Magna Carta fürs Netz: Tim Berners-Lee will das Internet retten

von | 30.11.2018 | Internet

Wetten, dass ihr heute schon ein paar Mal im Web unterwegs wart? Fotos angeschaut, Videos gestreamt, online etwas bestellt oder Nachrichten ausgetauscht… Das Internet ist schon ungemein praktisch. Aber die Probleme sind in den letzten Jahren noch gewaltiger geworden. Eins ist, dass die großen Tech-Konzerne noch mehr Kontrolle übernommen haben – und wir, die User, kaum noch Mitspracherecht haben. Das will Tim Berners-Lee ändern. Der Erfinder des World Wide Web. Und seine Initiative hat mittlerweile über 100 Unterstützer weltweit.

Tim Berners-Lee ist der Erfinder des World Wide Web. Vor über 35 Jahren hatte der Brite die Idee, im Netz alles mit allem zu verbinden – zu verlinken –, und so Wissen bequem für alle verfügbar zu machen. Reich geworden ist er damit allerdings nicht. Denn Berners-Lee hat seine Idee gratis hergegeben. Für die Allgemeinheit. Doch der aktuelle Zustand vom Web alarmiert Berners-Lee mehr denn je.

Kein Wunder, denn was ist aus seiner ursprünglichen Vision geworden?

Das Internet aus den Händen der Tech-Giganten befreien

Das Internet ist heute noch fester im Würgegriff weniger Mega-Konzerne. Es sind Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet (Google) und Meta (ehemals Facebook), die im Netz das Sagen haben. Dazu gesellen sich neue Player wie TikTok-Eigentümer ByteDance, Tesla/X-Boss Elon Musk und OpenAI.

Beispiel Meta: Mark Zuckerbergs Imperium beherrscht mit WhatsApp, Instagram, Facebook Messenger und Threads große Teile der sozialen Kommunikation. Facebook selbst hat über 3 Milliarden Nutzer. Für viele Menschen weltweit ist Meta das Internet.

Oder Google: Über 92% aller Suchanfragen weltweit laufen über Google. Was Google nicht indexiert oder zeigt, existiert praktisch nicht. Eine ungeheure Macht – die durch KI-Integration noch größer wird.

Dazu kommen neue Monopole: OpenAI dominiert mit ChatGPT die KI-Landschaft, TikTok kontrolliert die Aufmerksamkeit einer ganzen Generation, und Elon Musks X (ehemals Twitter) beeinflusst den politischen Diskurs weltweit.

Alle sammeln Daten im industriellen Maßstab, nutzen KI für immer raffiniertere Manipulation und richten ihr Handeln kompromisslos an der Gewinnmaximierung aus.

Neue Probleme durch KI und Algorithmen

Zu den bekannten Problemen sind neue dazugekommen: KI-generierte Desinformation überschwemmt das Netz. Deepfakes werden täglich perfekter. Algorithmen verstärken Radikalisierung und gesellschaftliche Spaltung. Die Macht der Tech-Konzerne wächst durch KI exponentiell.

Filterblasen sind durch personalisierte KI noch undurchlässiger geworden. Hatespeech und Manipulation haben neue Dimensionen erreicht. Und der Kampf um Aufmerksamkeit wird mit immer aggressiveren Methoden geführt.

Magna Carta fürs Internet – jetzt aktueller denn je

Deshalb hat Tim Berners-Lee 2019 seine „Magna Carta für das Internet“ ins Leben gerufen – den „Contract for the Web“. Die Grundregeln sind heute relevanter denn je:

  • Jeder hat ein Recht auf bezahlbaren, zuverlässigen Internetzugang
  • Das komplette Internet muss jederzeit für alle verfügbar sein – keine Zensur
  • Respekt und Schutz der Privatsphäre als Grundrecht
  • User haben die volle Kontrolle über ihre persönlichen Daten
  • Technologie soll die Menschheit voranbringen, nicht schaden
  • Vertrauen durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit
  • Bekämpfung von Desinformation und schädlichen Inhalten

Unter contractfortheweb.org könnt ihr die detaillierten Prinzipien studieren. Mittlerweile haben über 100 Organisationen, Regierungen und Unternehmen weltweit unterzeichnet – darunter Deutschland, Frankreich, Ghana und viele andere.

Konkrete Fortschritte und neue Projekte

Berners-Lee arbeitet parallel an konkreten Lösungen. Sein Projekt Solid ist deutlich vorangeschritten: Es gibt bereits funktionsfähige „Personal Online Data Stores“ (PODs), wo Menschen ihre Daten selbst verwalten können. Mehrere Pilotprojekte laufen bereits.

Die EU hat mit dem Digital Services Act und Digital Markets Act konkrete Schritte unternommen. Die USA diskutieren schärfere Kartellgesetze. Aber es reicht noch lange nicht.

Deutschland und die EU machen Ernst

Die deutsche Bundesregierung hat 2020 offiziell den Contract for the Web unterstützt und arbeitet an konkreter Umsetzung. Das Digitale-Dienste-Gesetz setzt EU-Vorgaben um. Der Bundesdatenschutzbeauftragte bekommt mehr Kompetenzen.

Auf EU-Ebene passiert noch mehr: Der AI Act reguliert Künstliche Intelligenz, der Digital Markets Act zügelt die Macht der Gatekeeper-Konzerne. 2024 musste Apple erstmals alternative App-Stores in der EU zulassen.

Die Konzerne: Freund oder Feind?

Paradox: Auch Google, Meta und Microsoft haben den Contract unterschrieben. Gleichzeitig kämpfen sie gegen jede Regulierung. Es ist ein Spiel auf Zeit – sie hoffen, durch minimale Zugeständnisse schärfere Gesetze zu vermeiden.

Aber der Druck wächst. Verbraucherschützer, Politiker und eine neue Generation von Nutzern fordern echte Veränderungen. Die Zeit der ungebremsten Tech-Dominanz könnte vorbei sein.

Was passiert als nächstes?

Berners-Lee arbeitet an „Web 3.0“ – einem dezentralen Internet, wo Menschen ihre Daten kontrollieren und Algorithmen transparent sind. Blockchain-Technologie könnte dabei helfen, ebenso wie neue Standards für Datenportabilität.

Die nächsten Jahre werden entscheidend: Schaffen wir es, das Internet zu demokratisieren? Oder übernehmen KI und wenige Konzerne komplett die Kontrolle?

Einfach wird es nicht. Aber Tim Berners-Lee hat das Web schon einmal revolutioniert. Vielleicht schafft er es ja noch einmal. Diesmal geht es um nicht weniger als die Zukunft der digitalen Demokratie.

Zuletzt aktualisiert am 06.03.2026