Es ist schon absurd: Da will eine Politikerkaste, allesamt CDU und angeführt von Ministerpräsident Koch, unverholen und völlig offen einen gestandenen, bewährten und zweifellos fähigen Chefredakteur eines Fernsehsenders entfernen (lassen), aus völlig durchsichtigen Beweggründen, und keiner verhindert es. Bemerkenswert, dass Kleber, Illner, Frey, Slomka und Co. sich gegen diesen unfassbaren Eingriff wehren – das sind prominente Namen.

Aber man fragt sich, oder besser: ich frage mich, wieso der Aufschrei nicht größer ist, wieso sich nicht mehr Menschen, vor allem Politiker, aber auch Zuschauer dagegen wehren. Denn es ist doch eine wirklich unglaubliche Dreistigkeit, dass im längst nicht mehr ganz so frischen 21. Jahrhundert eine Handvoll Politiker Einfluss auf Personaldebatten nehmen will, konkreter sogar Einfluss auf das Programm des ZDF. Und ein Exempel soll wohl auch statuiert werden. Die Message ist klar: Seht her, wer nicht spurt, den können wir hängen. Jederzeit.

Mir bleibt da echt die Spucke weg angesichts einer derartigen Dreistigkeit. Wollen wir nicht alle eine unabhängige Presse? Vor allem ein unabhängiges Fernsehen und Radio? Einen unabhängigen Rundfunk in Deutschland, öffentlich-rechtlich? Ganz sicher wollen wir das – dann können wir doch aber nicht tatenlos zusehen, wie völlig machtvernebelte Politiker sich erdreisten, genau das zu unterwandern, die Unabhängigkeit offen mit Füßen zu treten.

Schön wäre, wenn alle prominenten Nasen, alle Redaktionsleiter, alle Redakteure des ZDF (und warum nicht auch in der ARD?) sagen würden: Wenn sich die CDU damit durchsetzt, gehen wir. Punkt. Dann ist die Sache für uns erledigt. (Na gut, vielleicht ein bisschen naiv.) Oder: Wenn die CDU tatsächlich Journalismus wie im Mittelalter will (Putin wäre stolz und zufrieden!), dann laden wir niemanden mehr aus der CDU in unsere Sendungen ein. Man muss ja befürchten, dass man rausgeworfen wird, wenn man sich nicht hinreichend demütig zeigt.

So eine Drohung muss doch funktionieren, denn dann müsste ein Wolfgang Bosbach seine Schimpftiraden im eigenen Büro ausstoßen.

Politik und Politiker sollten sich raus halten, wenn es um Personalentscheidungen und Inhalte beim öffentlich-rechtlichen Sendern geht. Sie sind für die Rahmenbedingungen verantwortlich, für den gesellschaftlichen Platz der ÖR-Sender, auch für das Ansehen. Und das wird mit solchen lächerlichen, ärgerlichen, dummen Aktionen ramponiert. Unverantwortlich.

27 Kommentare
  1. admin sagte:

    Herr Beck tritt nicht in Erscheinung in dieser Sache. Der einzige, der sich hier medienwirksam auf irgendwas stürzt, ist mal wieder Koch – er äußert sich in dieser Sache in den Medien, nicht umgekehrt. Das ist doch wohl eindeutig. Wenn Beck sich hier einmischen würde, würde ich das genauso kritisieren. Denn in die Entscheidung einzugreifen, wer Chefredakteur des ZDFs wird, ist nicht Sache der Politik, das ist anmaßend. Die Sender sind unabhängig. Die Politik hat sich da rauszuhalten. Und zwar konsequent. Personalentscheidungen hat der Intendant zu treffen, zumindest hat er das Vorschlagsrecht. Danach entscheidet der Rundfunkrat. Im Vorfeld zu manipulieren, ist ein Unding.

