Würde der gute alte Knigge noch unter uns weilen – er müsste seine berühmte Benimmschwarte um ein wichtiges Kapitel erweitern. Titelvorschlag: „Wie ich mich im Internet richtig benehme“. Dort könnten dann alle nachlesen, was im Cyberspace erlaubt ist und was nicht. Knigge gibt´s leider nicht, dafür aber die Netiquette.

Wer in eine neue Wohnung zieht, kriegt als erstes die Hausordnung in die Hand gedrückt. „Fahrräder gehören nicht in den Hausflur. Müllabfuhr ist mittwochs.“ Alles klar? Wir nicken freundlich. Zwar mögen nicht immer alle Regeln einleuchten, aber sie gehören halt dazu. Überall im Leben. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Uni, im Krankenhaus oder im Flugzeug: Ein paar Spielregeln helfen, einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen.

Im Internet ist das nicht anders. Die Netiquette ist die Etikette fürs Netz. Sie gibt Datensurfern dringend nötige Benimmregeln an die Hand. Die Netiquette erinnert daran, was sich gehört und was nicht. Sie gibt Tipps für den Internetalltag. „Prima. Dann schau ich doch gleich mal nach, ob mir der Provider die Netiquette zugeschickt hat.“ Hat er sicher nicht. Denn die Netiquette sind „ungeschriebenes Gesetz“. Was aber nicht heißt, dass sie nicht abgedruckt werden dürften. Zum Beispiel im Basic Internet. Hier also zehn griffige Regeln für den Umgang miteinander, vor allem beim Austausch von E-Mail und im Chat.

Regel 1: Ohne Respekt geht´s nicht

Manch wichtige Regel haben wir schon als Kind gelernt. „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg´ auch keinem anderen zu.“ Heißt letztlich nichts anderes als: „Respektiere Deine Mitmenschen“. Das ist immer gut und gilt natürlich auch im Web. Denn allzu leicht gerät in Vergessenheit, dass am anderen Ende der Leitung auch ein Mensch sitzt. Wenn es trotzdem mal ein User vergisst – was leider häufiger vorkommt als wünschenswert wäre –, bloß nicht laut lamentieren. Den Rüpel besser ignorieren. Das wirkt am besten. Zu diskutieren und argumentieren bringt sowieso nichts und verärgert andere Teilnehmer nur. Tipp: Manche Chats bieten eine „Ignorieren“-Funktion. Wer auf den Button klickt und den Nickname des Störenfried eingibt, erreicht, dass die Beiträge des Onlinerüpels heraus gefiltert werden. Und schon ist Ruhe.

Regel 2: „Hey Du“ oder „Hallo Sie?“

Locker geht´s zu, im Chat. Die meisten User greifen beherzt zum „Du“. Warum auch nicht? Sieht ja eh keiner, wie alt man ist. Nur ganz wenige bevorzugen das förmliche „Sie“. Also bitte nicht beleidigt sein, wenn´s kumpelhaft zur Sache geht. Einfach mitmachen – und zurück duzen. Falls englisch gesprochen wird, sind sowieso alle fein raus. You can say you to me.

Regel 3: Erst mal umschauen

Wer neu in einem Chatraum ist, sollte nicht gleich laut los poltern. Das kommt nicht so gut an. Am besten, erst mal in aller Ruhe ein paar Eindrücke sammeln. Welcher Ton herrscht im Chat? Wie gehen die Leute miteinander um? Das ist schließlich in jedem Chat etwas anders. Wer gleich in die Tasten haut und eine große Lippe riskiert, zieht möglicherweise den Unmut aller anderen auf sich. Falls sich rausstellt, dass der Chat nichts für einen ist – einfach wieder gehen. Das nimmt einem keiner übel.

Regel 4: Recht auf eigene Meinung

Wir leben in einem freien Land. Und da darf nun mal jeder sagen, was er denkt. Natürlich auch schreiben. Eigentlich glasklar, oder? Schon. Allerdings nur, sofern dadurch nicht die Rechte anderer verletzt oder einschränkt werden. Das gilt auch im Chat, wo die Emotionen schon mal gerne hoch kochen. Wer etwas zu sagen hat, kann das jederzeit unverblümt tun. Wenn einem die Meinung eines anderen nicht passt: Ruhe bewahren. Entweder sachlich diskutieren – oder besser den Schnabel halten.

Regel 5: Bitte nicht SCHREIEN

Manche diskutieren ruhig und sachlich, andere regen sich über jede Kleinigkeit auf. Da wird dann auch schon mal die Stimme erhoben. Wahr ist, dass es rein gar nichts macht, wenn jemand seinen PC anschreit. Vermieden werden sollte aber, dass längere Passagen in Großbuchstaben geschrieben werden. DENN DAS IST SO, ALS OB WIR SCHREIEN. Alles klar?

