Eurosky: Endlich bauen Europäer mal die Straßen – und nicht das nächste Auto

von | 23.04.2026 | Social Networks

Du kennst das Spiel: Irgendein Politiker fordert ein „deutsches Facebook“. Die Presse schreibt mit. Drei Jahre später ist die Idee im Sand verlaufen, und wir posten wieder bei Meta. Seit 15 Jahren läuft dieser Film in Endlosschleife. Und immer mit demselben Ende.

Jetzt probiert jemand etwas grundlegend anderes. Eurosky heißt das Projekt, sitzt in den Niederlanden und ist letzte Woche mit seiner ersten Ausbaustufe gestartet. Und zum ersten Mal seit Jahren denke ich: Moment mal – das könnte tatsächlich funktionieren.

Warum „europäisches Facebook“ immer scheitert

Der Denkfehler der letzten Jahre war immer derselbe. Jemand schaut auf Instagram, sagt „das bauen wir auch, nur europäisch“, und verbrennt dann zig Millionen im Kampf gegen Meta. Aussichtslos. Gegen die Milliardenbudgets aus Kalifornien und China kommt keine einzelne App an. Schon gar nicht mit dem geduldigen europäischen Stiftungsgeld.

Eurosky dreht den Spieß um. Sebastian Vogelsang, einer der Co-Leads, bringt es auf den Punkt: Europa braucht nicht noch eine weitere App. Europa braucht die Infrastruktur darunter. Die Straßen, auf denen dann andere ihre Autos fahren lassen können.

Account, Login, digitale Identität, Datenspeicher – alles europäisch, alles offen. Und auf dieser Grundlage können dann hunderte kleine Anbieter aufsetzen. Nicht einer gegen Meta. Sondern viele gegen einen. Das ist ein komplett anderes Spiel.

Übersicht mehrerer Apps unter einem Konto
Ein Konto, viele Apps: Diese Übersicht zeigt verschiedene Plattformen auf einen Blick. Von Social Media bis Blogging ist alles dabei.

Was dieses „Portal“ konkret kann

Die erste Ausbaustufe heißt Portal. Im Kern ist das eine digitale Identität. Einmal anmelden – und damit kommst du in hunderte Apps, die alle auf demselben offenen Standard laufen. Das AT Protocol, falls du es technisch magst. Das gleiche Protokoll, auf dem auch Bluesky läuft.

Bluesky kennst du vielleicht. Die Twitter-Alternative, die nach Elon Musks Übernahme Fahrt aufgenommen hat. Über 43 Millionen Accounts inzwischen, Tendenz steigend. Und drumherum wächst gerade ein ganzes Ökosystem:

Flashes funktioniert wie Instagram. Leaflet ist eine Blog-Plattform. Streamplace kümmert sich um Live-Streaming. Tangled ist für Entwickler gedacht, Sifa geht in Richtung LinkedIn. Und alle diese Apps nutzen denselben Account. Deine Follower, deine Freunde, deine Inhalte – die wandern mit.

Das ist der eigentliche Gamechanger

Mach dir mal klar, was das bedeutet. Wenn du heute von Instagram weg willst, verlierst du alles. Follower, Fotos, Kommentare, das Archiv aus zehn Jahren. Praktisch gehören deine Inhalte der Plattform. Du bist Gefangener im goldenen Käfig.

Beim AT Protocol ist es umgekehrt. Deine Daten liegen auf einem Personal Data Server – stell dir das wie ein digitales Schließfach vor. Jede App darf reingucken, wenn du es erlaubst. Aber die Daten gehören dir. Du bist Vermieter, nicht Leibeigener.

Aus Plattform-Lock-in wird Content-Portabilität. Aus „ich bin abhängig“ wird „ich entscheide“. Das ist nicht nur ein technisches Detail. Das ist ein anderes Machtverhältnis zwischen dir und der Plattform.

Werbegrafik für europäisches soziales Netzwerk EUROSKY
EUROSKY präsentiert sich als europäisches soziales Netzwerk mit Fokus auf Datenschutz und Dezentralität. Ein digital vernetztes Europa steht im Mittelpunkt der Vision.

Die nüchterne Wahrheit beim Geld

Jetzt der Realitätscheck. Eurosky ist eine gemeinnützige Stiftung. Die Server stehen bei Hetzner, in deutschen und europäischen Rechenzentren. DSGVO, europäisches Recht – alles wie es sein soll.

Zum Start läuft eine Spendenkampagne. Ziel: 100.000 Euro. Nach zwei Tagen waren 10.000 Euro drin. Das ist schön. Aber Meta verbrennt pro Tag mehr, als Eurosky im Jahr einsammeln will. Das ist die europäische Realität bei der digitalen Souveränität: viel Sonntagsrede, wenig Geld.

Wenn wir wollen, dass das trägt, muss mehr kommen. Von Stiftungen. Von der EU. Von Unternehmen, die ein echtes Interesse an einer europäischen Alternative haben. Und ja, vielleicht auch von dir und mir.

Warum die Chancen trotzdem gut stehen

Und doch: Die Aussichten sind besser als bei allem, was ich in dieser Richtung in den letzten 15 Jahren gesehen habe. Eurosky baut kein Konkurrenzprodukt. Eurosky baut Infrastruktur. Die müssen nicht mühsam 43 Millionen Nutzer akquirieren – die sind bei Bluesky längst da. Eurosky muss nur dafür sorgen, dass diese Nutzer europäische Alternativen zum amerikanischen Hosting bekommen.

Bleiben zwei Herausforderungen. Erstens: Wer außerhalb der Tech-Blase kennt schon Bluesky, Flashes oder Leaflet? Der Sprung in den Mainstream fehlt. Zweitens: Ohne Regulierung wird es schwer. Die EU muss Interoperabilität zur Pflicht machen. Meta muss deine Daten rausrücken, wenn du wechseln willst. Dann hätte Eurosky plötzlich gewaltiges Momentum.

Solltest du wechseln?

Ehrlich: Wenn du nur Fotos an Oma schickst und Katzenvideos guckst, brauchst du Eurosky heute nicht. Das wäre Übertreibung.

Aber wenn du bewusst mit deinen Daten umgehen willst, wenn du Alternativen suchst, wenn du ein Zeichen setzen möchtest – dann lohnt ein Blick. Account in zwei Minuten, kostenlos. Keine Entweder-oder-Entscheidung. Du kannst es parallel ausprobieren.

Mein Fazit nach 30 Jahren Tech-Journalismus: Eurosky ist kein Instagram-Killer. Will es auch gar nicht sein. Es ist der ernsthafteste Versuch, den ich seit langem gesehen habe, digitale Souveränität nicht als Sonntagsrede zu führen, sondern als Straßenbau zu betreiben.

Die Straßen stehen jetzt. Die Autos müssen noch drüberfahren. Und das können europäische Gründer, Medien, Behörden, wir alle mitgestalten – wenn wir wollen. Ob es klappt, weiß niemand. Aber zum ersten Mal seit Jahren ist das in Europa überhaupt eine realistische Frage.

Und das allein ist schon ziemlich viel.