Tags and the City: U-Bahn-Pläne mal anders

von | 07.12.2016 | Tipps

Aufs Smartphone schauen gehört heute zur wohl liebsten Nebenbeschäftigung der Welt. Ganz besonders aber in öffentlichen Verkehrsmitteln: Durch einen Blick aufs Smartphone-Display entkommt man der Nähe unter Fremden. Viele verschicken TikTok-Videos oder Instagram-Stories, während sie auf die Bahn oder den Bus warten.

Das wirklich witzige Portal Tags and the City ermittelt, welche Hashtags an einzelnen Stationen besonders häufig benutzt werden – und zeigt die Top-Platzierten anstelle des eigentlichen Stationsnamens in der offiziellen Karte an. London, Paris, NewYork, San Francisco, Berlin: Von diesen Städten gibt es bereits U-Bahn-Pläne mit Hashtags. Die Station Bundesstag heißt #reichstag. Die Pariser Metro-Station Madeleine ist als #chanel verzeichnet. Spannend zu sehen, welche Themen an den unterschiedlichen Stationen so eine Rolle spielen.

hash and the city

Die Algorithmen von Tags and the City ermitteln die meistgenutzten Instagram-Hashtags, mit denen Fotos versehen wurden, die rund um die jeweilige U-Bahn-Station gepostet wurden. Das Projekt ist mittlerweile ein faszinierender Zeitzeuge geworden: Die Daten stammen hauptsächlich aus den Jahren 2014-2016, als Instagram noch ein anderes Netzwerk war und Hashtags eine andere Rolle spielten.

Heute sieht die Social-Media-Landschaft völlig anders aus. TikTok hat Instagram als wichtigste Plattform für junge Menschen abgelöst, und das Verhalten beim Posten hat sich grundlegend geändert. Während 2014 noch ausführlich mit Hashtags getaggt wurde, nutzen viele heute eher Stories, Reels oder kurze Videos. Die Hashtag-Kultur ist subtiler geworden – oder ganz verschwunden.

Würde man das Projekt heute neu auflegen, müsste es völlig anders funktionieren. TikTok-Sounds und -Trends wären wichtiger als Hashtags. Location-based Content würde anders aussehen: Mehr spontane Videos, weniger durchkomponierte Fotos. Die Station Alexanderplatz wäre vielleicht nicht mehr #shopping, sondern geprägt von einem viralen Dance-Trend.

Interessant ist auch, wie sich die Orte selbst verändert haben. Viele Stadtteile haben durch Gentrifizierung oder Pandemie-Auswirkungen völlig neue Charakteristiken entwickelt. Was 2014 noch #hipster war, ist heute vielleicht #overpriced. Ehemalige Szenekiez sind Touristenattraktionen geworden – und umgekehrt.

Die ursprünglichen Tags and the City-Karten zeigen deshalb heute etwas anderes als nur beliebte Hashtags: Sie sind eine Momentaufnahme des digitalen Zeitgeists von vor über zehn Jahren. Ein faszinierendes Dokument darüber, wie Menschen ihre Stadt damals wahrgenommen und geteilt haben.

Moderne Location-Intelligence funktioniert heute ganz anders. Plattformen wie Foursquare, Google Maps Reviews oder Apple Maps nutzen Machine Learning, um Echtzeitdaten über Orte zu sammeln. Sie analysieren nicht nur Social Posts, sondern auch Bewegungsmuster, Bewertungen und sogar Audio-Snippets aus Stories.

Spannend wäre ein Update des Projekts mit heutigen Mitteln: Statt starrer Hashtags könnte eine KI die emotionale Stimmung einzelner Stationen analysieren. Welche U-Bahn-Station macht Menschen glücklich? Wo entstehen die kreativsten Inhalte? An welchen Orten wird am meisten gelacht – messbar durch Lautstärke und Frequenz in Story-Videos?

Solche Analysen würden ein viel differenzierteres Bild städtischen Lebens zeichnen. Sie könnten Stadtplanern helfen, Problemzonen zu identifizieren oder besonders beliebte Orte zu verstehen. Gleichzeitig werfen sie aber auch Datenschutzfragen auf, die 2014 noch niemand auf dem Radar hatte.

Das ursprüngliche Tags and the City bleibt trotzdem ein charmantes Zeitdokument – und eine Erinnerung daran, wie schnell sich digitale Kultur wandelt. Die Karten zeigen nicht nur, wo Menschen 2014 ihre Fotos gemacht haben, sondern auch, wie naiv wir damals noch mit unseren Daten umgegangen sind.

Zuletzt aktualisiert am 05.04.2026