Ziviler Ungehorsam im digitalen Zeitalter: Betreiber von depub.org retten Tagesschau-Archiv

Seit rund zehn Jahren gibt es die Tagesschau auch im Web: In der Zeit hat tagesschau.de ein imposantes Archiv aufgebaut, mit Hunderttausenden von Artikeln zu wichtigen Ereignissen und aktuellen Themen. Viele Internetbenutzer greifen gerne auf das Nachrichtenportal der ARD zurück. Doch seit dem 1. September ist das Archiv um rund 80% geschrumpft: Viele Artikel stehen nicht mehr zur Verfügung, können nicht mehr gelesen werden.

Die Redaktion hat Hunderttausende Artikel gelöscht – nicht versehentlich, sondern auf ausdrückliche Anweisung. Die Ministerpräsidenten der Länder haben im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag festgelegt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Onlineaktivitäten begrenzen müssen. Eine Vorgabe sieht vor, dass Inhalte bereits nach sieben Tagen wieder aus dem Netz entfernt werden müssen. Ausgewählte Inhalte dürfen sechs Monate, wenige auch ein Jahr im Netz bleiben – danach muss nahezu alles gelöscht werden. „Depublizieren“ sagen die Fachleute dazu.

Tagesschau.de musste wie alle anderen seine Inhalte aus dem Netz entfernen. Übrigens nicht nur 800.000 Artikel, sondern auch Specials, Sendungen, Interviews und Filme. Doch nun sind viele der gelöschten Artikel auf einer anderen Webseite wieder aufgetaucht. Unter www.depub.org wurde eine Art Kopie des Tagesschau-Archivs veröffentlich. Eine Webseite, auf der man tatsächlich auf das gesamte Archiv von tagesschau.de zurückgreifen kann. Hier lassen sich mehrere hunderttausend Onlinebeiträge und Artikel nachschlagen. Das Layout der Webseite ist zwar reduziert. Doch Besucher können das Archiv chronologisch oder durch Eingabe von Suchbegriffen durchforsten.

Depub.org ist keine offizielle Seite von NDR, ARD oder Tagesschau, sondern wird von Unbekannten auf einem ausländischen Server betrieben. Besucher können kostenlos nach Stichwörtern suchen, das Angebot aber auch chronologisch durchforsten. In dem Portal stehen über 800.000 Artikel aus zehn Jahren tagesschau.de zur Verfügung. Allerdings ausschließlich Texte, derzeit noch keine Audios oder Videos – das würde wohl die Kapazitäten der Server sprengen.

Juristisch ist die Sache eindeutig: Im Grunde darf niemand die Inhalte von tagesschau.de kopieren und auf einem anderen Server anbieten, denn die Inhalte gehören der Tagesschau und sind urheberrechtlich geschützt. Artikel und Fotos ungefragt zu kopieren, ist eindeutig ein Urheberrechtsverstoß. Aus diesem Grund muss der NDR auch versuchen, die Täter zu ermitteln. Da die Betreiber derzeit aber unbekannt sind, wird es allerdings schwierig, den Rechtsweg zu beschreiten. Da der Server im Ausland betrieben wird, kann es eine Weile dauern oder sogar unmöglich sein, die Betreiber ausfindig zu machen.

Gleichwohl trifft die Aktion auf große Sympathie: Die Mehrheit der User ist entzückt, denn viele verstehen aus nachvollziehbaren Gründen nicht, wieso bezahlte, nützliche Nachrichten und Inhalte aus einem Archiv getilgt werden müssen. Sie sind dankbar für eine Alternative, wo sie nachschlagen und recherchieren können. Die anonymen Betreiber werden wie eine Art Robin Hood im digitalen Zeitalter gesehen.

Weil das Angebot gut ankommt, haben die Macher angedeutet, es ausbauen zu wollen. Denkbar ist beispielsweise, dass auch Multimediainhalte übernommen und angeboten werden, was allerdings sehr kostspielig und aufwändig ist. Möglicherweise könnten auch die Onlineinhalte anderer ÖR-Sender auf ähnliche Weise wiederbelegt werden, denn es sind ja nicht nur die Inhalte der Tagesschau von der Depublikation betroffen, sondern auch die Onlineinhalte von WDR, NDR, SWR, BR und vielen anderen.

1 Kommentar zu „Ziviler Ungehorsam im digitalen Zeitalter: Betreiber von depub.org retten Tagesschau-Archiv“

  1. Glauben diese Einfallspinsel von Ministerpräsidenten wirklich, ein Archiv, das einmal im Internet war und sich als nützlich erwies, mit einer Anordnung löschen zu können? Eine solch primitive Denke bringen eben nur Politiker auf.

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