Über 500 Millionen Menschen weltweit nutzen bereits Facebook, davon über 12 Millionen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Facebook ist allgegenwärtig. Auf der Strecke bleiben nicht nur Alternativen wie Myspace und StudiVZ, sondern häufig auch die Privatsphäre der Mitglieder. Wie sehr hat das Social Network bereits unsere Gesellschaft vereinnahmt? Was passiert eigentlich mit den persönlichen Daten der Mitglieder? Solche Fragen beantwortet Jakob Steinschaden in Experten-Interviews, Analysen und anschaulichen Reportagen.

Facebook ist längst kein simpler Onlinedienst mehr, sondern zu einer Institution im Web geworden. Alle werden mit Facebook konfrontiert, selbst wenn man dort nicht Mitglied ist. Wer im Web surft, stolpert immer häufiger über das kleine blaue „F“-Logo. Klickt man den „Gefällt mir“-Button an, lässt man die Welt wissen, auf welcher Webseite man gewesen ist und was einem gefällt – und so liefert man der Firma kostenlos jede Menge verwertbarer Daten und Besucher frei Haus.

Ein genialer Trick, denn auf diese Weise ist es Facebook gelungen, ohne Marketingkosten fast überall im Web präsent zu sein. Kaum ein Onlineangebot will noch auf eine Verknüpfung zu dem Netzwerk verzichten, die meisten versprechen sich mehr Aufmerksamkeit und mehr Besucher, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Daten bei Facebook erhoben, gespeichert und ausgewertet werden.

Der Technik-Journalist Jakob Steinschaden setzt sich kritisch mit dem Phänomen Facebook auseinander. Als erstes beantwortet er die Frage: Wie konnte es dem Unternehmen überhaupt gelingen, in so kurzer Zeit eine derartige Bedeutung zu erlangen? Wie so viele Mitglieder einsammeln? Zeitgleich sind auch andere soziale Netzwerke gestartet, denen nicht mal ansatzweise ein vergleichbarer Erfolg beschieden gewesen ist. Was hat Facebook also anders gemacht?

Facebook ist es gelungen, das Mitteilungsbedürfnis der Menschen zu bündeln – und an einer zentralen Stelle online verfügbar zu machen. Die Menschen präsentieren sich heute nicht nur auf Facebook, zeigen auch ihre Urlaubsfotos her und suchen im sozialen Netzwerk nach Freunden oder Kollegen, sie diskutieren, besorgen sich Informationen oder engagieren sich in thematischen Gruppen. Facebook deckt immer mehr Bedürfnisse und Interessengebiete ab.
Der User soll das Portal im Idealfall gar nicht mehr verlassen. Da der Service kostenlos ist und über Werbung refinanziert wird, ist das Unternehmen bemüht, möglichst viel von seinen Benutzern in Erfahrung zu bringen. Auf diese Weise lässt sich konkretere Werbung platzieren, die optimal zu den Interessen des Benutzers passt – und teurer bezahlt wird.

Jakob Steinschaden versucht die Unternehmensgeschichte von Facebook nachzuzeichnen. Er stützt sich dabei nicht nur auf bereits veröffentlichte Bücher sondern auch auf Vorort-Recherchen. Der Journalist hat eine Woche lang das Unternehmen besucht und diverse Interview geführt.

Das Buch beschäftigt sich natürlich auch intensiv mit der Frage, ob die Firma den Datenschutz ernst genug nimmt – und welche Möglichkeiten sich durch die angehäuften Daten ergeben. Da beispielsweise viele Menschen ihre Privatfotos und Videos bei Facebook veröffentlichen und sich Personen in Fotos und Videos markieren lassen, entstehen gewisse Befürchtungen. Etwa, dass Facebook irgendwann eine Gesichtserkennung anbieten könnte: Auf Knopfdruck herausfinden, auf welchen Fotos und in welchen Videos jemand zu sehen ist – technisch eigentlich kein großes Problem mehr.

Jakob Steinschaden schreibt verständlich und erlaubt einen interessanten Blick hinter die Kulissen von Facebook. Entstehungsgeschichte und Zukunftsperspektiven werden kenntnisreich präsentiert, Möglichkeiten und Risiken ausgewogen gegenübergestellt. Das macht die Lektüre spannend, es ist keine Werbebroschüre für Facebook dabei herausgekommen, der Autor hält die nötige Distanz.

Rezensiert von Jörg Schieb
Jakob Steinschaden: Phänomen Facebook
Ueberreuter Verlag, 2010
208 Seiten, 19,95 Euro

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