Seit Edward Snowdens Enthüllungen wissen wir mit Gewissheit, was wir vorher nur vermutet haben: Die Geheimdienste lesen alles mit. Britische und amerikanische Geheimdienste kennen kein Pardon, wollen alles wissen. Auf dem IT-Sicherheitsgipfel Anfang der Woche in Bonn wurden Ideen laut, wie man zumindest einen Teil der Schnüffeleien verhindern könnte. Der Vorschlag: Eine Art nationales Internet zu schaffen. Wenn Daten von und nach Deutschland gehen, dann sollen sie garantiert nicht deutschen Boden verlassen. Aber bringt das wirklich etwas?

  • Wie genau sieht der Vorschlag aus? Was hat man sich unter einem „nationalen Internet“ vorzustellen?

Die Idee dahinter ist vergleichsweise einfach: Wenn Sender und Empfänger eines Datenpakets in Deutschland sitzen, dann sollen Datenpakete künftig auch in Deutschland bleiben. Klingt erst mal logisch. Und in der Tat: Wenn ein in Deutschland sitzender Datensurfer eine Webseite auf einem deutschen Server abruft, dann sollten die Datenpakete in Deutschland bleiben. Dasselbe gilt für den Fall, dass Sender und Empfänger einer E-Mail in Deutschland sitzen.

Normalerweise ist das ohnehin der Fall. Doch es gibt Ausnahmen. Da sich Datenpakete im Internet grundsätzlich von ganz alleine den besten Weg suchen, kann es vorkommen, dass sie auch mal den Umweg übers Ausland nehmen, etwa dann, wenn es auf der eigentlich kürzesten Strecke Engpässe gibt. Der Umweg übers Ausland ist mitunter schneller, auch preiswerter.

Doch dann können natürlich ausländische Geheimdienste mithören und spionieren. Ein rein nationales Internet würde das verhindern. Deswegen schlägt Noch-Telekom-Chef René Obermann vor, dass ein Gesetz künftig Auslandsreisen von Datenpaketen verbieten soll, wenn Sender und Empfänger in Deutschland sitzen. Dieser Gedanke soll sogar auf ganz Europa – oder besser: den Schengen-Raum – ausgedehnt werden.

 

  • Klingt doch erst mal vernünftig: Ist das denn überhaupt machbar?

Technisch machbar wäre so ein nationales Internet durchaus. Es setzt zwar einigen technischen Aufwand voraus, aber man könnte den Daten vorschreiben, welchen Weg sie zu nehmen haben. Das würde also gehen. Funktionieren würde das aber nur, wenn alle Provider, zumindest alle großen Provider mitmachen. Deshalb schwebt Obermann auch eine gesetzliche Regelung vor.

  • Trotzdem gibt es erhebliche Kritik an dem Vorschlag. Die Initiative wird auf Twitter unter dem Hashtag #schlandnet verspottet. Wieso die Kritik?

Dafür gibt es verschiedene gute Gründe. Zum einen läuft der Datenverkehr, wenn alles gut läuft, sowieso komplett in Deutschland ab. Dazu bedarf es also keiner Gesetze. Zum anderen ist es aber gerade die Telekom, ausgerechnet, die sich nicht an Standards hält. Die meisten Provider wickeln ihre Daten über einen zentralen Knotenpunkt in Frankfurt ab. Eigentlich alle, mit Ausnahme der Telekom. Die Telekom möchte gerne extra Verträge für den Datenverkehr abschließen und dafür kassieren. Deshalb leiten viele den Traffic an und von der Telekom übers Ausland, weil es preiswerter ist. Das wäre vermeidbar, wenn auch die Telekom den Frankfurter Knotenpunkt nutzen würde.

Darüber hinaus sehen es die meisten Experten als problematisch an, den Datenpaketen ihre Route vorzuschreiben. Das widerspricht dem Grundsatz, dass sich die Datenpakete völlig selbständig den besten, schnellsten Weg im Internet suchen. Es ist niemandem damit gedient, das Internet in kleine, abgeschottete Netze zu unterteilen. So etwas kennt man ansonsten eher aus Ländern wie China oder Iran, die das Internet zu Zensurzwecken in Ketten legen.

 

  • Klingt so, als ob die grundsätzliche Idee zwar gut gemeint wäre, letztlich aber nichts bringt. Wie geht es weiter?

Der Vorschlag wird diskutiert. Aber in der Tat: Das angestrebte Ziel, dass der Internet-Verkehr seltener abgehört wird, wird auf diese Weise wohl eher nicht erreicht. Niemand weiß, ob ausländische Geheimdienste nicht auch in Deutschland spionieren und ob international tätige Provider nicht auch auf anderem Weg Daten ins Ausland schaffen.

Es würde daher eine Sicherheit vorgegaukelt, die letztlih gar nicht existiert. Am Ende ist das kontraproduktiv.

  • Kann man denn gar nichts machen, um sich den Datenspionen zu entziehen?

Das einzige, was wirklich hilft, ist die Verschlüsselung der Daten, und zwar die Peer-to-Peer-Verschlüsselung. Es muss also an beiden Enden verschlüsselt werden, mit einem möglichst langen Schlüssel. Das stellt dann auch die Geheimdienste vor eine nahezu unüberwindbare Hürde. In diesem Bereich müsste mehr passieren. Und natürlich muss man auch politisch aktiv werden und sich gegen die Spionage wehren.

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