Als Computer noch ganze Räume füllten – Happy Birthday, ENIAC!

von | 15.02.2026 | Hardware

Heute ist Weltcomputertag. Und der hat einen ganz konkreten Grund: Vor genau 80 Jahren, am 15. Februar 1946, wurde der ENIAC der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt. ENIAC steht für „Electronic Numerical Integrator and Computer“ – ein sperriger Name für eine Maschine, die unsere Welt für immer verändert hat.

Stellt euch vor: 30 Tonnen schwer, 50 Quadratmeter groß, vollgestopft mit 17.800 Elektronenröhren, die ständig drohten durchzubrennen. Das war ENIAC, der erste frei programmierbare digitale Universalrechner der Welt. Verglichen mit eurem Smartphone ist das Monster von damals etwa so leistungsfähig wie ein Taschenrechner aus den 80ern. Aber genau hier hat unsere digitale Gegenwart ihren Anfang genommen.

Vom Kriegsgeheimnis zum Medienereignis

Die Geschichte von ENIAC beginnt streng geheim. Ab 1943 arbeiteten J. Prosper Eckert und John W. Mauchly mit einem Team von 50 Mitarbeitern an diesem Koloss. Der Auftrag: Ballistische Schusstafeln für die US-Army berechnen. Schneller und genauer als jeder Mensch es könnte. Als die Maschine im Dezember 1945 fertig war, war der Zweite Weltkrieg allerdings schon vorbei.

Also musste ein neuer Job her. ENIAC berechnete fortan thermonukleare Gleichungen für die Wasserstoffbombe – bevor man sich entschied, die Sensation der Welt zu zeigen. Die Präsentation am 15. Februar 1946 an der University of Pennsylvania war ein Medienereignis. Die New York Times berichtete noch am selben Tag über den „mathematischen Roboter“.

Für die meisten Menschen blieb die Technik aber ein Mysterium. Der Spiegel schrieb 1950 von einem „Elektronengehirn“, das „beängstigend menschlich“ funktioniere. Man sprach von einem „Willenszentrum“ in der Maschine, das angeblich selbst Entscheidungen treffen könne. Klingt bekannt? Die Debatte um angeblich selbstständig denkende Computer haben wir heute mit KI-Systemen wie ChatGPT erneut – nur 80 Jahre später und ein paar Nummern komplexer.

Im Heinz Nixdorf Forum in Paderborn kann man den Eniac in Origionalgröße bestaunen
Im Heinz Nixdorf Forum in Paderborn kann man den Eniac in Origionalgröße bestaunen

Ein Raum voller Technik – und sechs geniale Programmiererinnen

Was die frühen Berichte oft unterschlagen haben: ENIAC wurde nicht nur von Männern entwickelt. Sechs Frauen – Betty Snyder, Jean Jennings, Ruth Lichterman, Kathleen McNulty, Frances Bilas und Marlyn Wescoff – programmierten und bedienten die Maschine. Sie verkabelten die Schalttafeln, entwickelten Routinen und sorgten dafür, dass aus dem Hardware-Monster ein funktionierendes System wurde. Lange Zeit wurden sie in der Computergeschichte kaum erwähnt. Heute gibt es Dokumentarfilme über sie, und ihre Nachkommen erzählen auf Veranstaltungen zum 80. Jubiläum stolz von ihren Müttern und Großmüttern.

Das Innere von ENIAC glich einer Schaltzentrale eines Radiohauses: Regale mit tausenden Röhren, Schaltern und Kontrolllampen, dahinter ein Gewirr von Leitungen. Alles füllte einen kompletten Raum. Die Maschine lief von 1945 bis 1955 – möglichst ohne Pausen, denn jedes Ein- und Ausschalten bedeutete Stress für die empfindlichen Röhren.

