Viele nutzen täglich ChatGPT für die Arbeit oder auch im Privatleben – und erfahren plötzlich, dass die Führungsebene des Unternehmens Millionen an Politiker spendet, deren Politik sie ablehnen.
Genau das ist gerade die Realität für Hunderttausende ChatGPT-Nutzer. Unter dem Hashtag #QuitGPT formiert sich eine Bewegung, die OpenAI an einer empfindlichen Stelle treffen will: beim Geldbeutel.
Von Reddit in den Mainstream
Was im Januar 2026 als frustrierter Reddit-Post begann, hat sich mittlerweile zu einer veritablen Protestwelle entwickelt. Der Softwareentwickler Alfred Stephen aus Singapur war es leid: ChatGPT lieferte ihm mittelmäßige Code-Vorschläge und nervte mit übertrieben freundlichen, ausschweifenden Antworten. Als er dann auf Reddit über die #QuitGPT-Kampagne stolperte, war für ihn klar: Abo gekündigt.
Was Stephen dort las, ließ ihn aufhorchen: Greg Brockman, Präsident von OpenAI, und seine Frau haben sage und schreibe 25 Millionen Dollar an MAGA Inc. gespendet – ein Super PAC, das Donald Trumps Wahlkampf unterstützte. Das entspricht fast einem Viertel der gesamten Einnahmen dieser Organisation in der zweiten Jahreshälfte 2025. CEO Sam Altman legte noch eine Million drauf – für Trumps Inaugurationsfonds.
Mehr als nur Parteispenden
Doch es geht der Bewegung nicht nur um Wahlkampfspenden. Ein weiterer Kritikpunkt: Die US-Einwanderungsbehörde ICE nutzt ein auf GPT-4 basierendes Tool zur Sichtung von Lebensläufen und Personalanalysen. Als im Januar bei einem ICE-Einsatz in Minneapolis zwei Menschen erschossen wurden, explodierte die Stimmung. Für viele Aktivisten war das der Beweis, dass OpenAI sich mit fragwürdigen Regierungsbehörden gemein macht.
Die Organisatoren von #QuitGPT – eine bunte Mischung aus Klimaaktivisten, Demokratie-Verteidigern und Tech-Experten – wollen ein Zeichen setzen. „Wir wollen OpenAI so sehr unter Druck setzen, dass die gesamte KI-Industrie sich überlegt, ob sie ungestraft Trump, ICE und Autoritarismus unterstützen kann“, erklärt ein anonymer Organisator gegenüber MIT Technology Review.
Prominente Unterstützung und virale Reichweite
Die Kampagne hat Momentum. Ein Instagram-Post erreichte über 36 Millionen Views und 1,3 Millionen Likes. Avengers-Star Mark Ruffalo nutzte seine Reichweite, um seine Follower zum Umdenken aufzurufen. Laut den Organisatoren haben sich mittlerweile über 700.000 Menschen zur Teilnahme am Boykott verpflichtet.
Inspiriert wurde die Bewegung durch ein virales Video von Scott Galloway, Marketingprofessor an der New York University. Seine – zugegebenermaßen gewagte – These: Der beste Weg, ICE zu stoppen, sei es, Millionen von Menschen zum Kündigen ihrer ChatGPT-Abos zu bewegen. Das würde OpenAIs Börsenwert gefährden und könnte eine wirtschaftliche Kettenreaktion auslösen, die selbst Trump nicht ignorieren könnte.
Das Project Stargate im Hintergrund
Ein weiterer Dorn im Auge der Aktivisten: Das sogenannte Project Stargate. OpenAI plant gemeinsam mit Microsoft und der US-Regierung eine gigantische Rechenzentrumsinfrastruktur mit einem geschätzten Volumen von bis zu 100 Milliarden Dollar.
Greg Brockman lobte nach Trumps Wahlsieg öffentlich dessen „Technologie-Offenheit“ und besuchte das Weiße Haus für entsprechende Ankündigungen. Für Kritiker ist das pure Anbiederung, um sich regulatorische Vorteile zu sichern.
