Telefonieren übers Internet ist auf dem Vormarsch. Experten gehen davon aus, dass diese Technik das heutige Tele-fonnetz in den nächsten 10 Jahren vollständig ersetzen wird. Allein das Kommunikationsunternehmen indigo networks, das aus-schließlich Internettelefonanschlüsse anbietet, hat in diesem Jahr bereits 40.000 Kunden für seinen Dienst “Sipgate” gewon-nen.

Auch andere Unternehmen wie 1&1, Broadnet, Freenet, Nikokel, QSC und Web.de können sich nicht über mangelndes Interesse be-klagen. Was die meisten auf Internettelefonie neugierig macht: Die Gesprächsgebühren fallen deutlich niedriger aus als im konventionellen Festnetz. Wer innerhalb des Internet telefo-niert, egal bei welchem Provider, plaudert sogar völlig gra-tis.

Bei “Voice over IP” (VoiP) wird die Sprache in Form gewöhnli-cher Datenpakete übers Internet übermittelt. Einzige Voraus-setzung, um über das Internet telefonieren zu können: ein Breitbandanschluss, also DSL oder Kabel. Denn um eine hochwer-tige Sprachqualität in beide Richtungen ermöglichen zu können, ist eine Bandbreite von rund 80 KBit/Sekunde nötig.

Das Konzept Voice over IP ist nicht neu. Bereits in den 90er Jahren gab es erste zaghafte Versuche, Telefongespräche übers Internet abzuwickeln. Damals war die Handhabung allerdings noch recht kompliziert. Beide Gesprächspartner mussten diesel-be Spezial-Software verwenden, sich zum Gespräch verabreden und obendrein ein am PC angeschlossenes Headset benutzen. Be-lohnt wurde dieser Einsatz nicht: Schlechte Sprachqualität, oft konnte immer nur einer reden. Walkie-Talkie-Feeling übers Netz.

Heute sind Internettelefone eigentlich kaum noch von regulären Apparaten zu unterscheiden. Wer mag, kann sogar sein normales Telefon benutzen. Die meisten Provider bieten ihren Kunden spezielle Adapter wie die “FritzBox Fon” vom Berliner Herstel-ler AVM an. Dort kann der Benutzer jedes normale Telefon an-schließen – und ist so in der Lage, wahlweise über Festnetz oder Internet zu telefonieren. Ein PC ist nicht mehr nötig.

Telefongespräche innerhalb des Internet, wenn beide Gesprächs-partner mit einem Internettelefon plaudern, sind gratis. Für Anrufe ins Festnetz werden sehr wohl Gebühren berechnet. Al-lerdings fallen die spürbar geringer aus als sonst, weil die Langstrecke des Gesprächs kostengünstig über das Internet ab-gewickelt wird. Erst auf den letzten Metern übergibt der Pro-vider das Gespräch dann ans reguläre Festnetz, meist zum Orts-tarif.

Der Preisvorteil wird an die Kunden durchgereicht. Einige Pro-vider verlangen eine Monatsgebühr, die dann ein bestimmtes Mi-nutenkontingent enthält, andere verzichten auf eine Grundge-bühr. Die Düsseldorfer indigo networks bietet jetzt sogar ei-nen Pauschaltarif an: Wer den Tarif “nufone full flat” bucht, kann für 19,95 Euro im Monat beliebig oft und lange im deut-schen Festnetz telefonieren.

Mittlerweile können Internettelefonierer auch aus dem Festnetz angerufen werden. Viele Provider teilen ihren Kunden auf Wunsch eine Rufnummer zu. Ab November gibt es sogar eine spe-zielle Vorwahl für Internettelefone: 032.

Vorteil einer eigenen Rufnummer: Man kann jederzeit aus dem Festnetz angerufen werden, unabhängig vom Aufenthaltsort. Ver-bindet ein Reisender sein VoiP-Telefon im Hotelzimmer mit dem Internet, ist er dort unter seiner deutschen Rufnummer er-reichbar – sogar im Ausland. Der Anrufer muss weder wissen, wo sich der Angerufene aufhält, noch fallen irgendwelche zusätz-lichen Gebühren für die Weiterleitung des Gesprächs an.

Bislang konnten VoiP-Kunden sich die Vorwal aussuchen. Doch die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation (RegTP) hat diese Praxis nun eingeschränkt. Die Betreiber dürfen ihren VoiP-Kunden jetzt nur noch eine Rufnummer am Wohnort des Kun-den zuteilen. Ein VoiP-Kunde aus Berlin bekommt eine Nummer mit Berliner Vorwahl, ein Hamburger eine Nummer aus Hamburg.

Bei allen Vorzügen: Es drohen durchaus auch neue Gefahren. So warnt das amerikanische VoiP-Unternehmen Qovia vor Reklameter-ror übers Internettelefon, kurz “Spit” genannt. “Mit der zu-nehmenden Nutzung von Voice over IP in Privathaushalten ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Spammer auch hier ihre Re-klame absetzen”, weiß Pierce Reid von Qovia.

Keine unberechtigte Sorge. Laut US-Magazin “New Scientist” schafft es ein entsprechend programmierter Computer, bis zu 1000 Anschlüsse pro Minute anzurufen und dort gesprochene Re-klame abzuladen. Da Telefongespräche innerhalb des Internet kostenlos sind, ein ganz neuer “Markt” für Spammer. Dass die längst in den Startlöchern stehen, gilt indes als ausgemacht: Marktforscher schätzen, dass schon im Jahr 2008 jeder dritte US-Haushalt über das Internet telefonieren wird. Ein attrakti-ver Markt für Spam-Versender.

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Fakten über Voice over IP

Sprachqualität: Wer übers Internet telefoniert, bekommt heute eine Sprachqualität, die sich mit einem ISDN-Telefon verglei-chen lässt.

Sonderrufnummern: Nicht alle regulären Telefonnummern sind er-reichbar. Vor allem teure 0180- oder 0190-Nummern sind bei ei-nigen Providern gesperrt.

Notruf: Einige Provider stellen sicher, dass Notrufe unter 110 und 112 korrekt durchgestellt werden.

Datenvolumen: Wer einen DSL-Pauschaltarif hat, muss sich darum keine Gedanken machen. Alle anderen DSL-Benutzer müssen sich auf ein relativ überschaubares Datenvolumen von 72 MByte pro Stunde einstellen.

Telefonapparat: Es gibt spezielle Internettelefone (ab 99 Eu-ro), die sich direkt mit dem Internet verbinden lassen. Oder man stöpselt das normale Telefon in einen Spezialadapter und kann so wahlweise im Festnetz oder Internet telefonieren.