Nukemap: Wenn eine Atombombe Berlin trifft

von | 06.11.2017 | Surftipp

Wissenschaftler zeigen in einer Onlinekarte die Auswirkungen eines denkbaren Atombombeneinsatzes. Wo die Bombe eingesetzt wird, könnt ihr selbst wählen – und das Ergebnis ist erschreckend realistisch.

Angesichts der aktuellen Weltlage mit dem Ukraine-Krieg, neuen Spannungen um Taiwan und dem fortschreitenden Nuklearprogramm Nordkoreas ist die Gefahr durch Atomwaffen wieder brandaktuell. Doch die Diskussionen werden oft unsachlich geführt, was vor allem damit zu tun hat, dass viele Menschen nur wenig über Nuklearwaffen wissen. Wie gefährlich sind sie wirklich? Wie viel Schaden richten sie an – sofort und langfristig?

Auf eine erschreckend realistische Art und Weise beantwortet der US-Physiker Alex Wellerstein vom Stevens Institute of Technology diese Fragen. Auf nuclearsecrecy.com/nukemap dürft ihr eine Atombombe irgendwo auf der Erde abwerfen und die Konsequenzen der Explosion beobachten. Wellerstein nutzt dafür moderne Kartentechnologie und öffentlich zugängliche Daten sowie wissenschaftliche Modellrechnungen, um die Detonation samt Folgen möglichst naturgetreu darzustellen.

Was würde beispielsweise passieren, wenn die Bombe, die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde, heute mitten in Berlin zündet? Laut Nukemap würde in einem Radius von 180 Metern alles sofort vollständig zerstört. Der Feuerball würde eine Fläche von etwa 0,1 Quadratkilometern erfassen. Weitere direkte Auswirkungen – wie tödliche Verstrahlung und schwere Verbrennungen – wären noch in einem Radius von 1,9 Kilometern zu spüren. Und dabei ist der radioaktive Niederschlag noch nicht einmal einberechnet, den Nukemap aufgrund aktueller Wetterdaten optional ebenfalls anzeigt.

Besonders makaber: Die Webseite berechnet sogar die möglichen Zahlen für Todesopfer und Verletzte basierend auf aktuellen Bevölkerungsdichten. Die Hiroshima-Bombe mit ihren 15 Kilotonnen Sprengkraft würde demnach in Berlin etwa 48.000 Menschen töten und rund 160.000 verletzen. Diese Zahlen basieren auf detaillierten Studien der Auswirkungen von Hiroshima und Nagasaki sowie modernen demografischen Daten.

Zur Auswahl stehen aber noch weit größere Atombomben – von modernen taktischen Nuklearwaffen bis hin zur sowjetischen Tsar-Bombe mit gewaltigen 100 Megatonnen Sprengkraft. Letztere würde Verwüstungen anrichten, die den gesamten Osten Deutschlands betreffen würden. Der Feuerball allein hätte einen Durchmesser von über 8 Kilometern.

Seit der ersten Version 2012 hat Wellerstein Nukemap kontinuierlich weiterentwickelt. Die aktuelle Version 3.0 aus 2021 bietet erweiterte Funktionen: Ihr könnt zwischen verschiedenen Detonationshöhen wählen (Boden-, Luft- oder Unterwasserexplosion), die Auswirkungen auf die Infrastruktur analysieren und sogar die langfristigen Folgen wie Krebserkrankungen modellieren. Neu hinzugekommen sind auch Daten zu modernen Hyperschall-Waffen und kleineren taktischen Nuklearwaffen, die in aktuellen Konflikten eine Rolle spielen könnten.

Ein besonders beunruhigendes Feature ist die Simulation des nuklearen Winters. Würden mehrere Großstädte gleichzeitig getroffen, könnte der aufgewirbelte Staub und Rauch das Klima für Jahre beeinflussen. Nukemap zeigt auch diese globalen Auswirkungen auf – eine wichtige Ergänzung, da moderne Nuklearstrategien oft auf Multiple-Target-Szenarien setzen.

Die Webseite nutzt dabei nicht nur theoretische Berechnungen, sondern auch Daten von den über 2.000 Nukleartests, die seit 1945 durchgeführt wurden. Wellerstein, der auch das „Restricted Data“-Blog betreibt, hat Zugang zu teilweise declassifizierten militärischen Studien und arbeitet mit anderen Nuklearforschern weltweit zusammen.

So lassen sich mit Nukemap verschiedene Szenarien an allen Standorten der Welt durchspielen, um die zerstörerische Kraft von Nuklearwaffen anschaulich zu demonstrieren. Viele Einstellungen helfen bei der Feinjustierung – von der Wahl der Tageszeit bis hin zur Berücksichtigung von Gebäudedichte und Geländetyp. Nutzer können aber auch einfach eine der Voreinstellungen wählen. So lässt sich etwa auch eine moderne russische RS-28 Sarmat-Interkontinentalrakete oder eine nordkoreanische Hwasong-17 simulieren.

Wellerstein verfolgt mit seinem Projekt ein klares Ziel: Aufklärung statt Panikmache. „Viele Menschen haben unrealistische Vorstellungen von Nuklearwaffen – sie überschätzen oder unterschätzen die Gefahr“, erklärt der Physiker. „Nukemap soll dabei helfen, fundierte Diskussionen über Nuklearpolitik zu führen.“ Das Tool wird mittlerweile von Schulen, Universitäten und sogar Regierungsorganisationen für Bildungszwecke genutzt.

Die Webseite ist kostenlos und werbefrei. Finanziert wird das Projekt durch Forschungsgelder und Spenden. Angesichts der aktuellen Weltlage bleibt Nukemap ein wichtiges Werkzeug für alle, die die realen Dimensionen nuklearer Bedrohungen verstehen möchten.

https://nuclearsecrecy.com/nukemap

Zuletzt aktualisiert am 31.03.2026