Was 2024 als iOS 17.5 Beta begann, ist heute Standard: iPhone-Nutzer können Apps direkt aus Webseiten laden – eine fundamentale Änderung im Apple-Ökosystem. Nach zwei Jahren zeigt sich: Die Realität sieht anders aus als erwartet.
Apples Türöffnung zum Sideloading war revolutionär gedacht, doch die Praxis offenbart ein durchwachsenes Bild. Während die EU mit dem Digital Markets Act faire Wettbewerbsbedingungen erzwingen wollte, haben Apples hohe Hürden und clevere Gebührenstruktur dafür gesorgt, dass Web-Downloads bis heute ein Nischenprogramm geblieben sind.
Heute, Februar 2026, nutzen weniger als 3% der EU-iPhone-Nutzer alternative App-Quellen – ein ernüchterndes Ergebnis für die EU-Regulatoren. Die Gründe sind vielfältig und zeigen, wie Apple es geschafft hat, formell zu öffnen, ohne tatsächlich Marktanteile zu verlieren.
Die Realität nach zwei Jahren Sideloading
Seit iOS 17.5 können Entwickler ihre Apps direkt über Webseiten anbieten – theoretisch. Praktisch haben nur wenige große Player diesen Weg gewählt. Epic Games war Vorreiter mit einem eigenen App-Store, gefolgt von Microsoft mit einem Xbox Game Pass-Portal und einigen Enterprise-Lösungen.
Die meisten kleineren Entwickler sind beim App Store geblieben. Der Grund: Apples Core Technology Fee von 0,50€ pro Installation ab einer Million Downloads macht kostenlose Apps schnell zum Verlustgeschäft. Hinzu kommen die komplexen Anforderungen für die Notarisierung und die Nutzer-Skepsis gegenüber „unbekannten“ Quellen.
Was funktioniert – und was nicht
Die Vorteile des Web-Downloads sind durchaus real geworden:
- Direkte Kundenbindung: Entwickler können eigene Update-Zyklen fahren und müssen nicht auf App-Store-Reviews warten
- Flexible Monetarisierung: Eigene Payment-Systeme sind möglich – wenn auch mit Auflagen
- Weniger Zensur: Apps mit kontroversen Inhalten finden leichter ihren Weg zu Nutzern
- Enterprise-Lösungen: Firmen können interne Apps einfacher verteilen
Doch die Nachteile wiegen schwer:
- Nutzer-Verwirrung: Viele verstehen nicht, warum sie Apps „umständlich“ laden sollen
- Update-Chaos: Automatische Updates funktionieren nur bedingt, viele Apps werden vernachlässigt
- Sicherheitsbedenken: Trotz Notarisierung ist das Vertrauen geringer
- Hohe Entwicklungskosten: Eigene Update-Infrastruktur kostet Geld und Ressourcen
Apples clevere Gegenstrategie
Apple hat die EU-Vorgaben brilliant umgesetzt – technisch korrekt, praktisch aber so umständlich, dass die meisten dabei bleiben, was sie kennen. Die Anforderungen für Web-Downloads sind bis heute hoch:
- Mindestens 2 Jahre im Apple Developer Program
- Über 1 Million App-Installationen in der EU im Vorjahr
- Vollständige Notarisierung aller Apps
- Detaillierte Transparenz-Berichte
- Haftungsübernahme für alle installierten Apps
2025 hat Apple die Hürden sogar noch erhöht: Neue Entwickler müssen eine Kaution von 500.000€ hinterlegen, um Web-Downloads anbieten zu können. Die EU prüft diese Änderung noch, duldet sie aber vorerst.
Alternative App-Stores: Der größere Erfolg
Interessanter entwickelt sich der Markt für alternative App-Stores. Hier haben sich mittlerweile vier nennenswerte Anbieter etabliert:
- Epic Games Store: Fokus auf Gaming, über 2 Millionen Downloads
- Aptoide: Europäischer Anbieter mit breitem App-Spektrum
- F-Droid Mobile: Open-Source-Apps und Datenschutz-fokussierte Anwendungen
- Amazon Appstore: Integration mit Prime-Services
Diese Stores bieten echte User Experience mit automatischen Updates, Bewertungssystemen und kuratiertem Content. Sie umgehen Apples Web-Download-Hürden durch eigene Infrastruktur, zahlen aber trotzdem die Core Technology Fee.
Technische Entwicklungen und iOS 20
Mit iOS 20, das im Herbst 2026 erwartet wird, plant Apple weitere „Öffnungen“ – allerdings wieder mit Haken. Web-Apps sollen mehr System-Zugriff erhalten, müssen aber über Apples „WebKit Plus“ Framework laufen. NFC-Zahlungen werden für Drittanbieter geöffnet, allerdings nur mit Apple-zertifizierter Hardware.
Die EU-Kommission hat bereits angekündigt, Apples Compliance mit dem DMA erneut zu überprüfen. Besonders die Core Technology Fee steht im Fokus – sie könnte als wettbewerbswidrig eingestuft werden.
Was Nutzer wissen sollten
Für die meisten iPhone-Nutzer ändert sich praktisch nichts. Der App Store bleibt die erste Wahl – sicher, komfortabel, vollintegriert. Wer experimentieren möchte, kann alternative Stores ausprobieren, sollte aber wissen:
- Updates können verzögert kommen oder ganz ausbleiben
- Support-Anfragen sind komplizierter
- Family Sharing funktioniert nur bedingt
- App-Store-Features wie Screen Time oder Parental Controls greifen nicht
Web-Downloads direkt aus Seiten sind nur für sehr spezielle Anwendungsfälle sinnvoll – etwa Enterprise-Apps oder experimentelle Beta-Versionen.
Fazit: Evolution statt Revolution
Zwei Jahre nach der großen Öffnung ist klar: Apple hat meisterhaft reagiert. Die EU wollte Wettbewerb, bekommen hat sie komplexe Regularien, die nur wenige nutzen. Für Entwickler ist der App Store meist immer noch die bessere Wahl, für Nutzer sowieso.
Das iPhone-Ökosystem ist offener geworden, aber nicht wirklich offener. Apple kontrolliert weiterhin die Spielregeln und kassiert bei fast allen Alternativen mit. Die nächste Runde im Kampf zwischen EU-Regulatoren und Apple ist bereits eingeläutet – mit ungewissem Ausgang.
Spannend wird vor allem, ob andere Regionen nachziehen. Die USA zeigen bisher wenig Interesse an ähnlichen Regelungen, während Länder wie Japan und Südkorea eigene Wege erkunden. Das App-Ökosystem der Zukunft wird bunter – aber auch komplizierter.
Zuletzt aktualisiert am 16.02.2026
