Google und die endlosen Strafen: Warum Milliardenbußen nichts ändern

von | 19.11.2013 | Tipps

Von wegen: Don’t be evil. Tue nichts Böses. So lautete das inoffizielle Firmenmotto des Onlinekonzerns – bis es 2018 aus dem Verhaltenskodex gestrichen wurde. Ein symbolischer Schritt, denn schon davor war das Prinzip in Mountain View nicht gerade in Stein gemeißelt. Die Geschichte von Google ist gepflastert mit Datenschutzverstößen, Kartellrechtsproblemen und zweifelhaften Geschäftspraktiken.

Konkret: Google hat von Juni 2011 bis Februar 2012 eine Option im Safari-Browser auf iPhone, iPad und PC ignoriert. Hier konnten User festlegen, ob Google und andere Webdienste das Surfverhalten ausspähen dürfen. Doch Google hat sich nicht an die Einstellung gehalten – wissentlich, muss man annehmen.

Mitte 2012 musste Google deswegen bereits eine Strafe in Höhe von 22,5 Millionen Dollar zahlen, damals an die US-Aufsichtsbehörde FTC. Dann folgte eine weitere Zahlung von 17 Millionen Dollar in einem Vergleich mit den Generalstaatsanwälten diverser US-Bundesstaaten. „Das Unternehmen hat nicht nur die Privatsphäre der User verletzt, sondern auch ihr Vertrauen missbraucht“, so das damalige Resümee des New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman.

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Milliardenschwere Strafen werden zur Normalität

Was damals nach viel Geld klang, wirkt heute geradezu niedlich. Die EU-Kommission verhängte zwischen 2017 und 2019 drei Rekordstrafen gegen Google: 2,4 Milliarden Euro wegen Bevorzugung des eigenen Shopping-Services, 4,34 Milliarden Euro für die Marktmacht bei Android und 1,49 Milliarden Euro wegen unlauteren Wettbewerbs bei Online-Werbung. Insgesamt über 8 Milliarden Euro – für Google immer noch verkraftbar bei einem Jahresumsatz von über 300 Milliarden Dollar.

Auch in den USA regnete es Strafen: 2022 zahlte Google 391,5 Millionen Dollar an 40 US-Bundesstaaten wegen irreführender Standortdatensammlung. Das Unternehmen hatte Nutzer getäuscht, indem es auch dann Standortdaten sammelte, wenn sie dies explizit deaktiviert hatten. 2023 folgte eine weitere Zahlung von 700 Millionen Dollar im Play Store-Kartellverfahren.

KI-Ära bringt neue Probleme

Mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz entstehen neue Konfliktfelder. Googles KI-System Gemini steht unter Beschuss wegen Verzerrungen und fragwürdiger Trainingsdaten. Medienunternehmen werfen dem Konzern vor, ihre Inhalte ohne Erlaubnis für das Training von Sprachmodellen zu nutzen. Gleichzeitig manipuliert Google seine Suchergebnisse immer aggressiver zugunsten eigener KI-Antworten – auf Kosten der Webseitenbetreiber, die jahrelang Traffic von Google bezogen.

Besonders brisant: Googles Datensammlung für KI-Training. Das Unternehmen nutzt praktisch alle verfügbaren Daten – von YouTube-Videos über Gmail-Inhalte bis hin zu Dokumenten in Google Drive. Die Nutzer haben kaum eine Chance, dem zu widersprechen, ohne auf zentrale Google-Services zu verzichten.

Digital Markets Act zeigt erste Wirkung

In Europa greift seit 2024 der Digital Markets Act (DMA), der Tech-Giganten wie Google als „Gatekeeper“ klassifiziert und strengen Regeln unterwirft. Google muss nun Alternativen zu seinen eigenen Services anbieten und kann Konkurrenten nicht mehr so einfach benachteiligen. Erste Erfolge sind sichtbar: Nutzer können jetzt leichter zu anderen Suchmaschinen wechseln, und alternative App-Stores erhalten besseren Zugang zu Android-Geräten.

Doch Google findet kreative Wege, die Regeln zu umgehen. Statt einer echten Wahlfreiheit präsentiert das Unternehmen Alternativen oft so, dass die meisten Nutzer trotzdem bei Google bleiben. Kritiker sprechen von „Malicious Compliance“ – technisch regelkonform, aber gegen den Geist des Gesetzes.

Monopolverfahren in den USA spitzt sich zu

Parallel läuft in den USA das größte Kartellverfahren seit Jahrzehnten gegen Google. Das Justizministerium wirft dem Konzern vor, illegal ein Suchmonopol aufgebaut zu haben – unter anderem durch Milliardenzahlungen an Apple und andere Partner, um als Standardsuchmaschine gesetzt zu werden. Eine Entscheidung könnte zur Aufspaltung des Konzerns führen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Google kontrolliert über 90 Prozent des globalen Suchmarkts und kassiert jährlich über 100 Milliarden Dollar aus der Werbung. Diese Marktmacht nutzt das Unternehmen systematisch, um in andere Bereiche vorzudringen – von Cloud Computing über autonomes Fahren bis hin zur Künstlichen Intelligenz.

Was bedeutet das für Nutzer?

Für Verbraucher bleiben die Auswirkungen zwiespältig. Einerseits profitieren sie von kostenlosen Services und technischen Innovationen. Andererseits zahlen sie mit ihren Daten und haben kaum Kontrolle darüber, was mit diesen Informationen geschieht. Die Strafen kratzen Google bislang wenig – sie werden als Betriebskosten verbucht, während das Geschäftsmodell unverändert weiterläuft.

Immerhin: Der gesellschaftliche Druck wächst. Datenschutz-bewusste Nutzer steigen auf Alternativen wie DuckDuckGo, Brave oder Startpage um. Doch solange Google seine Services kostenlos und komfortabel anbietet, wird der Konzern seine dominante Position behalten – trotz aller Strafen und Verfahren.

Zuletzt aktualisiert am 20.04.2026