Regel 6: Diskretion ist Trumpf

Man muss es ja nicht gleich so strikt handhaben wie ein Pastor, Arzt oder Rechtsanwalt. Doch Diskretion ist eine höfliche Pflicht. Will sagen: Was andere einen anvertrauen, das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Zumindest nicht ungefragt. Bevor also die E-Mail, die Nachricht oder Bemerkung eines anderen Netzbürgers öffentlich zitiert wird, den Urheber erst um Erlaubnis fragen. Das gehört sich einfach so. Wir fänden es ja auch nicht lustig, wenn im Vertrauen Gesagtes plötzlich jeder im Chat zu lesen bekommt.

Regel 7: Fass Dich kurz

Onlinezeit kostet. Deshalb liegt die Würze in der Kürze. Wer lieber in epischer Breite erzählt, was auch wenige Worte sagen, macht sich im Netz schnell unbeliebt. Warum? Weil das Geld kostet. Zugegeben: Früher war das tragischer als heute, weil da jede Onlineminute noch das Zehnfache gekostet hat. Aber das Kurzfassen hat sich eingebürgert. Schließlich verbringt niemand gerne seine Zeit mit der Lektüre unnötiger Prosa. Erst recht nicht im Chat. Deshalb lieber rasch auf den Punkt kommen und auf unnötige Ausschweifungen verzichten. Wer gerne viel erzählt, soll ein Buch schreiben.

Regel 8: Nicht pöbeln, bitte

Manche Regel ist so selbstverständlich, dass sie eigentlich gar nicht erwähnt werden müsste. Eigentlich. Zum Beispiel, was das Pöbeln betrifft. Das gehört sich nicht. Im normalen Leben, aber auch im Chat. Leider wird gegen diese Regel am häufigsten verstoßen – und damit gleichzeitig gegen Regel Nummer eins. Kann man nix machen. Außer, sich das Zurückpöbeln zu verkneifen.

Regel 9: Keine Werbung

Auf eins reagiert die Netzgemeinde absolut allergisch: auf Werbung. Werbung jeder Art hat im Chat nichts verloren. Also bloß nicht auf die Idee kommen, für die eigene Webseite zu werben (es sei denn, es ist eine private und es passt gerade zum Thema). Aber erst recht nicht für kommerzielle Angebote, Geschäfte, Onlineshops, Veranstaltungen oder andere Dinge, die mit Business zu tun haben. Werbung ist im Chat tabu. Punkt.

Regel 10: Grundrecht auf Anonymität

Jeder Teilnehmer in einem Chat hat ein Grundrecht auf Anonymität. Deshalb wurden schließlich die Nicknames erfunden. Falls jemand nicht sagen will, wie er (oder sie?) wirklich heißt und auch seine E-Mail Adresse nicht herausrücken will – bitte akzeptieren. Schließlich drücken wir im richtigen Leben auch nicht jedem gleich unsere Visitenkarte mit Adresse und Telefonnummer in die Hand, oder? Sollte es gute Gründe geben, die Identität einer Person aufzudecken (wegen strafrechtlich relevanter Vorgänge), dann an den Verwalter (Administrator) des Chats wenden, am besten per E-Mail und mit Begründung. Es ist technisch oft möglich, die Herkunft der Chatteilnehmer zurückzuverfolgen.

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Regel 11: Nimm Dir Zeit

Immer dran denken, wenn etwas fürs Netz geschrieben wird, egal ob in einem Chatforum, einem Diskussionsforum, einer Mailingliste oder für die eigene Homepage: Ganze viele Leute lesen das. Deshalb sollte alles klar und unmissverständlich formuliert sein. Klar, in einer E-Mail an die Freundin kann man schon mal wolkige Anspielungen machen. Doch in einem Beitrag für die Allgemeinheit sollte darauf besser verzichtet werden. Lieber klar und deutlich sagen, worum es geht. Das kostet Zeit – und die sollte sich jeder nehmen. Auch darauf achten, dass die Beiträge nicht vor Tippfehlern strotzen. Das stört beim Lesen und lenkt nur ab.

Regel 12: Worum geht´s?

Menschen mit wenig Zeit kommen schnell auf den Punkt. Wer durch das World Wide Web surft oder Diskussionsbereichen durchsucht, möchte natürlich nur solche Sachen lesen, die auch interessant sind. Deshalb ist es wichtig, in der Betreffzeile („Subject“) immer möglichst präzise anzugeben, worum es eigentlich in dem Beitrag geht. Unbedingt beachten, sowohl bei E-Mails als auch bei öffentlichen Diskussionen, zum Beispiel im Usenet.