Sachen gibt’s: Ein Amerikaner schnallt jeden Morgen nach dem Aufstehen eine Kappe mit eingebauter Kamera auf den Kopf und überträgt danach alles, was er den Tag über sieht oder hört, ins Internet. Live. Rund um die Uhr. Ein Experiment mit Zukunft?

Justin aus San Francisco definiert den Begriff “Blog” neu. Während andere ihre Gedanken aufschreiben oder persönliche Fotos oder Videoschnipsel online stellen, macht Justin sein ganzes Leben öffentlich. Live. In Farbe. Rund um die Uhr. Unter http://www.justin.tv kann sich derzeit jeder in Justins Leben einklinken. Wenn alles gut geht, erscheint wenige Sekunden später das Live-Videobild auch schon auf dem Bildschirm.

Webcam sendet 24 Stunden am Tag

Ein spannendes Projekt. Vor allem technisch handelt es sich dabei um keine triviale Angelegenheit. Denn Justin sitzt nicht etwa den ganzen Tag zu Hause rum oder in irgendeinem Büro, sondern er ist beweglich. Mal fährt er mit dem Fahrrad durch die Stadt, mal mit einem Auto über die Golden Gate Brücke. Nachts spaziert er gerne durch Haight-Ashbury, einem angesagten Stadtteil von San Francisco, besucht Cafés und Bars. Und immer ist die neugierige Webgemeinde mit dabei.

Damit das klappt, setzt Justin eine Baseballkappe mit eingebauter Kamera auf. Die nimmt alles auf und überträgt es drahtlos an ein Notebook, das wiederum die Bilder per WLAN oder Mobilfunk ins Netz einspeist. Ohne Unterbrechung. Nur manchmal nimmt Justin die Kamera vom Kopf und legt sie auf einen Tisch, etwa im Auto, damit man ihn auch mal sehen kann. Die Übertragung klappt meistens ganz gut. Manchmal brechen Video und Ton aber auch ab.

Viele stellen sich die Frage: Echt oder nicht?

So viel zur Technik. Ob’s inhaltlich spannend ist? Auf Dauer sicher nicht. Doch es ist zumindest gewagt und vor allem etwas Neues. Big Brother à la Web 2.0, sozusagen. Und alle, die in der Nähe sind, werden unfreiwillig Protagonisten auf Justins großer Ego-Parade. Aber so etwas sehen Amerikaner meist locker. Natürlich können die Zuschauer auf der Webseite alle live kommentieren. Schon regt sich der Verdacht, dass es regelrechte Skript oder Ablaufpläne für Justin und seine drei Freunde Emmet, Michael und Kyle geben könnte.

Man hat schon den Eindruck, dass Justin bemüht ist, den Zuschauern etwas zu bieten. Er trifft Freunde, geht auf Partys, unterhält sich mit Rappern, fährt viel durch die Stadt. Wäre Justin Sachbearbeiter bei einer Versicherung und würde jeden Abend bestenfalls noch mal mit dem Hund Gassi gehen, es kämen sicher weniger Besucher vorbei. Wer weiß: Vielleicht ist das, was wir sehen, doch nicht das “wirkliche” Leben von Justin? So wie bei Lonelygirl15, die seit Monaten ihre Videotagebücher ins Netz stellt, doch irgendwann hat sich herausgestellt, dass alles eine Art Websoap ist? Die Webgemeinde möchte anscheinend nicht noch mal enttäuscht werden – und ist zunehmend skeptisch.

Test für eine neue Art von Videoblog – für jedermann

Offiziell entwickeln Justin und seine drei Freunde eine Technologie, damit jeder unkompliziert live Videos ins Netz stellen kann. Wenn es stimmt, ist das Projekt ein denkbar guter Test. Gut zwei Wochen “sendet” Justin bereits. Ununterbrochen. Auch nachts. Wer das nicht langweilig findet, kann herausfinden, ob Justin einen ruhigen Schlaf hat oder nicht. Er legt seine Kamera nachts auf den Nachttisch.

Wenn sich alles bewährt, könnte es gut sein, dass schon bald jeder live und ohne großen Aufwand Videobilder ins Netz einspeisen kann. Die ohnehin schon gigantische Bilderflut würde noch größer. Wirklich aufzuhalten ist das wohl nicht mehr. Wissen Sie was? Ich drücke jetzt bei justin.tv den Ausschaltknopf. Nicht wegen der Werbung, sondern weil die langweiligen Strecken überwiegen. Ein “Best of” würde mir wohl reichen.

Offizielle Homepage von justin.tv (engl.):

http://www.justin.tv