Kann ein Boykott wirklich etwas bewirken?
Die kritische Frage bleibt: Kann #QuitGPT OpenAI wirklich schaden? ChatGPT hatte im Dezember 2025 knapp 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer – eine gigantische Basis. Doch selbst wenn nur ein Bruchteil davon ihre Bezahl-Abos kündigt, könnte das durchaus schmerzhaft werden.
OpenAI schreibt bereits jetzt tiefrote Zahlen – das Unternehmen gibt dreimal mehr aus, als es einnimmt. ChatGPT verliert zudem kontinuierlich Marktanteile an Konkurrenten wie Claude von Anthropic oder Gemini von Google.
Dana Fisher, Soziologin an der American University, gibt zu bedenken: „Kündigungswellen wirken nur selten auf das Verhalten eines Unternehmens, außer sie erreichen eine kritische Masse.“ Genau das ist die Crux: Wird #QuitGPT groß genug, oder verpufft die Bewegung wie so viele Boykottaufrufe zuvor?
Zwischen Performance-Frust und politischem Protest
Interessant ist, dass sich die Unzufriedenheit auf mehreren Ebenen manifestiert. Auf Reddit häufen sich Posts von Nutzern, die GPT-5.2 – das neueste Modell – als enttäuschend empfinden. Andere mokieren sich über die übertrieben unterwürfige Art, wie ChatGPT mit ihnen kommuniziert. In San Francisco planten Aktivisten sogar eine „Mass Cancellation Party“ – eine sarkastische Anspielung auf die „GPT-4o-Beerdigung“, die ein OpenAI-Mitarbeiter veranstaltet hatte, um sich über trauernde Nutzer lustig zu machen.
Es geht also nicht nur um Politik. Es geht um ein Gefühl, dass OpenAI seine ursprünglichen Werte verraten hat. Das Unternehmen, das einst „for humanity“ sein wollte, wird nun als zu nah an der Macht wahrgenommen – und bei einigen Nutzern zu weit weg von ihren eigenen Überzeugungen.
Wohin mit frustrierten ChatGPT-Nutzern?
Die #QuitGPT-Kampagne empfiehlt Alternativen: Open-Source-Lösungen wie Confer, Alpine oder Lumo für mehr Datenschutz. Oder die großen Konkurrenten Claude von Anthropic und Gemini von Google – wobei auch Google eine Million an Trumps Inaugurationsfonds spendete. Einzig Elon Musks Grok wird explizit abgelehnt – „aus offensichtlichen Gründen“, wie es auf der Website heißt.
Kritiker wenden ein, dass die Kampagne möglicherweise nur ein Schachzug der Konkurrenz sei, um OpenAI zu schwächen. Doch die Organisatoren betonen: Es geht ums Prinzip. „Wir wollen CEOs dazu bringen, zweimal nachzudenken, bevor sie sich mit Trump ins Bett legen“, sagt Gewerkschafter Simon Rosenblum-Larson.
Die neue Realität: Tech ist politisch
#QuitGPT zeigt vor allem eines: Die Zeit, in der wir Tech-Produkte als neutrale Werkzeuge betrachten konnten, ist vorbei. Jedes Abo, jedes Nutzerkonto ist auch eine implizite Unterstützung der dahinterstehenden Unternehmenswerte. In einer Welt, in der KI zunehmend in Schreib-, Forschungs-, Kreativ- und sogar Einstellungsprozesse eingreift, wollen Nutzer wissen: Wem gebe ich hier eigentlich mein Geld?
Ob #QuitGPT am Ende OpenAI wirklich schadet oder nur ein Strohfeuer bleibt, wird sich zeigen. Eines ist aber klar: Die Nutzer signalisieren lautstark, dass sie nicht mehr bereit sind, die politischen Verstrickungen von Tech-Giganten stillschweigend hinzunehmen. Und das könnte langfristig die gesamte KI-Branche verändern – unabhängig davon, wie viele Menschen tatsächlich ihr ChatGPT-Abo kündigen.