WhatsApp hat uns alle im Griff

von | 05.02.2016 | Tipps

Mit der Messenger-App kann man wunderbar und kostenlos Nachrichten austauschen. Und obwohl es erhebliche Bedenken wegen der Datensicherheit gibt, hat sich die mittlerweile zu Meta gehörende App zum unangefochtenen Marktführer entwickelt. Mittlerweile nutzen über 2,7 Milliarden Menschen weltweit WhatsApp regelmäßig – das ist mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung. Aber was bedeutet diese Entwicklung für uns, die wir WhatsApp benutzen – oder eben noch nicht benutzen?

Wie ist es möglich, dass trotz aller Datenschutzbedenken so viele Menschen WhatsApp nutzen?
Da muss man wirklich staunen, das stimmt. Es gibt einige Gründe. Viele nutzen WhatsApp, weil es kostenlos ist: Man zahlt für die verschickten Nachrichten nicht. Man kann beliebig lange Nachrichten verschicken. Auch Fotos und Videos gehen. Man kann Sprachnachrichten versenden und Gruppen einrichten – all das ist mittlerweile deutlich komfortabler und vielseitiger als die SMS, das muss man schon sagen.

Doch der wohl wichtigste Grund ist mittlerweile: WhatsApp ist eine Art Quasi-Standard. Wer nicht bei WhatsApp ist, der wird schief angeguckt – zumindest in bestimmten Generationen ist das so. Vieles wird heute wie selbstverständlich über WhatsApp-Gruppen geregelt, etwa die Kommunikation in der Schulklasse – nicht nur bei den Schülern, auch bei den Eltern. Auch beruflich ist WhatsApp Business zur ersten Anlaufstelle für Kundenkommunikation geworden. Wer da nicht außen vor sein möchte, der muss WhatsApp installieren. Ein Gruppenzwang mit Folgen.

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Nun gibt es ja noch viele andere Messenger-Apps, viele davon sind deutlich sicherer als WhatsApp. Wieso sind die nicht erfolgreicher?
Auch Signal und Telegram haben in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewonnen, vor allem nach verschiedenen Datenschutzskandalen. Doch die technisch gesehen überlegenen Apps, die vor allem in punkto Datenschutz deutlich besser sind, etwa Signal oder Element (Matrix-Protokoll), haben immer noch deutlich weniger Nutzer.

Dabei sind diese Apps auch kostenlos, sie sind nicht weniger komfortabel, sie verschlüsseln konsequent die Kommunikation und verschleiern sogar die Identität, wenn man das möchte. Signal beispielsweise gilt als Goldstandard für sichere Kommunikation und wird sogar von Whistleblowern und Journalisten verwendet.

Wenn man diese Apps verwendet, bekommt man vielleicht ein paar Mal im Monat eine Nachricht – eben weil es immer noch verhältnismäßig wenige Freunde gibt, die ebenfalls diese Apps benutzen. Das ist so, als ob man auf eine Party geht und in dem einen Raum stehen bleibt, in dem niemand sein möchte. Man ist allein. Deshalb hat WhatsApp eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.

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Datenschutz. Der spielt bei WhatsApp keine besonders große Rolle – schließlich gehört WhatsApp zum Meta-Konzern. Womit muss man rechnen, welche Daten werden gesammelt, was passiert damit?
Seit 2016 hat WhatsApp zwar eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt, was bedeutet, dass die Inhalte der Nachrichten selbst nicht gelesen werden können. Aber Meta sammelt trotzdem jede Menge Metadaten: Wer mit wem kommuniziert, wann, wie oft und von wo aus. Diese Verbindungsdaten sind für ein Unternehmen wie Meta Gold wert.

So werden die Kontakte aus dem Adressbuch ausgelesen und verwendet. WhatsApp kann genau feststellen, mit wem wir vernetzt sind, wie viel wir kommunizieren, wo wir uns aufhalten und vieles andere mehr. 2021 sorgte eine Änderung der Nutzungsbedingungen für Aufruhr, die eine stärkere Datenverknüpfung mit anderen Meta-Diensten ermöglichen sollte.