Von 30 Tonnen zu einem einzigen Chip

Die wahre Pointe der Geschichte kommt 50 Jahre später: Zum 50. Geburtstag von ENIAC im Jahr 1996 entwickelten Studenten der University of Pennsylvania den „ENIAC-on-a-Chip“. Ein einzelner Mikrochip, nicht größer als ein Daumennagel, der alles kann, was der 30-Tonnen-Koloss konnte. Sogar der damalige US-Vizepräsident Al Gore kam zur Feier und würdigte ENIAC als „Urahn“ des Internets.

Diese Miniaturisierung zeigt eindrucksvoll, welchen Weg die Computertechnik in acht Jahrzehnten genommen hat. Was damals einen ganzen Raum füllte, passt heute auf einen Chip. Was damals Spezialisten brauchte, die Hardware-Module neu verkabeln mussten, um das Programm zu ändern, können wir heute mit ein paar Fingertipps auf dem Display.

ENIAC live erleben – in Paderborn!

Ihr wollt ENIAC nicht nur lesen, sondern hautnah erleben? Dann solltet ihr einen Ausflug ins Heinz Nixdorf MuseumsForum nach Paderborn machen. Dort steht zwar kein kompletter ENIAC (das Original gibt’s nur noch in Einzelteilen verstreut in verschiedenen Museen), aber dafür echte Originalkomponenten des Pionier-Rechners. Und genau der erwähnte Chip, der zeigt, wie radikal sich die Technik gewandelt hat: vom raumfüllenden Monster zum handlichen Mikrochip.

Das HNF ist übrigens das weltgrößte Computermuseum – und das steht nicht in Kalifornien, sondern im westfälischen Paderborn. Auf 6.000 Quadratmetern könnt ihr eine Zeitreise durch 5.000 Jahre Informationsgeschichte unternehmen: Von der Keilschrift über Rechenmaschinen bis zu modernen Robotern. Ihr könnt den legendären Schachtürken bestaunen, einen funktionstüchtigen Nachbau der Leibniz-Rechenmaschine sehen, den Bordrechner der Gemini-Raumkapsel bewundern und sogar Klassiker wie Pong und Pac-Man zocken.

Besonders faszinierend: Der Kontrast zwischen den ENIAC-Komponenten und dem winzigen Chip macht euch klar, was technischer Fortschritt wirklich bedeutet. Heute ist unsere Technik tausende Male leistungsfähiger – und trotzdem debattieren wir ähnliche Fragen wie 1946: Können Maschinen denken? Wie verändern Computer unsere Welt? Was passiert, wenn Maschinen „selbstständig“ werden?

Die Frage, die bleibt

John Presper Eckert, einer der ENIAC-Entwickler, sagte später einen bemerkenswerten Satz: „Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass nichts wie der ENIAC da war, obwohl es alle benötigten Komponenten 10 oder sogar 15 Jahre früher schon gab. Der ENIAC hätte 10 oder 15 Jahre früher erfunden werden müssen.“

Diese Aussage zeigt: Manchmal braucht es nicht nur Technik, sondern auch den richtigen Moment, die richtige Vision und Menschen, die das Unmögliche wagen. ENIAC war nicht der erste Computer überhaupt – Konrad Zuses Z3 lief bereits 1941 in Berlin. Aber ENIAC war der erste, der richtig Aufmerksamkeit bekam, der die Öffentlichkeit elektrisierte und zeigte: Computer sind nicht nur Spezialmaschinen für Wissenschaftler, sondern könnten irgendwann unser Leben verändern.

Heute, 80 Jahre später, wissen wir: Sie hatten recht. Nur dass statt einem ENIAC pro Land mittlerweile Milliarden Computer, Smartphones und Server unsere Welt am Laufen halten. Und das alles begann in einem vollgestopften Raum in Pennsylvania – mit 17.800 Elektronenröhren und sechs brillanten Programmiererinnen, die Geschichte schrieben.

Happy Birthday, ENIAC. Du alter Raum-Füller.