Andere Länder, andere Sitten. Während Deutsche nur ungern über Geld reden, haben Amerikaner ein eher unverkrampftes Verhältnis zum Thema Geld: Sie reden öffentlich über ihr Vermögen, tauschen sich sogar mit Freunden oder Kollegen über ihr Einkommen aus. Mittlerweile verraten immer mehr Menschen sogar im Web, was sie auf dem Konto haben und wie sich ihr Vermögen entwickelt – öffentlich.

Unter www.networthiq.com kann jeder ein Konto einrichten und Angaben zu Vermögen und Schulden machen: Ob Aktien, Anleihen, Immobilien, Wertsachen, Einkommen, Guthaben – lässt sich alles auf der Haben-Seite eintragen. Schulden, Verbindlichkeiten und Kredite landen auf der anderen Seite der Online-Bilanz. Die Angaben lassen sich jederzeit aktualisieren. Auf diese Weise entsteht eine Langzeitbeobachtung von Vermögen und Verbindlichkeiten, die sich sogar in Charts darstellen lässt.

Facebook für Finanzen

Networthiq ist eine Art „Facebook für Finanzen“: Hier kann jeder seine Finanzsituation öffentlich machen, mit beliebig vielen Details. Kaum einer meldet sich hier mit seinem echten Namen an, stattdessen werden, wie im Web üblich, Pseudonyme benutzt. Die finanziellen Angaben sind daher weitgehend anonym – aber trotzdem interessant. Viele wollen hier ihre Lebenssituation mit der anderer vergleichen. Außerdem entsteht eine Art Wettbewerb: Wer schafft es, sein Vermögen schneller zu vergrößern? Wer hat ein glückliches Händchen bei Wertpapieren?

Das Motto von Networthiq lautet: „Track. Share. Compare.“ Verfolgen, Teilen, Vergleichen. Es geht in erster Linie darum, sein eigenes Vermögen im Auge zu behalten. Diese Informationen mit anderen zu teilen und zu vergleichen macht aber auch einen entscheidenden Teil des Reizes aus.

Kontrollieren und Vergleichen

Die meisten legen Konten bei networthiq.com an, weil sie für sich selbst Kontrolle haben wollen, sie wollen ihre Einnahmen und Ausgaben verwalten – und sich durch den öffentlichen Blick darauf zu Ausgabendisziplin zwingen und so versuchen, ihr Vermögen zu erweitern. Wer mag, kann hier jede Kleinigkeit eintragen, etwa wenn er sich einen Kaffee kauft, und so auch seine Haushaltskasse verwalten. Man kann das, man muss es nicht. Andere verwalten damit nur grob ihre aktuelle Vermögenssituation und benutzen networthiq.com also als eine Art Online-Buchhaltung.

Und alle machen mit: Vom 14-jährigen Schüler, der noch zu Hause wohnt, über den Studenten, die Hausfrau oder den Rentner mit kleinem Einkommen über den gut verdienenden Angestellten bis hin zu schwerreichen Managern ist alles vertreten. Eins der größten Konten auf Networthiq weist derzeit ein Nettovermögen von 4,7 Mio Dollar aus. Die meisten Vermögensstände sind aber eher gering, mit kleinen Aktiendepots. Viele sind aber auch in den Miesen, weil die Schulden so hoch sind, etwa wegen Kredite für die Ausbildung.

Für Deutsche schwer vorstellbar

Für deutsche Ohren klingt das alles ein wenig befremdlich: Da machen sich die Menschen Gedanken über Datenschutz und haben Sorge vor Benutzerprofilen, die Webseiten anlegen könnten – auf der anderen Seite gibt es Menschen, die selbst solche Daten öffentlich machen. Das passt eigentlich kaum zusammen. Doch Networthiq ist eine Art Nabelschau in Sachen Wohlstand – und kaum einer in den USA hat ein Problem damit. Vielmehr können die Nutzer vergleichen, wie andere in ähnlichen Situationen mit ihrer Vermögenssituation umgehen. Es wird auch eifrig diskutiert.

Unter www.ohnomymoney.com hat der Privatmann Eric Mill eine Art Online-Kontoauszug ins Netz gestellt: Er präsentiert hier fünf Zahlen, den Stand seiner Kreditkarte, den Stand seines Darlehens für das Studium, seinen Kontostand und sein aktuelles Vermögen, das im Augenblick bei minus $12.400 liegt. Die Seite aktualisiert diese Daten nahezu täglich, über einen anderen Webdienst Wesabe.

In Deutschland ist es wohl auch weiterhin kaum denkbar, dass sich viele Menschen bereitfinden würden, ein Portal mit solchen Daten zu füttern – Anonymisierung hin, Anonymisierung her. Dabei könnte es durchaus interessant und aufschlussreich sein.