Wie soziale Medien unsere Politik kaperten – von Twitter bis TikTok

von | 16.02.2017 | Tipps

Social Media als Sprachrohr für Populisten und Extremisten? Was bei Twitter mit Donald Trump begann, zeigt heute auf allen Plattformen seine Wirkung. Von X über Truth Social bis TikTok – die Mechanismen sind dieselben geblieben. Und wieder mal zeigt sich: Man ahnt vorher nicht, was man mit neuen Technologien alles anstellen kann.

Als Jack Dorsay, Noah Glass, Biz Stone und Evan Williams im Jahr 2006 ihre Köpfe zusammengesteckt haben, um Twitter zu entwickeln, konnte niemand ahnen, welche Büchse der Pandora sie da öffneten. Nicht nur, dass ein US-Präsident über diesen Dienst regieren würde – das gesamte politische Kommunikationsverhalten hat sich fundamental gewandelt.

Damals war Donald Trump noch vor allem mit Immobilien und Reality-TV beschäftigt. In der Sendung „The Apprentice“ perfektionierte er bereits jenen provokativen Kommunikationsstil, der später die sozialen Medien erobern sollte. Was als Unterhaltung begann, wurde zum politischen Werkzeug.

Von Twitter zu X: Ein Imperium verändert sich

Auch wenn Donald Trump mittlerweile seine eigene Plattform Truth Social betreibt und Elon Musk Twitter zu „X“ transformiert hat – die Grundproblematik bleibt bestehen. Musk selbst nutzt ähnliche Kommunikationsmuster: Provokation, Polarisierung und die bewusste Überschreitung von Grenzen als Mittel zur Aufmerksamkeitsgenerierung.

Die Übernahme von Twitter durch Musk im Jahr 2022 für 44 Milliarden Dollar zeigt, wie wertvoll diese Kommunikationskanäle geworden sind. Gleichzeitig demonstriert sie, wie schnell sich die Spielregeln ändern können: Moderation wurde gelockert, Verifizierungen neu definiert, und der Algorithmus bevorzugt nun andere Inhalte.

Das Ökosystem der Aufmerksamkeit

Die Mechanismen, die Trump auf Twitter etablierte, funktionieren heute auf allen Plattformen: TikTok verstärkt durch seinen Algorithmus emotionale und provokante Inhalte, Instagram Stories werden für politische Botschaften genutzt, und auf Telegram verbreiten sich Verschwörungstheorien ungefiltert.

Besonders problematisch: Die Plattformen haben gelernt, dass Kontroversen den Umsatz steigern. Je länger Nutzer auf der Plattform bleiben, desto mehr Werbung können sie schalten. Empörung und Aufregung sorgen für längere Verweildauer – ein perfider Kreislauf.

Wenn Plattformen zu politischen Akteuren werden

Die Entscheidung, wann und wie moderiert wird, macht Plattformen zu politischen Akteuren. Trumps Sperrung auf Twitter im Januar 2021 nach den Capitol-Unruhen war ein Wendepunkt: Erstmals übten private Unternehmen direkte Macht über den politischen Diskurs aus.

Heute zeigt sich das Dilemma noch deutlicher: Während Europa mit dem Digital Services Act strengere Regeln einführt, lockern andere Märkte ihre Bestimmungen. Das Resultat: Ein fragmentiertes Internet, in dem verschiedene Standards gelten.

KI verstärkt die Probleme

Künstliche Intelligenz hat die Situation weiter verschärft. Deepfakes ermöglichen es, realistische aber gefälschte Videos zu erstellen. Chatbots können in Sekundenschnelle Tausende von Posts generieren. Und Algorithmen werden immer besser darin, emotionale Reaktionen vorherzusagen und zu verstärken.

Besonders perfide: KI-generierte Inhalte sind oft schwer als solche zu erkennen. Was echt ist und was manipuliert, verschwimmt zunehmend. Das Vertrauen in digitale Medien erodiert – ein gefährlicher Trend für demokratische Gesellschaften.

Die Lektionen von heute

Was können wir aus dieser Entwicklung lernen? Erstens: Technologie ist nie neutral. Die Annahme, dass Innovationen automatisch positive Effekte haben, war ein Trugschluss. Zweitens: Geschäftsmodelle prägen Verhalten. Solange Aufmerksamkeit monetarisiert wird, haben extreme Inhalte einen Vorteil.

Und drittens: Regulierung kommt meist zu spät. Während die Politik noch über Gesetze diskutiert, schaffen Technologien bereits Fakten. Der EU AI Act und ähnliche Regelwerke sind wichtige erste Schritte, aber sie hinken der technischen Entwicklung hinterher.

Der Turboeffekt für alles Extreme

Soziale Netzwerke verstärken ausnahmslos alles – das Gute wie das Schlechte, das Intelligente wie das Dumme. Aber da es nun mal mehr Belangloses als wirklich Durchdachtes gibt, dominiert der Lärm. Algorithmen bevorzugen emotionale Reaktionen, weil sie messbar sind. Nachdenklichkeit und Differenziertheit generieren weniger Klicks.

Das haben nicht nur Trump und seine Nachahmer erkannt, sondern mittlerweile eine ganze Generation von Influencern und Politikern. Die Formel ist einfach: Je steiler die These, je größer die Aufregung, desto mehr Reichweite.

Ausblick: Was kommt nach den sozialen Medien?

Die nächste Generation von Plattformen steht bereits in den Startlöchern: Virtual und Augmented Reality versprechen noch immersivere Erfahrungen. Aber auch hier gilt: Die Gefahr von Manipulation und Missbrauch ist bereits eingebaut.

Vielleicht ist es Zeit für einen anderen Ansatz. Statt nur zu reagieren, könnten wir präventiv denken: Wie gestalten wir Technologien so, dass sie demokratische Werte stärken statt schwächen? Wie schaffen wir Anreize für konstruktive Diskussionen statt für Polarisierung?

Die Twitter-Ära hat gezeigt: Wer die Kommunikationskanäle kontrolliert, bestimmt den politischen Diskurs. Das ist eine zu wichtige Aufgabe, um sie allein den Märkten zu überlassen. Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab, wie wir diese Herausforderung meistern.

Wie war noch der Spruch aus dem Blockbuster The Italian Job: Ich traue jedem – nur nicht dem Teufel, der in jedem steckt. Ein gutes Motto für den Umgang mit neuen Technologien. Und es passt sogar in einen Tweet – oder Post, oder wie auch immer wir das in Zukunft nennen werden.

Zuletzt aktualisiert am 04.04.2026