Lisa Eckhart ist eine Kabarettistin aus Österreich, die mit ihrer Kunstfigur, die sie erfunden hat und spielt, bei vielen aneckt. Ihr wird vorgeworfen, antisemitisch, homophob und behindertenfeindlich zu sein – und manches mehr. Sie sollte in Hamburg an einem Literaturwettbewerb teilnehmen, wurde aber jetzt ausgeladen.
Offiziell „aus Sicherheitsgründen“. Weil Proteste von links angekündigt wurden. Die einen machen Druck, die anderen knicken ein: So etwas wird heute „Cancel Culture“ genannt und ist ein Phänomen, das sich seit 2020 massiv verstärkt hat und inzwischen auch in Deutschland fest etabliert ist.
Der Fall Lisa Eckhart war damals kein Einzelfall. Auch um Dieter Nuhr gab es Wirbel. Seitdem haben wir viele weitere Beispiele erlebt: von Jan Böhmermann über Dave Chappelle bis zu Autoren wie J.K. Rowling. Zuerst sollten wir aber diesen Begriff klären: „Cancel Culture“.
Der Begriff „Cancel Culture“
Der Begriff kommt aus dem Amerikanischen. Er bedeutet: „Systematischer Boykott einer Person oder Organisation“. Das öffentliche Abkanzeln von Menschen. Aber nicht nur Boykott, sondern in den sozialen Medien sogar regelrechte Zerstörung: Es bilden sich Gruppen, die auf TikTok, X (ehemals Twitter), Instagram und Co. quasi aus allen Rohren schießen, kritisieren, diffamieren, ein Auftrittsverbot fordern – oder gar Sendeverbot verlangen.
Wegen einer Handlung, Äußerung oder Haltung der Person, die dieser Gruppe nicht gefällt. Beispiel: Jemand ist der Meinung, Klimawandel ist nicht so schlimm? Dann darf er natürlich nicht mehr in Talkshows eingeladen werden, soll nicht mehr öffentlich lesen oder im Tatort mitspielen – ist ja klar. Über die Netzwerke wird Druck gemacht. Am Ende knicken oft Veranstalter, Verlage, Sender oder Auftraggeber ein – und folgen dem Druck.
Besonders perfide: Algorithmen verstärken diese Dynamik noch. Ein Shitstorm wird durch die Engagement-orientierten Algorithmen der Plattformen gepusht, weil Kontroversen nun mal Klicks generieren. Was früher vielleicht eine lokale Diskussion gewesen wäre, wird heute binnen Stunden zum globalen Phänomen.

Dieter Nuhr: Es reicht, die falschen Witze zu reißen
Auch Dieter Nuhr wurde zum Opfer dieser „Cancel Culture“: Er hatte einen Kommentar eingesprochen für die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) – und die hat ihn schon nach einem Tag wieder aus dem Netz entfernt.
Dieter Nuhr hatte ein 50-sekündiges Statement für die DFG über die Bedeutung der Wissenschaft abgegeben, sich ausdrücklich für Wissenschaft ausgesprochen – aber auch indirekt Greta Thunberg kritisiert. Es folgten innerhalb von Sekunden unzählige Posts, die den Satiriker zerstören wollten – als Person. „Argumentum ad hominem“ wird dieser Kniff genannt: Nicht mit der konkreten Aussage auseinandersetzen, sondern die Person demontieren.
Das ist Phase I: Nuhr wurde jede Kompetenz abgesprochen, sich über Wissenschaft zu äußern. Ihm wurde vorgeworfen, frauenfeindlich zu sein – das reiche, um ihn zu disqualifizieren. Da wird vieles durcheinander geworfen. Eine hitzige Stimmung, man kann es unmöglich „Debatte“ nennen. Hunderte Posts…
Dann hat die DFG die Reißleine gezogen und den Nuhr-Kommentar von der Webseite entfernt. Das ist Phase II: Die Unterwerfung vor den Lauten, auch wenn es nur einige wenige sind. Ein Veranstalter lädt eine Lisa Eckhart wieder aus, eine DFG entfernt den Kommentar eines Kabarettisten.

Die Mechanismen haben sich verschärft
Seit 2020 haben sich die Mechanismen der Cancel Culture erheblich verschärft. Koordinierte Kampagnen entstehen heute binnen Minuten, oft unterstützt von Bots oder organisierten Gruppen. Die Grenze zwischen berechtigter Kritik und systematischer Zerstörung verschwimmt immer mehr.
