Das ist Paul. Paul hat ein Problem – und wir die Lösung… Und ständig wischen Hände über den Bildschirm, schieben Figuren hin und her und ziehen Wörter ins Bild. Ihr kennt solche Erklärvideos sicher auch zu Genüge. Seit Jahren werden uns im Web auf diese Weise die Vorzüge von Apps, Onlinediensten und Produkten erklärt.
Schluss damit. Wir haben zu viele Pauls gesehen. Das satirische Video „Rettet Paul“ zeigt: Auch Paul hat keine Lust mehr, alles zu erklären. Unterhaltsam nehmen die Macher die übliche Erklärmasche aufs Korn – und haben einen wichtigen Punkt gemacht.
Die ewige Wiederholung der immer gleichen Formeln
Doch fast ein Jahrzehnt später hat sich wenig geändert. Im Gegenteil: Die Flut an generischen Erklärvideos ist noch größer geworden. Besonders seit der Pandemie und dem Boom von Online-Kursen und digitalen Produkten überschwemmen uns täglich hunderte solcher Videos. Die Formel ist immer die gleiche: Ein Problem wird aufgebaut, eine sympathische Figur (meist Paul oder Paula) kämpft damit, und dann kommt die Erlösung durch das beworbene Produkt.
Die Whiteboard-Animation, bei der eine unsichtbare Hand Figuren und Texte ins Bild schiebt, wurde zum Standard-Tool. Plattformen wie VideoScribe, Doodly oder Vyond haben diese Art der Videoproduktion demokratisiert. Jeder kann heute in wenigen Stunden ein solches Video erstellen – und genau das ist das Problem.
KI macht’s noch schlimmer
Seit 2023 haben KI-Tools die Situation zusätzlich verschärft. Plattformen wie Synthesia, Pictory oder InVideo AI können binnen Minuten Erklärvideos generieren – komplett mit KI-Avataren, die in perfektem Deutsch sprechen. Das Ergebnis: Noch mehr austauschbare Inhalte, die nach exakt demselben Schema funktionieren.
Die neuen KI-generierten Videos sind technisch beeindruckend, aber inhaltlich genauso öde wie ihre menschengemachten Vorgänger. Ein Avatar namens „Sarah“ oder „Michael“ erklärt uns die Vorzüge einer App, während im Hintergrund generische Symbole und Animationen ablaufen. Der Unterschied zu Paul? Praktisch null.
Warum die Paul-Formel so hartnäckig ist
Der Grund für die Beliebtheit dieser Videos liegt auf der Hand: Sie funktionieren – zumindest oberflächlich. Die Conversion-Raten sind messbar, die Produktionskosten niedrig, und die Formel ist erprobt. Warum also etwas ändern?
Doch hier liegt der Denkfehler: Was kurzfristig Klicks generiert, nutzt sich langfristig ab. Inzwischen sind die meisten Nutzer gegen diese Art von Content immun geworden. Die Videos werden weggeklickt, übersprungen oder ignoriert. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, weil das Gehirn das Muster erkennt und abschaltet.
Die neuen Gewinner: Authentizität und Kreativität
Während sich Paul und seine KI-Nachfolger immer ähnlicher werden, setzen sich andere Formate durch. TikTok und Instagram haben gezeigt, dass authentische, ungeschönte Videos oft besser funktionieren als hochproduzierte Erklärmaschinen. Ein Entwickler, der in 30 Sekunden ehrlich über sein Tool spricht, wirkt glaubwürdiger als ein perfekt animierter Avatar.
Besonders erfolgreich sind inzwischen:
- Screen-Recordings mit echter Stimme: Statt Animation zeigen Entwickler direkt ihr Produkt in Aktion
- Behind-the-Scenes-Content: Echte Menschen erklären, warum sie etwas gebaut haben
- Problem-zentrierte Tutorials: Fokus auf konkrete Lösungen statt auf Marketing-Geschichten
- Interaktive Demos: Nutzer können selbst ausprobieren, statt nur zuzuschauen
Was wirklich funktioniert: Substanz statt Schaum
Die besten Erklärvideos 2026 haben gemeinsam, dass sie aufs Wesentliche fokussieren. Sie erzählen keine Märchen über Paul und seine Probleme, sondern zeigen direkt, was das Produkt kann und für wen es gedacht ist. Sie respektieren die Zeit der Zuschauer und kommen schnell auf den Punkt.
Tool-Hersteller wie Notion, Figma oder Slack haben vorgemacht, wie es geht: Ihre Videos zeigen echte Anwendungsfälle, sprechen konkrete Zielgruppen an und verzichten auf künstliche Dramatisierung. Das Ergebnis sind Videos, die tatsächlich weiterhelfen statt nur zu verkaufen.
Das Ende einer Ära?
Paul ist müde, und wir sind es auch. Die Zeit der austauschbaren Erklärvideos neigt sich dem Ende zu. Wer heute noch auf die alte Formel setzt, wirkt nicht nur unkreativ, sondern auch respektlos gegenüber seinem Publikum.
Die Zukunft gehört Videos, die ehrlich sind, Mehrwert bieten und die Intelligenz ihrer Zuschauer respektieren. Paul kann endlich in Rente gehen – und wir alle können aufatmen.
Zuletzt aktualisiert am 03.04.2026