenz liegt. Genau das ist jetzt Google passiert. Oder besser: Google hat dort versagt, wo ein Unternehmen wie Google nicht versagen darf.

Wie Google selbst zugibt, haben die durch Deutschland rollenden Streetview-Fahrzeuge mit ihren Fototürmen nicht nur Aufnahmen von Häusern und Straßen gemacht, sondern – so ganz nebenbei – auch Informationen über WLANs aufgezeichnet und gespeichert. Das allein ist nicht schlimm, finde ich, denn das machen auch andere Unternehmen und sogar angesehene deutsche Forschungsinstitute wie das Fraunhofer Institut. Mit solchen WLAN-Daten lässt sich in dicht besiedelten Gebieten prima eine Ortsbestimmung für Handys und Notebooks realisieren – über die WLAN-Netze in der Umgebung. Persönliche Daten werden dazu weder benötigt, noch veröffentlicht.

Eigentlich. Aber hier nun die Panne: Google hat persönliche Daten aus ungesicherten WLAN-Netzen aufgezeichnet und gespeichert. Wer also ein ungesichertes WLAN-Netz betreibt, den hat Google kurz besucht und auf die Festplatte geschaut (bildlich gesprochen, nicht wörtlich zu verstehen). Und das nicht etwa nur bei uns in Deutschland, sondern in allen 34 Ländern, in denen Google Streetview-Fotos gemacht hat.

Ganz ehrlich: Das verschlägt mir die Sprache – und macht mich auch richtig zornig. Denn so etwas darf einfach nicht passieren. Offensichtlich wurden etliche hundert GByte sogenannter „Nutzdaten“ aus offenen WLAN-Netzen empfangen und gespeichert. Das können Fragmente aus E-Mails sein oder auch nur geladene Webseiten. Zwar lässt sich nur schwer eine direkte Zuordnung zu Wohnungen oder gar Personen herstellen, aber eins steht fest: Das ist verboten und darüber hinaus natürlich auch ein absolutes Tabu für ein Informationsimperium wie Google. Denn die Streetview-Fahrzeuge haben die Daten nicht etwa nur empfangen, sondern eben auch gespeichert.

Richtig zornig macht mich die offensichtliche Inkompetenz des Unternehmens. Google wei0ß offensichtlich nicht mal selbst, welche Daten seine Mitarbeiter erheben, speichern und verarbeiten – und genau das ist dann mehr als nur bedenklich. Eine solche Schlamperei ist Wasser auf den Mühlen all jener, die Google gerne immer wieder unterstellen, Daten im großen Stil zu sammeln und ohne Rücksicht auf Verluste auszuwerten und zu verwerten. Wer wollte da jetzt noch widersprechen?

Immerhin hat Google seinen Patzer in einem Blogeintrag selbst zugegeben. Wenn es stimmt, was Google da schreibt, war es nicht geplant, die Daten zu speichern (was allerdings auch noch schöner wäre, da verboten).

Dass es energischer Nachfragen deutscher Datenschützer bedarf, damit ein Multimilliarden-Dollar-Unternehmen eine solch gigantische Panne bemerkt, ist allerdings beängstigend. Da fragen sich natürlich nicht nur Laien, sondern auch Daten- und Verbraucherschützer in aller Welt: Welche Daten speichert Google eigentlich noch – ob nun versehentlich, wissentlich oder willentlich!?

Jetzt muss dringend mal was passieren, soll das Vertrauen in Onlinedienste und IT-Unternehmen nicht in Bodenlose sinken. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass sich US-Unternehmen wie Google, Facebook und Co. um den Datenschutz kümmern und das Thema nicht mehr belächeln. Sie müssen uns genau und plausibel erläutern, welche Daten erfasst, gespeichert, generiert und verwendet werden – und zu welchem Zweck eigentlich.

Nur so lässt sich verloren gegangenes Vertrauen wiedergewinnen.