Besonders problematisch: Viele Institutionen haben inzwischen „Community Guidelines“ oder „Verhaltenskodizes“ eingeführt, die oft so schwammig formuliert sind, dass praktisch jede kontroverse Aussage als Verstoß interpretiert werden kann. Universitäten canceln Gastvorträge, Verlage ziehen Bücher zurück, Streaming-Dienste entfernen ganze Comedy-Specials.
Die sozialen Medien spielen dabei eine zentrale Rolle als Brandbeschleuniger. Ein einzelner viraler Post kann heute ganze Karrieren beenden. Dabei werden oft Aussagen aus dem Kontext gerissen, Jahre alte Tweets ausgegraben oder satirische Äußerungen als ernsthafte politische Statements missverstanden.
Kritik geht, Zerstörung nicht
Wer in der Öffentlichkeit steht, der muss sich doch auch der Kritik stellen. Wo liegt das Besondere und vielleicht auch das Problem der „Cancel Culture„?
Kritik, erst recht konstruktive, ist jederzeit erlaubt und hilfreich. Nur geht es darum nicht. Es entsteht eine Sogwirkung: In den sozialen Medien bündeln sich nicht Argument und Gegenargumente, sondern die blanke Abneigung gegen eine Person. Es geht um Demontage. Das Ziel: Die Person zu verbannen. Sie zur Persona non grata zu erklären, weil man ihr eine inakzeptable Gesinnung unterstellt.
Es reicht am Ende, eine andere Meinung oder Haltung zu haben als eine bestimmte Gruppe – und das kann einem Comedian sehr schnell passieren. Keine Auftritte. Keine Aufträge. Keine Sendezeit. Das ist das Ergebnis. Die systematische Zerstörung. Das kommt einem Berufsverbot gleich. Nicht ausgesprochen von einer Regierung oder Behörde, sondern von einem unsichtbaren Tribunal, einer Gruppe. Der „laute Netz-Mob“, sagen manche.
Besonders perfide: Oft werden auch Arbeitgeber, Sponsoren oder Familienmitglieder der „gecancelten“ Person unter Druck gesetzt. Es geht längst nicht mehr nur um die ursprüngliche Äußerung, sondern um die komplette gesellschaftliche Isolation.
Dem Druck nicht nachgeben
Aber ist es richtig, dem Druck nachzugeben und die Leute so vielleicht auch aus der Schusslinie zu nehmen?
Auf gar keinen Fall. Denn das führt nur dazu, dass die „Cancel Culture“ noch viel größer und lauter wird. Es kann doch nicht sein, dass die Lauten bestimmen, wer was sagen oder schreiben darf. Sie sind laut – aber oft nur einige wenige mit vielen Fake-Accounts. Aber selbst wenn die Mehrheit der Ansicht ist, ein bestimmter Kabarettist sei unpopulär: Na und? Ist die Kunst nicht dazu da, auch Mehrheiten aufzurütteln?
Irgendwer muss doch Gegenpositionen einnehmen und Fragen stellen, auch provozieren. Es sind häufig gerade die, die für sich selbst jede Freiheit in Anspruch nehmen, anderen aber jede Freiheit nehmen wollen. Es ist absurd. Aber die sozialen Medien sind ein regelrechter Turbo für diesen Effekt.
Wege aus der Spirale
Die Lösung kann nicht sein, kontroverse Stimmen mundtot zu machen. Stattdessen brauchen wir eine neue Diskussionskultur: Mehr Gelassenheit, weniger Empörung. Institutionen sollten standhaft bleiben und nicht bei jedem Shitstorm einknicken.
Plattformen wie X, Instagram oder TikTok könnten ihre Algorithmen so anpassen, dass sie nicht automatisch kontroverse Inhalte bevorzugen. Nutzer könnten lernen, zwischen berechtigter Kritik und destruktiver Hetze zu unterscheiden.
Am wichtigsten aber: Wir alle sollten uns fragen, ob wir wirklich in einer Gesellschaft leben wollen, in der die Lautesten bestimmen, was gesagt werden darf. Cancel Culture ist eine sehr unerfreuliche Entwicklung – aber sie ist nicht unumkehrbar.
Zuletzt aktualisiert am 28.02.2026