Autonome Autos sorgen für mehr Verkehr

von | 18.10.2018 | Tipps

Autonome Autos sind längst keine Science-Fiction mehr. Während wir uns auf diese Revolution vorbereiten, übersehen viele ein entscheidendes Problem: Selbstfahrende Fahrzeuge werden nicht weniger, sondern deutlich mehr Verkehr erzeugen. Die Technische Universität Wien warnt bereits seit Jahren vor diesem Paradox – und die aktuellen Entwicklungen geben ihnen recht.

Ob es uns gefällt oder nicht: Autonome Fahrzeuge sind bereits Realität. Tesla, Mercedes, BMW und Co. bieten heute schon Level 3-Autonomie, bei der das Auto unter bestimmten Bedingungen komplett selbst fährt. Waymo betreibt in mehreren US-Städten vollautonome Taxi-Services, und auch in Deutschland rollen die ersten autonomen Shuttles. Die Frage ist längst nicht mehr ob, sondern wie schnell sich die Technologie durchsetzt.

Während Ingenieure und Tech-Konzerne die technischen Hürden meistern – bessere Sensoren, leistungsfähigere KI, 5G-Vernetzung – wird eine zentrale Frage oft übersehen: Wie verändert sich unser Mobilitätsverhalten, wenn Autos vollständig autonom fahren?

Fotorech / Pixabay

 

Revolution mit unerwarteten Nebenwirkungen

Die Technische Universität Wien hat bereits 2018 eine wegweisende Studie mit dem Titel „Revolution mit Nebenwirkungen“ veröffentlicht. Ihre Prognose: Autonome Fahrzeuge werden zu 30-40 Prozent mehr Autoverkehr führen. Was damals noch Theorie war, bestätigen heute erste Praxiserfahrungen aus San Francisco und Phoenix, wo Waymo-Taxis bereits regulär fahren.

Die Gründe sind einleuchtend: Wenn das Auto zum mobilen Büro, Wohnzimmer oder Entertainment-Center wird, sinkt die Hemmschwelle drastisch. Kinder können sich autonom zur Schule fahren lassen, ältere Menschen bleiben mobil, auch ohne Führerschein. Pendler können die Fahrtzeit produktiv nutzen – ohne überfüllte Bahnen oder Parkplatzsuche.

 

Aktuelle Studien aus den USA bestätigen diesen Trend: In Gebieten mit autonomen Ride-Hailing-Services sinkt tatsächlich die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Statt den erhofften Umstieg vom eigenen Auto auf geteilte autonome Fahrzeuge sehen wir oft das Gegenteil – Menschen steigen von Bus und Bahn auf autonome Taxis um.

Der Rebound-Effekt trifft die Mobilität

Was Verkehrsforscher als „Rebound-Effekt“ bezeichnen, kennen wir aus anderen Bereichen: Effizienzsteigerungen führen paradoxerweise zu Mehrverbrauch. Autonome Autos fahren zwar effizienter, vernetzen sich intelligent und reduzieren Staus – aber sie machen das Autofahren so komfortabel, dass wir es viel häufiger tun.

Besonders problematisch: Leerfahrten nehmen dramatisch zu. Autonome Fahrzeuge parken nicht mehr in der Stadt, sondern fahren nach dem Absetzen der Passagiere ins Umland oder zum nächsten Auftrag. Studien aus San Francisco zeigen, dass bis zu 40 Prozent der Fahrten autonomer Taxis Leerfahrten sind.

Computer im Auto und selbstfahrende Autos in „Angeklickt“ in der Aktuellen Stunde.

Klimaziele in Gefahr

Diese Entwicklung stellt unsere Klimaziele infrage. Zwar fahren immer mehr E-Autos autonom, doch der Strommix ist noch lange nicht CO2-neutral. Und selbst ein rein elektrisches autonomes Fahrzeug verursacht bei der Herstellung erhebliche Emissionen. Wenn wir 30-40 Prozent mehr Autoverkehr haben, hilft auch die beste Antriebstechnologie wenig.

Die Internationale Energieagentur warnt bereits: Ohne politische Gegensteuerung könnten autonome Fahrzeuge die Klimaziele im Verkehrssektor gefährden, statt sie zu unterstützen.

Öffentlicher Verkehr unter Druck

Am stärksten trifft es den öffentlichen Nahverkehr. Warum in überfüllte Bahnen steigen, wenn das autonome Taxi zur gleichen Zeit kommt, klimatisiert ist und direkten Transport bietet? Erste Pilotprojekte in kleineren Städten zeigen bereits: Wo autonome Shuttles eingeführt werden, sinken die Fahrgastzahlen im klassischen ÖPNV.

Dabei wäre das Gegenteil nötig: Nur ein starker, attraktiver öffentlicher Verkehr kann die prognostizierte Verkehrslawine abfedern. Doch statt in Bahnen und Busse zu investieren, setzen viele Kommunen auf die vermeintlich günstigere autonome Alternative.

Lösungsansätze sind da – aber unpopulär

Die Technische Universität Wien fordert schon seit Jahren: Politik muss jetzt handeln, nicht erst wenn die autonomen Flotten rollen. Mögliche Maßnahmen:

• City-Maut für autonome Fahrzeuge in Innenstädten
• Mindestbesetzung für autonome Taxis (geteilte Fahrten)
• Investitionen in autonome öffentliche Verkehrsmittel
• Leerfahrten-Abgaben für Ride-Hailing-Dienste

Singapur macht vor, wie es geht: Dort dürfen neue Autos nur noch zugelassen werden, wenn gleichzeitig alte verschrottet werden. Autonome Taxis müssen eine Mindestauslastung nachweisen.

Die Industrie denkt nicht mit

Von den Tech-Konzernen und Autobauern sind keine Lösungen zu erwarten. Tesla, Waymo und Co. verdienen an jedem gefahrenen Kilometer – warum sollten sie weniger Verkehr wollen? Das Marketing verspricht grüne Mobilität und Verkehrsentlastung, die Geschäftsmodelle zielen auf das Gegenteil.

Auch die traditionellen Autohersteller setzen auf autonome Individualität statt geteilte Mobilität. BMW, Mercedes und Audi entwickeln luxuriöse autonome Limousinen für Besserverdienende – nicht effiziente Sammel-Shuttles für alle.

Fazit: Wir fahren sehenden Auges ins Verkehrschaos

Autonome Fahrzeuge kommen – daran führt kein Weg vorbei. Ob sie Segen oder Fluch werden, entscheidet sich jetzt. Die Technologie ist neutral, entscheidend ist, wie wir sie einsetzen. Ohne politische Steuerung droht das Wiener Szenario: 40 Prozent mehr Verkehr, kollabierender ÖPNV, verfehlte Klimaziele.

Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Es fehlt nur der politische Mut, sie umzusetzen – bevor es zu spät ist.

 

Zuletzt aktualisiert am 07.03.2026