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9 Kommentare to “Googles größte Datenpanne”

  1. Robert meint:

    Das herablassende Schimpfen auf Menschen, die ihren WLAN-Zugang nicht gesichert haben ist wie auch sonst weder angemessen noch angebracht. Viele der offenen WLAN-Zugänge sind bewusst offen gehalten (zumindest noch, s. aktuelles BGH-Urteil) um anderen Menschen auch unterwegs einen Internet-Zugang zu bieten (z. B. die bekannte Coffee-Shop-Kette).
    Die Daten die man darueber empfangen kann sind damit schon meist nicht mehr personenbezogen bzw. einer einzelnen Person zuzuordnen. Da gehen ganz normale Webdaten hin und her wie z. B. Sucheanfragen mit Ergebnisse bei Google usw. Die gleichen Daten bekommt man auch, wenn man sich mit einem Sniffer an eine Internetleitung hängt (und da hängen noch ganz viele andere und auch unbekanntere Firmen!). Zugänge zu Email und sozialen Netzwerken usw. sind in der Regel SSL-verschlüsselt (von allem anderen sollte man eh die Finger lassen).
    Also ist die Aufregung hinsichtlich eines Datenmissbrauchs mit Sicherheit mehr als übertrieben.
    Jedoch zeigt sich hier etwas ganz anderes, was mir deutlich bedenklicher erscheint: die Informationspolitik von Google. Über Monate hinweg wird hier nur Stückchen für Stückchen an Informationen herausgegeben welche Daten denn nun verarbeitet und gespeichert werden. Und Google sammelt bekanntlich auf vielen anderen Wegen Unmengen an Daten, die wesentlich personenbezogener sind, als der WLAN-Webverkehr. Google hat hier wie so manch anderer Internetkonzern die Ernsthaftigkeit des Themas Datenschutzes noch nicht begriffen.
    Und dass die Daten versehentlich ohne Wissen von Google gespeichert wurden, ist aus meiner Sicht nur eine Ausrede. Wer sich im Geschäftsumfeld auskennt, weiß, dass es für Aufträge sehr genaue Spezifikationen gibt und ein Dienstleister wird sich allein den Aufwand für die Speicherung der damit zu erwartenden riesigen Datenmengen sparen, wenn er dafür kein Geld bekommt. Und für das Auslesen der WLAN-Kennung und der Signalstärke muss ich keine IP-Daten protokollieren.
    Zusammenfassend ist der eigentliche Grund (das Speichern des WLAN-Datenverkehrs) für die Hysterie eigentlich viel zu unbedeutend, aber grundsätzlich sehe ich wie viele andere das Datenschutzverständnis von Google schon sehr bedenklich. Daher muss hier wohl auch mal eine Kleinigkeit herhalten, um Grundsätzliches zu klären.
    Auch wird aktuell viel ueber Facebook und dessen Privacy-Einstellungen geschimpft. Wer mal die AGBs von Google liest, sieht, was sie mit den meinen Daten so anstellen, um mir die richtige Werbung anzuzeigen (z. B. Suchhistorie an Hand der IP-Adresse). Und das kann ich nicht so einfach abschalten. Auch wenn hier wie bei Facebook keine personenbezogenen Daten an Dritte vergeben werden, muss sich jeder selbst fragen, ob das dabei entstehende Profil auf einem zentralen Server(system) in jedermanns Interesse ist.

  2. oskar meint:

    Die Leser, die Google hier so vehement verteidigen, sollten mal über den Tellerrand sehen. Vielleicht finden sie da was von Identität und deren Missbrauch.

    http://litfas.de/computertreff/identitaets-missbrauch.php

    Google ist doch nur ein Puzzleteil von vielen. Das Problem ist nicht Google, sondern das Gesamtpuzzle.

  3. Gilhorn meint:

    Die Leute, die offene WLAN-Netze nutzen, vergleiche ich gerne mit Leuten, die durch ein Megaphon ihre Geheimnisse verbreiten. Nur, dann darf man sich nicht wundern, wenn alle es hören können und es dann keine Geheimnisse mehr sind.

  4. Jörg Schieb meint:

    @Abraxl: Streetview halt ich nach wie vor für einen guten Service – und die Aufregung für übertrieben. Aber dieser Dilettantismus bei der Erfassung der Daten, das muss einen schon schocken. Hätte ich nie für möglich gehalten, muss ich wirklich zugeben!

