Die „Oscars für Überwachung“ sind wieder verliehen. Diesmal trifft es zwei Optiker aus der Fußgängerzone, den Bundesinnenminister und die EU-Kommission. Was hinter den Preisen steckt – und warum ich nicht jede Kritik der Jury teile.
Es gibt Preise, die niemand haben will – und auf die trotzdem alle gespannt warten. Die BigBrotherAwards gehören dazu. Seit dem Jahr 2000 vergibt der Verein Digitalcourage in der Bielefelder Hechelei diesen Negativpreis an Firmen, Behörden und Politiker, die es mit dem Datenschutz nicht so genau nehmen.
Die französische Zeitung Le Monde hat die Awards mal die „Oscars für Überwachung“ genannt. Ein Preis, über den sich garantiert kein Gewinner freut, der aber Missstände sichtbar machen soll.
Die Liste für 2026 ist eine bunte Mischung: die Optikerketten Apollo und Fielmann, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die EU-Kommission, die Deutsche Telekom und sogar eine Landeskirche. Klingt nach Rundumschlag. Dahinter stecken aber drei Fragen, die uns alle betreffen: Wer filmt uns, ohne dass wir es merken? Was weiß der Staat bald per Knopfdruck über uns? Und wer greift am Ende auf unsere Daten zu?
Eine Brille als „Stalkerware“
Fangen wir mit dem kuriosesten Preis an. Apollo und Fielmann bekommen einen BigBrotherAward – für eine Brille. Genauer: für den Verkauf der Ray-Ban-Brille von Meta, dem Konzern hinter Facebook, Instagram und WhatsApp.
Die „Smart Glasses“ sehen aus wie eine ganz normale Sonnenbrille oder Sehhilfe. Im Gestell stecken aber Kamera, Mikrofone, Lautsprecher und eine KI, die mit dem Internet verbunden ist. Ein KI-Gadget auf der Nase. Damit kannst du Fragen zu dem stellen, was du gerade siehst, dir eine fremdsprachige Speisekarte übersetzen lassen oder dich in einer fremden Stadt orientieren.
Der Haken: Du kannst damit auch Fotos und Videos aufnehmen, ohne dass es jemand mitbekommt. Und genau das passiert. Die Tagesschau hat im Mai über Frauen berichtet, die heimlich mit so einer Brille gefilmt wurden, etwa im Bikini an der Alster.
Die Betroffenen erfahren davon oft erst, wenn die Aufnahmen längst im Netz sind. Die Jury nennt die Brille deshalb „Stalkerware“ – und wirft den Optikern vor, sie durch den Verkauf neben Lesebrille und Gleitsichtglas zu einem ganz normalen Alltagsgegenstand zu machen.
Warum ich die Optiker-Kritik überzogen finde
Ehrlich gesagt: Die Brille ist ein normaler Alltagsgegenstand – solange sie niemand missbraucht. Ich verstehe jeden, der Meta kritisiert. Aber zwei Händler an den Pranger zu stellen, weil sie ein Gadget verkaufen, das die allermeisten Menschen sinnvoll nutzen? Das halte ich für völlig überzogen. Mit derselben Logik müsste man jedes Smartphone zum Angriffswerkzeug erklären. Auch damit lassen sich Menschen unbemerkt fotografieren oder per GPS verfolgen.
Der richtige Weg ist ein anderer: Wer so ein Werkzeug missbraucht, gehört streng bestraft. In Paris geht die Staatsanwaltschaft inzwischen mit harten Strafen gegen genau solche Fälle vor. Aber gut: Die Jury will Debatten anstoßen. Und die ist hiermit eröffnet.
Eine Nummer für alles: die Steuer-ID
Der zweite Preis führt in eine ganz andere Ecke, zu Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Es geht um die Steuer-ID.
Erst mal das Gute: Die Verwaltung soll digitaler werden. Das wollen wir alle. Nachweise sollen wir künftig nur noch einmal vorlegen und nicht bei jedem Amt aufs Neue – „Once Only“ heißt das Prinzip, und es ist mehr als sinnvoll. Damit die Ämter aber Daten untereinander austauschen können, brauchen sie eine eindeutige Kennung für jeden Menschen. In den USA ist das die Social Security Number. Bei uns soll es die Steuer-ID sein, die jeder von uns bei der Geburt bekommt.
Bei ihrer Einführung hieß es hoch und heilig: Die Nummer ist nur fürs Finanzamt. Jetzt soll sie in mehr als 50 Registern auftauchen – Melderegister, Standesamt, Kfz-Zulassung, Sozialleistungen. Und genau da liegt das Problem. Mit einer einzigen Nummer lassen sich Daten aus allen Lebensbereichen zusammenführen. Vor diesem „gläsernen Bürger“ hat das Bundesverfassungsgericht schon 1983 im Volkszählungsurteil gewarnt.
Heute läuft der Abruf nur mit Einwilligung. Heute. Die Jury sagt: Entscheidend ist nicht, was aktuell erlaubt ist, sondern was diese Infrastruktur morgen möglich macht, wenn sich die politischen Verhältnisse ändern. Fairerweise muss man sagen: Dobrindt hat das Projekt geerbt, beschlossen wurde es unter seinen Vorgängern. Dass es anders geht, zeigt Österreich. Dort gilt eine Kennziffer jeweils nur für einen Verwaltungsbereich.
Der „Digitale Omnibus“: der wichtigste Preis des Abends
Auch die EU-Kommission hat einen Award bekommen, für den „Digitalen Omnibus“. Das klingt nach Nahverkehr, ist aber ein Gesetzespaket, mit dem viele Digitalgesetze auf einmal geändert werden sollen. Offizielles Ziel: weniger Bürokratie für Unternehmen. Klingt vernünftig.
Die Jury sieht darin den größten Angriff auf den Datenschutz seit Einführung der DSGVO. Drei Punkte stechen heraus:
- Neue Definition von persönlichen Daten: Tracking-Cookies und Werbe-IDs könnten künftig durchs Raster fallen.
- KI-Training als „berechtigtes Interesse“: Firmen dürften ihre KI-Modelle mit unseren Daten trainieren, ohne uns zu fragen.
- Eingeschränktes Auskunftsrecht: Das Recht, bei einer Firma nachzuhaken, was sie eigentlich über dich weiß, soll beschnitten werden.
Für mich ist das der wichtigste Preis des Abends, weil er uns alle betrifft. Ja, die DSGVO nervt manchmal, und sie müsste dringend besser formuliert werden. Aber sie ist ein Exportschlager: Von Japan bis Brasilien haben Länder sie zum Vorbild genommen. Entschieden ist noch nichts, im EU-Parlament liegen rund tausend Änderungsanträge auf dem Tisch.
Bringen Negativpreise überhaupt etwas?
Oder ist das am Ende nur ein netter Abend für Datenschützer? Beides. Aber die Awards wirken, das zeigt die Geschichte. Tchibo hat nach einem BigBrotherAward den Handel mit Kundendaten eingestellt. Und die Jury hatte oft früh den richtigen Riecher: Vor genau dieser Zweckentfremdung der Steuer-ID hat sie schon 2007 gewarnt. Jetzt ist sie da.
Mein Fazit
Nicht jede Kritik der Jury musst du eins zu eins teilen. Ich finde einige Argumente heillos übertrieben, geradezu modernitätsfeindlich – der Preis für die Optiker gehört für mich dazu. Manches ist zugespitzt, das gehört zum Format. Aber die BigBrotherAwards stellen die richtigen Fragen. Und zwar bevor alles endgültig beschlossen ist. Das allein ist schon eine Menge wert.