Bewertungsportale können sehr nützlich sein: Wir schauen nach, welche Erfahrungen andere mit einem Produkt, einem Service, einem Hotel, einem Restaurant oder einem Arzt gemacht haben. Kann aufschlussreich sein – aber auch Betroffene in die Verzweiflung treiben, weil Kommentare als unfair oder sogar falsch betrachtet werden. Ein Arzt aus Schwäbisch-Gmünd hat sich besonders geärgert über die Beurteilungen eines Patienten. Der hat fälschlicherweise behauptet, mehr als drei Stunden im Wartezimmer gesessen zu haben – und die Patientenakten würden im Wäschekorb gelagert.
Der Arzt wollte den anonymen Kommentator auf Schadenersatz verklagen. Verständlich, denn solche Kommentare können tatsächlich finanziellen Schaden bedeuten. Wenn aufgrund von Postings die Patienten ausbleiben, dann bedeutet das konkret Umsatzeinbußen. Der Arzt wollte vom Bewertungsportal Sanego wissen, wer die Beurteilungen geschrieben hat. Doch das Portal hat die Daten nicht rausgegeben. Sanego hat sich auf das Telemediengesetz (TMG) berufen. Das Gesetz sieht vor, dass Anbieter von Bewertungsportalen und Diskussionsforen ihre Nutzer wirkungsvoll schützen und eine anonyme Nutzung oder unter Pseudonym ermöglichen müssen. Was soll man sagen: Gesetz ist Gesetz, der BGH hat also vollkommen konsequent entschieden.
Dieses Grundsatzurteil hat bis heute Bestand – auch wenn sich die Rechtslage durch das neue Digitale-Dienste-Gesetz (DDG) seit 2022 etwas verschärft hat. Das DDG hat das TMG abgelöst und setzt EU-Vorgaben um. Plattformen müssen jetzt transparenter werden und haben strengere Pflichten bei der Moderation von Inhalten. Dennoch bleibt der Schutz der Anonymität ein hohes Gut.
Bewertungsportale zwischen Nutzen und Missbrauch
Ich muss zugeben, dass ich zwiegespalten bin, was Bewertungsportale anbelangt. Die Landschaft hat sich seit dem damaligen Urteil drastisch verändert. Google Reviews dominiert heute viele Bereiche, daneben haben sich spezialisierte Plattformen etabliert: ProvenExpert für Dienstleister, Kununu für Arbeitgeber, oder Trustpilot für Online-Shops. Auch neue Player wie TripAdvisor-Konkurrent GetYourGuide oder branchenspezifische Apps verändern das Spiel.
Das Grundproblem bleibt: Bewertungsportale lassen sich kinderleicht manipulieren. Es gibt ganze Agenturen, die gefälschte Bewertungen verkaufen. Andererseits können authentische Rezensionen durchaus aufschlussreich sein. Es gibt keine objektiven Kriterien – und manchmal ist gerade die subjektive Beurteilung interessant. Jeder bewertet, wie er will. Subjektiv. Nach eigenen Kriterien. Und oft genug wird einfach nur Dampf abgelassen.
KI verändert das Bewertungsspiel
Seit 2024 setzen viele Portale verstärkt auf KI-basierte Systeme zur Erkennung gefälschter Reviews. ChatGPT und andere Large Language Models haben paradoxerweise das Problem verschärft und gleichzeitig neue Lösungen gebracht. Einerseits können jetzt noch authentischer wirkende Fake-Bewertungen generiert werden. Andererseits helfen KI-Algorithmen dabei, verdächtige Muster zu erkennen: Accounts, die nur positive Bewertungen abgeben, unnatürliche Sprachmuster oder koordinierte Angriffe auf einzelne Anbieter.
Google hat sein Review-System 2025 komplett überarbeitet und setzt jetzt auf einen „Verified Review Score“, der echte Kundenerfahrungen höher gewichtet. Amazon hat bereits 2023 angefangen, KI-generierte Bewertungen automatisch zu markieren.
Das Dilemma der Anonymität
Die möglichen Folgen von unfairen Bewertungen interessieren viele nicht. Und das alles sogar ohne jemals Verantwortung übernehmen zu müssen, wie das BGH-Urteil zeigt. Das ist problematisch, da sich jeder hinter dem Privileg der Anonymität verstecken kann. Da gehen mit dem ein oder anderen schon mal die Pferde durch – und das ist eigentlich unzumutbar.
Auf der anderen Seite ist Anonymität oft auch sehr wichtig. Bedauerlich, dass manche dieses Privileg schamlos missbrauchen. Man kennt das auch aus Internetforen und Kommentarspalten – und verstärkt aus sozialen Medien.
Neue Ansätze für mehr Transparenz
Einige Plattformen experimentieren mittlerweile mit hybriden Modellen: Verifizierte Accounts bekommen mehr Gewicht, während anonyme Bewertungen deutlich gekennzeichnet werden. Blockchain-basierte Bewertungssysteme wie das von Civic oder neue Ansätze mit digitalen Identitäten versprechen mehr Vertrauen ohne komplette Preisgabe der Privatsphäre.
Die EU arbeitet außerdem an strengeren Regeln für Bewertungsportale. Der Digital Services Act (DSA) zwingt große Plattformen bereits zu mehr Transparenz bei ihren Moderationsrichtlinien. Bis 2027 sollen weitere Verschärfungen folgen.
Fazit: Balance zwischen Schutz und Verantwortung
Das BGH-Urteil war richtig und wichtig für den Schutz der Meinungsfreiheit im Netz. Gleichzeitig zeigt es die Grenzen auf: Anonymität darf nicht zur Lizenz für Rufmord werden. Die Zukunft liegt wahrscheinlich in intelligenteren Systemen, die authentische Bewertungen fördern und Missbrauch eindämmen – ohne die wichtige Anonymität völlig zu opfern.
Als Nutzer sollten wir Bewertungen immer kritisch hinterfragen: Wirken sie authentisch? Gibt es ein Muster? Und vor allem: Sind wir selbst bereit, fair und konstruktiv zu bewerten, wenn wir das Privileg der Anonymität nutzen?
Zuletzt aktualisiert am 18.04.2026