  2. Marc sagte:

    Hi,
    die Überschrift Ihres Artikels weist darauf hin, dass Ihnen die CDU-Meinung von Hr. Koch nicht passt. Das ist aber leider zu einseitig, deswegen können Sie sich den o.a. Vorwurf einer “Gesinnung” ruhig gefallen lassen. 😉 Bei genauerer Recherche hätte Sie herausbekommen, dass auch SPD-MP Kurt Beck nicht den Vertrag des Hr. Brender verlängern wollte. Nur hat sich die Presse nicht darauf “gestürzt”, weil es nicht soooo medienwirksam ist und Hr. Koch wohl das bessere(?!) Feindbild abgibt. Fakt bleibt, dass die Politik hier in der Pflicht steht, die Steuern/Gebühren auf sinnvolle Verwendung zu überprüfen und da sind den den beiden MPs die qualitativen Mängel des Hr. Brender (siehe öffentliches Interesse dokumentiert durch Einschaltquoten und negative Kommentare) der Beiträge (z.B. ZDF.reporter/Sportbudget) des Journalisten “ungünstig” ins Gedächnis gerufen worden. Abschliessend ist das Auslaufen des Vertrages keine Einzelmeinung einer politischen Seite oder Partei, sondern die Konsequenz von mangelhafter Arbeitsleistung seitens des Journalisten in führender Position.

  3. Na der Adi eben sagte:

    Das ist zwar unter aller sau aber nachdem die ZDF sich nichtmal Mühe gibt ihre Reportagen wahrheitsgetreu und mit Belegen zu halten und mich schier zum kotzen bringt (vorallem was “Killerspiele angeht) lass ich die Regierungsbonzen mal machen…

  4. Rudiebee sagte:

    @joszef: Gerade die GEZ-Zwangsgebühren sollen ja die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender garantieren – jetzt wird der Bürger doppelt betrogen.

  5. nadja sagte:

    es ist deprimierend, was sich hierzulande politiker herausnehmen & KEINER nimmt anstoß daran! gerade heute frage i8ch mich: warum & mit welchem recht sitzt eigentlich die politikerkaste bei der rede von köhler in der ersten reihe? die haben uns zu `dienen´ & demzufolge auch in der letzten reihe zu sitzen! grade die CDU – die doch `christlich´ sein will – grade die haben dann ganz hinten in der allerletzten reihe zu sitzen! & die `sozialdemokraten´ – sie haben uns – wortwörtlich: VERRATEN!!!

  6. admin sagte:

    @josef: Mir bleibt es immer ein Rätsel, wieso manche Menschen meinen, Sie könnten überall rumpöbeln und alle und jeden respektlos behandeln, aburteilen. Aber das ist insbesondere ein Phänomen der Onlinewelt – ein bedauerliches, möchte ich hinzufügen. Mit Streitkultur hat das jedenfalls nicht viel zu tun.

    Abgesehen davon kann ich natürlich nicht verstehen, wieso ich, bloß weil ich auch für die öffentlich-rechtlichen Sender arbeite, kein Recht auf eine Meinung habe – oder ein Recht darauf, diese kundzutun. Das ist schon ein merkwürdiges Demokratieverständnis und stellt so ziemlich alles auf den Kopf, was ich für vernünftig halte. Würden nun alle aus dem ÖR-Apparat nach dieser Logik schweigen, wäre das Geschrei von Josef vermutlich auch unüberhörbar. Dann hieße es sich: Diese Schisser ;-), trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen.

    Aber so ist das halt. Schade, in der Sache keinen Schritt weiter.

  7. joszef vukuvic sagte:

    Nachtrag:
    Solange der Herr Schieb sich aus öffentlich-rechtlichen Geldern, sprich GEZ-Zwangsgebühren, finanzieren lässt, ist Enthaltsamkeit in punkto öffentlicher Meinung angesagt.

  8. joszef vukuvic sagte:

    Mir bleibt da echt die Spucke weg angesichts einer derartigen Dummheit. Schiebs und Konsorten sollten sich raus halten, wenn es um Personalentscheidungen und Inhalte beim öffentlich-rechtlichen Sendern geht.

  9. Drosd sagte:

    Solange die politische Gesinnung nicht demokratiefeindlich ist, sollte nur die Qualifikation des Kandidaten entscheident sein.
    MfG.
    Drosd

  10. admin sagte:

    @sascha dach: wieso muss ich objektiv sein? Unsinn! Schon gar nicht hier, in meinem eigenen Blog. Hier kann ich klar und deutlich meine Meinung sagen, und das ist auch gut so.

