Darf ich vorstellen: Das erste Selfie-Video – aus 1967

von | 11.04.2017 | Surftipp

Heute ist es rund um den Globus das Selbstverständlichste von der Welt, in die Smartphone-Kamera zu lächeln und sich bei alltäglichen Dingen selbst zu fotografieren. Oder zu filmen. Die TikTok-Generation kennt es nicht anders: Ein kurzer Griff zum Phone, Frontkamera aktiviert und los geht’s. Doch die Geschichte des Selfie-Videos reicht viel weiter zurück, als die meisten vermuten.

Neulich habe ich bei einem Gespräch mit einem erfahrenen Regisseur den entscheidenden Hinweis bekommen: Das erste Selfie-Video ist bereits 1967 entstanden. Da hat der deutsche Filmemacher Adolf Winkelmann einen Spaziergang durch die Innenstadt von Kassel gemacht und sich dabei selbst gefilmt. Ein echtes Stück Mediengeschichte, das heute noch auf YouTube zu bewundern ist.

Der Kurzfilm ist ein beeindruckendes Zeitdokument und zeigt, wie mühsam die Selfie-Produktion vor fast 60 Jahren war. Man kann regelrecht sehen, wie anstrengend das gewesen sein muss. Schließlich waren 16mm-Filmkameras damals noch richtig schwer – wir reden hier von mehreren Kilogramm Equipment statt der federleichten 200 Gramm eines modernen iPhones. Und ein Display, in das er hätte schauen können, um zu erkennen, was er gerade aufnimmt, gab es selbstverständlich auch noch nicht.

Winkelmann hat stattdessen einen Spiegel benutzt – eine geniale Lösung für die damalige Zeit. Viele Passanten beobachten staunend das Geschehen, manche folgen ihm sogar neugierig. Kein Wunder: 1967 war es eben noch absolut außergewöhnlich, dass jemand sich-selbst-filmend durch die Straßen wandelt. Heute würde das niemanden mehr aus der Ruhe bringen.

Ein Selfie ohne Sprache – undenkbar heute

Gesagt hat Adolf Winkelmann während seines Spaziergangs nichts. Das unterscheidet ihn fundamental von heutigen Selfie-Videos, wo permanent gequatscht, kommentiert und performt wird. Stattdessen lässt er die Bilder für sich sprechen. Doch bei Minute 6:31 passiert etwas, das heute viral gehen würde: Er futtert genüsslich eine Bratwurst. Das würde man heute mit den Hashtags #Foodporn, #lecker oder #kasselfood kennzeichnen. Damals noch undenkbar.

Von analoger Kunst zu digitalem Massenphänomen

Was damals ein experimentelles Kunstprojekt war, ist heute zur wichtigsten Kommunikationsform einer ganzen Generation geworden. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Allein auf TikTok werden täglich über eine Milliarde Videos konsumiert – der Großteil davon Selfie-Content. Instagram Reels und YouTube Shorts verstärken den Trend noch.

Dabei hat sich nicht nur die Technik revolutioniert. Während Winkelmann seinen Film vermutlich wochenlang in der Postproduktion bearbeiten musste, entstehen heute Selfie-Videos in Echtzeit mit automatischen Filtern, KI-gestützter Bildstabilisierung und perfekter Belichtung. Apps wie BeReal oder Snapchat haben das spontane Selbst-Dokumentieren zur Kunstform erhoben.

Die technische Evolution des Selfie-Videos

Von der schweren 16mm-Kamera mit Spiegel-Konstruktion bis zum iPhone 15 Pro mit seiner Triple-Kamera und Cinematic Mode war es ein weiter Weg. Heute verfügen selbst Budget-Smartphones über Frontkameras mit 4K-Auflösung, Bildstabilisierung und Echtzeit-HDR. Was früher Profi-Equipment erforderte, passt in jede Hosentasche.

Besonders spannend: Die neuesten KI-Features in Smartphones können mittlerweile automatisch den besten Bildausschnitt wählen, Hintergrundgeräusche herausfiltern und sogar den Blickkontakt zur Kamera optimieren. Features, von denen Winkelmann 1967 nur träumen konnte.

Ein Zeitdokument mit Zukunftsvision

Winkelmanns experimenteller Spaziergang durch Kassel war seiner Zeit weit voraus. Er erkannte intuitiv das Potenzial der subjektiven Perspektive – lange bevor Begriffe wie „User Generated Content“ oder „Personal Branding“ existierten. Sein stummes Selfie-Video wirkt heute wie eine Prophezeiung der Social-Media-Ära.

Interessant ist auch der gesellschaftliche Aspekt: Während die Kasseler Passanten 1967 noch verblüfft stehen bleiben, ist die Smartphone-Kamera heute so allgegenwärtig, dass wir Selfie-Videos meist gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Die Technologie ist unsichtbar geworden.

Fazit: Vom Experiment zur Selbstverständlichkeit

Adolf Winkelmanns Selfie-Video aus Kassel markiert den Beginn einer medialen Revolution. Was als künstlerisches Experiment begann, ist heute elementarer Bestandteil unserer Kommunikation geworden. Sein stummer Spaziergang mit schwerem Equipment und improvisiertem Spiegel-Setup zeigt eindrucksvoll, wie weit wir technisch gekommen sind – und wie zeitlos der Wunsch nach Selbstdarstellung ist.

Zuletzt aktualisiert am 03.04.2026