Leistungsschutzrecht: Wie Google heute Millionen an Verlage zahlt

von | 26.06.2014 | Tipps

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht und Vergütungen für Verlage durch Tech-Giganten hat sich seit den ersten deutschen Klagen gegen Google erheblich weiterentwickelt. Was 2014 als strittiges Experiment begann, ist heute zu einem komplexen regulatorischen Rahmen geworden, der die gesamte EU erfasst.

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Das EU-Urheberrechtsgesetz von 2019 hat das Leistungsschutzrecht auf europäischer Ebene verankert. Artikel 15 der Richtlinie verpflichtet Plattformen wie Google, Facebook und andere Aggregatoren dazu, Verlage für die Nutzung ihrer Inhalte zu vergüten – auch für kurze Ausschnitte und Snippets. Deutschland hat diese Richtlinie 2021 in nationales Recht umgesetzt und dabei die ursprünglich schwammigen Formulierungen präzisiert.

Google reagierte zunächst mit drastischen Maßnahmen: Der Konzern drohte damit, Google News in einzelnen Ländern komplett einzustellen. In Australien führte ein ähnlicher Konflikt um das „News Media Bargaining Code“ 2021 sogar dazu, dass Facebook zeitweise alle Nachrichteninhalte blockierte. Doch mittlerweile hat sich das Blatt gewendet.

Seit 2022 zahlt Google tatsächlich Millionensummen an europäische Verlage. Über das „Google News Showcase“-Programm fließen jährlich mehr als eine Milliarde Dollar an Medienunternehmen weltweit. In Deutschland haben große Verlage wie Axel Springer, Burda und Funke individuelle Vereinbarungen mit Google getroffen. Die Summen werden vertraulich behandelt, Branchenkenner sprechen von zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr für die größten Publisher.

Die ursprüngliche Kritik an der Verlags-Strategie – Traffic zu wollen, aber trotzdem Geld zu verlangen – hat sich als zu kurz gedacht erwiesen. Tatsächlich zeigen aktuelle Studien, dass Google News und ähnliche Dienste längst nicht mehr nur Traffic-Lieferanten sind, sondern zu Konkurrenten der Originalquellen geworden sind. Googles „Top Stories“-Karussell, Featured Snippets und Knowledge Panels beantworten viele Fragen direkt auf der Suchergebnisseite – ohne dass Nutzer die Verlagsseiten besuchen müssen.

Das Phänomen wird als „Zero-Click-Search“ bezeichnet: Laut Studien von SparkToro führten 2024 bereits über 57% aller Google-Suchen zu keinem Klick auf externe Websites. Google extrahiert also Wert aus journalistischen Inhalten, ohne proportional Traffic zurückzugeben. Diese Entwicklung verstärkt sich durch KI-Features wie Googles „Search Generative Experience“, die komplette Antworten aus verschiedenen Quellen zusammenfassen.

Meta (Facebook/Instagram) gerät ebenfalls unter Druck. Das Unternehmen blockiert seit 2023 Nachrichteninhalte in Kanada komplett, nachdem dort ein ähnliches Gesetz wie in Australien verabschiedet wurde. In der EU verhandelt Meta dagegen weiterhin über Lizenzdeals, um Konfrontationen zu vermeiden.

Die Verlage haben ihre Strategie professionalisiert. Statt einzeln zu klagen, arbeiten sie über Verwertungsgesellschaften wie die VG Media zusammen. Diese können gebündelt Tarife aushandeln und Vergütungen einfordern. Das schafft mehr Verhandlungsmacht gegenüber den Tech-Riesen.

Interessant wird die Entwicklung mit dem Aufstieg von ChatGPT, Claude und anderen KI-Chatbots. Diese trainieren ihre Modelle mit Inhalten aus dem gesamten Internet – inklusive journalistischer Texte. Noch ist rechtlich ungeklärt, ob und wie Verlage für die Nutzung ihrer Inhalte als Trainingsdaten vergütet werden müssen. Erste Pilotprojekte wie ChatGPTs Publisher-Partnerschaften mit Associated Press und Axel Springer deuten aber auf kommende Lizenzdeals hin.

Die ursprünglich als „Ancillary Copyright“ oder „Google-Steuer“ verspottete Idee hat sich damit zu einem funktionierenden Geschäftsmodell entwickelt. Für kleinere Verlage bleibt allerdings die Herausforderung, überhaupt an den Verhandlungstisch zu gelangen. Während Branchenriesen Millionendeals aushandeln, gehen lokale und spezialisierte Medien oft leer aus.

Das Leistungsschutzrecht wird damit zu einem Baustein im größeren Puzzle der Plattformregulierung. Zusammen mit dem Digital Services Act, dem Digital Markets Act und nationalen Medienförderungsgesetzen entsteht ein neuer rechtlicher Rahmen für die digitale Medienlandschaft. Die Zeit, in der Tech-Konzerne journalistische Inhalte ohne Vergütung nutzen konnten, geht definitiv zu Ende.

Zuletzt aktualisiert am 19.04.2026