    Das Argument, dass ich offensichtlich begeistert wäre, wenn die SPD “dran” ist und sich einen Chefredakteur aussucht, macht deutlich, dass Sie es nicht verstanden haben. Erstens hat meine Empörung überhaupt nichts mit meiner “Gesinnung” zu tun (was für ein – abwertendes – Wort), sondern damit, dass ich es schlimm finde, wenn Politik – egal welcher Couleur – in den ÖR eingreift. Das finde ich immer schlimm, aber noch nie ist es so durchsichtig und plump geschehen wie in diesem Fall.

    So gesehen muss man Koch ja dankbar sein, weil er dumm genug ist, seinen Machthunger ungeniert zu demonstrieren – und damit eine Schwachstelle des Systems aufzuzeigen. Wer Brender in der “Elefantenrunde” nach der Bundestagswahl gesehen hat (und wie er den Ex-Kanzler Schröder zurecht gewiesen hat), und wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der hat einen eindrucksvollen Beleg dafür bekommen, dass Brender ein gestandener Journalist ist mit Werten und Haltung. Nur wenige Kollegen hätten das vergleichsweise elegant und sourverän gemeistert. Allein dafür muss man ihm Respekt zollen.

    Auch dafür, dass er es Politikern und Lobbyisten nicht mehr so einfach machen wollte, im Hintergrund die Strippen zu ziehen und Eingaben und Beschwerden schriftlich einzufordern. Sehr gut.

    Einen Chef, der keine Kritiker hat, gibt es nicht. Deswegen sind diese Argumente geradezu lächerlich. Leider überhaupt nicht lächerlich ist der anachronistische Grundsatz, den auch Sie anscheinend für richtig halten, weil er “im Gesetz” steht, dass der Parteiproporz eine Rolle bei der Besetzung des Chefredakteur eine Rolle spielen soll.

    Grauenvoller Gedanke. Finden Sie nicht? Ich schon. Egal, ob SPD, Grüne, CDU oder wer auch immer diese Macht ausübt.

    Übrigens steht im Gesetz nur, dass der Rundfunkrat den Intendanten bestimmt; der wiederum hat das Vorschlagsrecht für den Chefredakteur. Auch das scheint Hr. Koch nicht zu jucken.

    Na ja, ich denke, es ist alles gesagt. 🙂

  11. Michael sagte:

    Eine der höchsten Freiheiten unserer Grundwerte wird hier von einem Menschen getreten, der rein populistisch arbeitet (U-Bahn-Schläger und krepierte Wahlkampagne).
    In unserem Land ist sehr sehr vieles im Argen – der Fisch beginnt vom Kopfe an zu sticken – puhhhh

    Neue Menschen braucht das Land, nur wo sind dieses? Kaum in Amt und Würden, frisst sich das Machtbedürfnis durchs Gehirn und dann…….
    (siehe Entwicklung der Grünen seit den 70-/80-iger Jahren des 20. Jahrhunderts)

    Gibt es noch Hoffnung in Deutschland/Europa/der Welt?

  12. F.H. Jessen sagte:

    Glücklicherweise macht Herr Koch so “grobe” Fehler. So hat die Demokratie eine Chance – hoffentlich auch in diesem Fall.

    Viele Grüße
    F.H. Jessen

  13. Sascha Dach sagte:

    Werter Herr Schieb,
    eine derartig einseitige Darstellung der Dinge gehört sich nicht auf Ihrer Seite. Sie stellen doch den Anspruch, objektiv zu sein, oder?
    Im übrigen empfehle ich, sich über die internen Diskussionen im ZDF über diesen Herrn Brender zu informieren (autoritär und inkompetent sind da noch vergleichsweise harmlose Qualifikationen aus dem Kreis der Kollegen und Mitarbeiter).
    Ferner ist die Bestellung des Chefredakteurs gesetzlich geregelt. Wenn die CDU da die Mehrheit hat, hat sie halt das Sagen. Sie stört das jetzt. Wenn das nächste Mal (wie zuvor) die SPD “dran” ist, werden Sie mit ihrer Gesinnung ja wieder sehr zufrieden sein.