Meta ist ein Experte darin, solche Daten zu sammeln und für personalisierte Werbung auszuwerten. Man darf davon ausgehen, dass dem Unternehmen jede Menge Daten über WhatsApp-Benutzer vorliegen. Welche genau – das macht WhatsApp nur teilweise transparent. Genau hier liegt das Problem: Mangelnde vollständige Transparenz.

WhatsApp ist ja mittlerweile komplett kostenlos – wie verdient der Betreiber Geld?
Die ursprünglich 90 Cent pro Jahr wurden schon lange abgeschafft. Mittlerweile verdient Meta hauptsächlich über WhatsApp Business Geld. Unternehmen zahlen für erweiterte Features wie automatisierte Kundenbetreuung, API-Zugriff und professionelle Tools.

Dazu kommt WhatsApp Business API, über das größere Unternehmen direkt mit Kunden kommunizieren können – gegen Bezahlung pro Nachricht. Banken schicken Transaktionsbestätigungen, Fluglinien informieren über Gate-Änderungen, Online-Shops versenden Bestellbestätigungen. In einigen Märkten gibt es sogar WhatsApp Pay für mobile Bezahlungen.

Meta experimentiert außerdem mit Shopping-Features direkt in WhatsApp und plant, Provisionen für Verkäufe zu kassieren, die über die Plattform abgewickelt werden. Das ist ein Milliardenmarkt, besonders in Schwellenländern, wo WhatsApp oft die wichtigste Internet-Anwendung überhaupt ist.

Wieso ist es problematisch, wenn alle über WhatsApp kommunizieren anstatt über offene Standards?
Das Problem ist: SMS basiert auf offenen Standards, die durch internationale Konsortien definiert wurden. Auch Veränderungen am SMS-Standard wurden immer gemeinschaftlich verabschiedet. Die Last wurde auf viele Schultern verteilt, Hunderte von Telcos in der ganzen Welt.

Wenn nun alle WhatsApp benutzen, ist alles in der Hand von einem Anbieter, einem kommerziellen Anbieter. Niemand kontrolliert Meta wirklich effektiv – auch wenn die EU mit dem Digital Services Act und anderen Regulierungen versucht, mehr Kontrolle zu etablieren.

Die durch den Dienst erzeugten Erlöse gehen komplett und ausschließlich an Meta. Außerdem nimmt die Abhängigkeit zu. Wenn sich erst mal alle auf WhatsApp eingeschossen haben, kann der Anbieter die Spielregeln diktieren. Und bei Ausfällen sind gleich alle betroffen – wie 2021, als WhatsApp, Instagram und Facebook gleichzeitig für sechs Stunden ausfielen und die halbe Welt offline war. Diese Monopolstellung ist nicht nur riskant, sie ist gesellschaftlich problematisch.

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Gibt es Alternativen zur WhatsApp-Dominanz?
Die EU arbeitet am Digital Markets Act, der große Tech-Plattformen zur Interoperabilität zwingen könnte. Das würde bedeuten: WhatsApp-Nutzer könnten theoretisch mit Signal- oder Telegram-Nutzern kommunizieren, ohne beide Apps installieren zu müssen. Bis das Realität wird, dauert es aber noch.

Einige Länder setzen auf nationale Alternativen oder fördern Open-Source-Lösungen. Russland hat Telegram stark gefördert, China setzt auf WeChat, und in Europa gibt es Bestrebungen, dezentrale Messenger auf Basis offener Protokolle wie Matrix zu etablieren.

Benutzt Du WhatsApp?
Klar, ich bin schon allein aus beruflichen Gründen dabei. Aber ich gebe mein Adressbuch nur eingeschränkt her und verwende die App hauptsächlich für nicht-vertrauliche Kommunikation. Für sensible Inhalte nutze ich Signal oder andere sichere Alternativen. Sicher nicht WhatsApp für alles. Mir wäre es lieber, es gäbe echte, interoperable Alternativen – oder WhatsApp würde zu mehr Transparenz und Nutzerrechten gezwungen.

Zuletzt aktualisiert am 10.04.2026