Google und die EU-Kommission – eine Geschichte endloser Strafen. Nach dem Digital Services Act (DSA) und dem Digital Markets Act (DMA) aus 2024 hat sich die Gangart noch verschärft. Die jüngste Milliardenstrafe von 1,49 Milliarden Euro wegen missbräuchlicher Werbepraktiken war nur der Anfang einer neuen Ära der Tech-Regulierung.
Schon zum dritten Mal verhängte die EU damals eine saftige Strafe gegen Google – diesmal wegen „AdSense for Search“. Das Prinzip war perfide einfach: Webseiten konnten Googles Suchfunktion kostenlos nutzen, mussten aber im Gegenzug ausschließlich Google-Werbung anzeigen. Andere Werbeanbieter waren ausgeschlossen.
Diese Exklusivitätsklauseln sind heute Geschichte. Seit dem Digital Markets Act (DMA) von 2024 gelten Google, Meta, Apple und andere als „Gatekeeper“ – mit strengen Auflagen. Sie müssen ihre Plattformen für Konkurrenten öffnen und dürfen ihre eigenen Dienste nicht mehr bevorzugen.
Von AdSense zu neuen Wettbewerbsregeln
Der damalige „AdSense for Search“-Skandal wirkt heute wie ein Relikt aus der Steinzeit des Internets. Die EU hat radikal durchgegriffen: Der DMA verbietet es Gatekeepern, ihre eigenen Dienste bei Suchergebnissen zu bevorzugen. Google muss inzwischen sogar Konkurrenz-Suchmaschinen als Standard-Option auf Android anbieten.
Doch die Tech-Giganten haben neue Schlachtfelder gefunden: KI und generative Suche. Googles „Search Generative Experience“ (SGE) und Microsofts Bing Chat mit ChatGPT verändern das Spiel komplett. Wer kontrolliert die KI-Antworten, kontrolliert den Informationsfluss.
Die EU-Kommission hat 2025 bereits erste Untersuchungen zu KI-Monopolen eingeleitet. Der Verdacht: Google und Microsoft könnten ihre dominanten Positionen nutzen, um auch den KI-Markt zu beherrschen. OpenAI, Anthropic und andere KI-Startups sind längst von den Tech-Riesen abhängig – durch Cloud-Infrastruktur, Daten oder direkte Investitionen.
Neue Fronten: KI, Cloud und digitale Souveränität
Während sich Europa früher auf Kartellstrafen beschränkte, setzt es heute auf strukturelle Reformen. Das „Data Governance Act“ und der „AI Act“ von 2024 schaffen neue Spielregeln. Tech-Konzerne müssen ihre Algorithmen offenlegen, Daten portabel machen und europäische KI-Standards einhalten.
Besonders brisant: der Kampf um Cloud-Infrastrukturen. Amazons AWS, Microsofts Azure und Google Cloud dominieren auch in Europa. Die „Gaia-X“-Initiative sollte eine europäische Alternative schaffen, ist aber weitgehend gescheitert. Stattdessen setzen EU-Länder jetzt auf „Digital Sovereignty“-Programme und fördern lokale Cloud-Anbieter massiv.
Die nächste Eskalationsstufe zeichnet sich ab: „Digital Structural Separations“ – die Zerschlagung von Tech-Konzernen. In den USA diskutiert man bereits über die Trennung von Googles Suchmaschine und Werbesparte. Europa könnte folgen.
Milliarden-Strafen als Geschäftsmodell?
Die 1,49 Milliarden Euro von damals waren erst der Anfang. Googles Gesamtstrafen in der EU übersteigen inzwischen 10 Milliarden Euro. Doch für einen Konzern mit über 300 Milliarden Dollar Jahresumsatz sind das Betriebskosten.
Effektiver sind die strukturellen Eingriffe: Google muss sein Werbegeschäft transparenter machen, Datenportabilität gewährleisten und Konkurrenten Zugang zu seinen Plattformen geben. Der „Choice Screen“ auf Android-Geräten führte tatsächlich zu mehr Vielfalt bei Suchmaschinen.
Doch die Tech-Giganten passen sich an. Sie verlagern umstrittene Praktiken in weniger regulierte Bereiche wie KI oder B2B-Services. Googles „Vertex AI“ und Microsofts „Azure OpenAI“ werden zu neuen Gatekeepern – diesmal für künstliche Intelligenz.
Ausblick: Regulierung im KI-Zeitalter
Die Lehre aus dem AdSense-Fall: Wettbewerbsregeln müssen sich schneller an technische Entwicklungen anpassen. Der EU AI Act von 2024 ist ein erster Schritt, aber KI entwickelt sich schneller als Gesetze.
Künftig wird entscheidend sein, wer Zugang zu Trainingsdaten, Rechenkapazitäten und KI-Modellen kontrolliert. Die gleichen Konzerne, die einst Suchergebnisse und Werbemärkte dominierten, bauen jetzt ihre KI-Monopole auf.
Die nächste Milliardenstrafe kommt bestimmt – diesmal wahrscheinlich wegen KI-Kartellen oder unfairer Datennutzung. Denn eines bleibt konstant: Wo Macht konzentriert ist, wird sie missbraucht. Die EU-Regulierung muss Schritt halten – oder Europa wird zur digitalen Kolonie.
Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026