  14. Klaus Kromer sagte:

    Anscheinend gilt die Rundfunk-und Pressefreiheit bei Herrn Koch
    und seinen Anhängern nur für solche Redakteure, die Ihnen nach dem,
    Mund reden.Da sieht man wieder mal, was sie für Demokraten sind.

  15. Reiner Lehr sagte:

    Obwohl ich mich, ale ehemals langjähriges CDU-Mitglied durchaus als CDU-nah bezeichnen kann, bin ich der meinung, daß Herrn Koch zumindest in diesem Fall das Handwerk gelegt werden muß. Es kann einfach nicht sein, daß ein bewiesenermaßen guter und kompetenter Journalist, der noch dazu keiner Partei angehört, entfernt wird, nur weil er kritisch und möglicherweise nicht auf der Parteilinie ist.
    Freier kritischer Journalismus ist eine der wichtigsten Errungenschaften einer Demokratie.

  16. Carsten Mathes sagte:

    Ein unmögliches Verhalten. Brender ist ein guter und kritischer Fernsehjournalist, der muß unbedingt bleiben. Solche Leute brauchen wir in den schwierigen Zeiten. Die CDU sollte das bedenken und an die nächste Wahl denken, ein Rauswurf wird Stimmen kosten.

  17. Ralf Fassbender sagte:

    Erst geht die Pressfreiheit, dann die Meinungsfreiheit und zum guten Schluss geht die Taube der Demokratie auf Kruecken in den Vorruhestand. Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisberges. Die Entmenschlichung der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hat schon nach Helmut Schmidt begonnen….

  18. heimerer sagte:

    Wer glaubt denn hier immer noch an den Weihnachtsmann? Sind denn alle blind? Läuft es so mit allem nicht schon Jahrhunderte? Wir haben nur eine Chance und das ist den entsprechenden Leuten auf die Finger zu klopfen und zu zusehen, dass es genügend Leute tun.

  19. Rainer Gaiß sagte:

    Ich verfolge das öffentliche und politische Leben eigentlich recht genau, aber davon hatte ich bis jetzt noch gar nichts mitbekommen, so wie wahrscheinlich viele andere auch nicht. Sonst wäre der Aufschrei bestimmt größer ausgefallen.

    Dass die Landessender von der Politik kontrolliert werden, ist heute ja (leider) schon normal, besonders bei uns in Bayern, wo ohne Parteibuch eine Karriere kaum noch möglich scheint, aber dass die bundesweiten Öffentlichen jetzt schon durch die Länderfürsten kontrolliert werden ist eine neue Dimension.

    Aber Koch ist ja demokratisch gewählt worden. Er ist, um beim Vergleich zu bleiben, ein “lupenreiner Demokrat”.

    BTW, warum hat man sich mit dem vorläufigen Verbot der Wahlcomputer bis nach der Hessen-Wahl Zeit gelassen?

  20. Erwin Polreich sagte:

    Das kennen wir in Österreich beim ORF schon lange….
    Nach jedem Regierungswechsel gibts auch beim ORF ein paar neue Gesichter oder alte Gesichter in neuen Positionen. Interessanterweise fast nie dazwischen…
    LG, Erwin Polreich

  21. JLange sagte:

    Klausener meint:
    06.03.2009 um 07:48
    Rundfunk- und Pressefreiheit sind wichtige Elemente für eine Demokratie und dienen dem Machtmißbrauch. … Oops

  22. Hans Müller sagte:

    Sehr geehrter Herr Schieb,

    Ihr Seitenhieb auf den russischen Ministerpräsidenten zeigt, dass Sie in Ihren Anschauungen der CDU näher stehen als Herrn Brender.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans Müller

  23. Klausener sagte:

    Rundfunk- und Pressefreiheit sind wichtige Elemente für eine Demokratie und dienen dem Machtmißbrauch. Das gilt für Inhalte als auch für Personen!

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