Always on? Gibt’s nicht

von | 10.11.2017 | Internet

Die Werbung vermittelt uns den Eindruck, mit dem richtigen Smartphone und dem passenden Mobilfunkanbieter hätten wir kein Problem mehr: Jederzeit online, jederzeit top Speed, keine Probleme. Doch die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus.

Smartphone in der Hand – und damit immer online? Mit stets rasanter Datengeschwindigkeit, ohne Mucken, ohne Murren und zu bezahlbaren Preisen? Das versprechen uns die glücklich wirkenden User auf Plakaten, in Anzeigen und Werbespots.

Denn natürlich wollen Smartphone-Hersteller und Mobilfunkprovider, dass wir das Märchen glauben. Doch die Realität sieht ganz anders aus. In Wahrheit müssen schon eine Menge Voraussetzungen erfüllt sein, damit das mit dem Onlinegehen unterwegs nicht nur reibungslos, sondern auch zufriedenstellend funktioniert. Und diese Voraussetzungen sind auch 2026 eher selten erfüllt.

LadyBB / Pixabay

WLAN da – und funktionstüchtig?

Beispiel: WLAN. Ist überhaupt ein WLAN in der Nähe – und ist es eins, in das man einfach so rein kann? Und falls man rein kann, ist es auch schnell genug? In der Deutschen Bahn gibt es zwar mittlerweile kostenloses WLAN in allen ICE-Zügen und vielen Regionalzügen. Doch trotz aller Verbesserungen der letzten Jahre bleibt das Problem: Sobald der Zug richtig Fahrt aufnimmt, gerät der Datenstrom regelmäßig ins Stocken.

Selbst für normale Webseiten reicht es dann oft nicht, geschweige denn für Netflix oder YouTube unterwegs. Videostreaming in der Bahn funktioniert meist nur in den Hauptverkehrsachsen zuverlässig. Auf weniger frequentierten Strecken? Fehlanzeige.

Das liegt nicht primär an der Bahn selbst, sondern an der zugrundeliegenden Infrastruktur. Obwohl Deutschland inzwischen flächendeckend 5G ausrollt und LTE praktisch überall verfügbar ist, hapert es an der Realität. Die theoretischen Gigabit-Geschwindigkeiten von 5G sind Laborwerte, die im Alltag selten erreicht werden.

5G-Versprechen vs. mobile Realität

In Ballungsgebieten gibt es zwar 5G und damit zumindest theoretisch beeindruckende Übertragungsraten. Allerdings teilen wir uns die zur Verfügung stehende Bandbreite immer mit vielen anderen, die sich gleichzeitig mit einem Onlinewunsch in derselben Funkzelle aufhalten. Das Ergebnis: Auch 5G wirkt oft wie angeschossen.

Besonders problematisch wird es bei Großveranstaltungen, in vollen Zügen oder abends, wenn alle gleichzeitig streamen wollen. Die Mobilfunkzellen sind schlichtweg überlastet. Videostreaming unterwegs? Möglich, aber nur wenn ihr Glück mit der Netzauslastung habt.

Hinzu kommt: Die 5G-Abdeckung ist trotz aller Versprechungen noch lückenhaft. Gerade in ländlichen Gebieten fällt das Netz regelmäßig auf 4G oder sogar 3G zurück. Von den beworbenen Multi-Gigabit-Geschwindigkeiten ist dann nichts mehr zu spüren.

Dein Vertrag entscheidet, wie online Du wirklich bist

Natürlich braucht man auch noch einen passenden Vertrag. Die günstigen Tarife bieten zwar nominell 5G-Zugang, drosseln aber die Geschwindigkeit künstlich auf 25 oder 50 MBit/s. Echtes Gigabit-5G gibt es nur in den teuersten Premium-Tarifen.

Und für alle Verträge gilt: Die Provider tun zwar so, als könnten wir sorglos und endlos surfen, doch in Wahrheit gibt es fast immer ein Datenkontingent. Selbst die „Unlimited“-Tarife haben oft versteckte Fair-Use-Grenzen. Ist die erreicht, wird gedrosselt – auf meist 1-2 MBit/s statt der beworbenen 64 KBit/s von früher.

Immerhin haben sich die Zero-Rating-Angebote weiterentwickelt. Telekom StreamOn und Vodafone Pass gibt es zwar noch, aber durch EU-Regulierung sind sie fairer geworden. Dafür sind echte Unlimited-Tarife häufiger – aber auch deutlich teurer als noch vor ein paar Jahren.

Die Batterie-Realität: Always on frisst Akku

Ein Punkt, den die Werbung gerne verschweigt: „Always on“ bedeutet auch „Always charging“. Moderne Smartphones mit ihren großen, hochauflösenden Displays und leistungshungrigen Prozessoren sind wahre Energiefresser. 5G-Modems verbrauchen zusätzlich mehr Strom als ihre 4G-Vorgänger.

Wer unterwegs wirklich permanent online ist, Videos streamt und Social Media nutzt, dessen Akku ist nach wenigen Stunden leer. Powerbanks sind zum unverzichtbaren Accessoire geworden – was der Idee des sorglosen, kabellosen Lebens ziemlich widerspricht.

Das Versprechen der Vollvernetzung

Grundsätzlich ist es eine großartige Idee, überall und jederzeit online sein zu können. Die Technologie dafür existiert theoretisch. Smartphones sind leistungsfähiger denn je, 5G kann gigabitschnelle Datenübertragung, und WiFi 6E verspricht WLAN-Geschwindigkeiten jenseits der Gigabit-Grenze.

Doch zwischen technischen Möglichkeiten und gelebter Realität klafft noch immer eine riesige Lücke. Unsere High-End-Geräte können viel mehr, als unsere Infrastruktur hergibt. Echtes „Always on“ bedeutet in Deutschland auch 2026: Mal geht’s, mal nicht. Mal schnell, mal im Schneckentempo. Und fast immer teurer als gedacht.

Das ernüchternde Fazit: Die Werbeversprechen sind nach wie vor Zukunftsmusik. Always on? Gibt’s noch immer nicht.

Zuletzt aktualisiert am 31.03.2026