  5. Mascha meint:

    Nö, also ich finde nicht, dass jetzt was passieren muss. Lass die Kritiker doch einfach so lange Google kaputt reden, bis Google Deutschland abschaltet. Das würde den Hitzköpfen mal ganz gut tun. Hat eigentlich mal einer beim Frauenhofer Institut eine Durchsuchung gemacht? Warum sind sich alle so sicher, dass dort keine Zusatzdaten gespeichert wurden?

  6. Abraxl meint:

    Zitat:

    Jörg Schieb meint:
    19.03.2010 um 10:57

    Wieso entsetzt? Und was hat das mit der Wohnung zu tun? …
    …Aber diese Dinge zu verquicken, halte ich für vollkommen unverhältnismäßig. Abgesehen davon halte ich auch das Datenkrake-Argument bei Streetview für unpassend: Das kann an anderer Stelle absolut berechtigt vorgetragen werden, aber nicht bei Streetview.

  7. Weezer meint:

    Ich stimme Dir in soweit zu, als dass ich es sehr befremdlich finde wenn Google nicht genau weiß was von wem in ihrem „Auftrag“ gespeichert und erfasst wird. Solche Zustände alarmieren ein wenig wenn man bedenkt zu welchen Datenquellen Google theoretisch Zugriff hat. Wenn dann im eigenen Laden nicht mal klar ist wer wie an der Sammlung oder Nutzung beteiligt ist wirkt das schon sehr bedrohlich.
    Aber was ich wirklich lächerlich finde ist die Aufregung ausgerechnet an DIESER vermeintlichen Google-Datenlücke. Denn man muss mal wirklich ruhig betrachten WAS hier passiert ist. Da sind Datenfetzen von Menschen „gesammelt“ worden die unverschlüsselte Netze nutzten und das einzige an Daten was theoretisch verwertbar ist sind Daten über unverschlüsselte Verbindungen ins Web. Wer so dämlich ist, ohne Verschlüsselung zu surfen, dann auch noch ohne Verschlüsselung möglicherweise Emaildienste zu nutzen oder sensible Webseiten ohne https:// ansurft, der ist es wirklich selber Schuld. Wenn ich nackt durch die Fußgängerzone renne sollte ich mich nicht darüber echauffieren wenn mich jemand nackt sieht. In meinen Augen ist dieser Vorfall kein Beweis für die Vertrauensunwürdigkeit von Google als vielmehr der Beweis wie naiv, leichtsinnig und dumm die Deutschen noch immer in der Nutzung von Informationstechnik sind. Die Gier der Medien nach einem „Datenskandal“ bei Google ist riesig. Hier wird also ein grob fahrlässiges Verhalten von dummen Endanwendern in ein Google Datenschutzproblem umdefiniert, das finde ich scheinheilig und verlogen. Sicherlich wäre die Interpretation eine andere, wenn die Gottheit der IT-Journalisten Steve hochwohlgeboren Jobs das gemacht hätte. Bei Gott persöhnlich schweigen die Journalisten über solche Sachen gerne, oder hört man in vergleichbarem Maße über deren Zensurpolitik in ihrem Monopol iTunes etwas? Nein, das vergibt der Journalist gerne, schließlich beschenkt Gott der Apfel persönlich seine Hofschreiberlinge immer wieder und das Journalistenpack träumt (wie einst die Musikbranche) ja von dem heiligen Retter Steve Jobs. Der Springer Chef Döpfner hat selbst WÖRTLICH gesagt, dass Journalisten morgens nach dem Aufstehen beten sollten und Gott für Apple danken, denn er bringe ihnen die Rettung durch ein neues Geschäftmodell. Bedarf es mehr? Wo ist kritischer Journalismus geblieben? Beim Apple Logo ist der Reflex ein orgamsmischer Werbetext, bei Google schreit der brave Journalist auf. Auch wenn der eigentliche Skandal die Unerfahrenheit der Nutzer ist und nicht die Boshaftigkeit Googles. Das nervt wirklich ungemein…

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  1. […] Disput mit deutschen Datenschützern hat Google nicht nur eine peinliche Schlappe (versehentliches Aufzeichnen von WLAN-Daten) eingebracht, sondern auch eine Menge Ansehen […]

  2. […] seinen Aufnahmen für das Internet-Programm Street View hatte Google auch W-Lan-Netze erfasst. Daten, die über ungesicherte Netze gesendet wurden, hat Google miterfasst und gespeichert. […]