Vor über einer Woche ist unfassbare Tat geschehen: Erst eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo, dann die völlig sinnlose Bluttat auf einer Ferieninsel in Norwegen, bei der so viele Menschen umgekommen sind, umgebracht wurden. Schnell wurde klar: Der mutmaßliche Täter hat seine Taten im Netz angekündigt. Das Internet ist aber auch für die Menschen da, die trauern wollen, viele nutzen das Internet, um den Opfern zu gedenken. Nicht nur auf den Straßen wird getrauert – auch im Internet bekunden die Menschen ihre Bestürzung.

Eine virtuelle Menschenkette, initiiert auf der Webseite einer norwegischen Tageszeitung. Digitale Kondolenzbücher von Regierung, Zeitungen und Verbänden. Beileidsbekundungen auf Facebook und auf Twitter. Nach dem Blutbad von Norwegen ist das Internet zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Trauernde auf der ganzen Welt geworden.

Es gibt einige wirklich bemerkenswerte Aktionen im Web, die zumindest ein bisschen helfen sollen, die Trauer zu bewältigen und den viel zu zahlreichen Opfern zu gedenken. Eine besonders schöne Idee ist eine virtuelle Menschenkette.

“Haltet zusammen, fasst Euch an den Händen” – so ist das Projekt überschrieben. Eine Aktion auf der Webseite der norwegischen Tageszeitung VG. Hier kann sich jeder in eine virtuelle Menschenkette einreihen und so stumm, aber öffentlich gegen Gewalt und Intoleranz protestieren, online.

Über eine Million Menschen haben das bereits gemacht. Menschen aus aller Welt, die sagen wollen: Wir trauern um die Opfer, stehen zu den Angehörigen und lassen uns durch eine derart brutale Tat nicht gegeneinander aufbringen.
Die Landesflaggen zeigen, wo die Teilnehmer herkommen. Hinter den Silhouetten verbergen sich die Namen, das Alter und der Wohnort der Menschen. So ist das Ganze weniger anonym. Jeder kann mitmachen und sich auch in die lange virtuelle Menschenkette einreihen.

Die Idee zu dieser virtuellen Menschenkette hatte übrigens eine Leserin der Zeitung. Und sie wurde nun wirklich dankbar aufgegriffen. Die Anteilnahme im Web ist groß – auch auf anderen Onlineseiten, die der Opfer der sinnlosen Tat gedenken wollen.

Nicht jeder kann zur norwegischen Botschaft gehen und sich dort persönlich ins Kondolenzbuch eintragen. Darum hat die norwegische Regierung ein Online-Kondolenzbuch ins Netz gestellt. Hier kann sich jeder eintragen. Über 14.000 Menschen haben davon bereits Gebrauch gemacht. Nicht das einzige Kondolenzbuch im Netz, es gibt noch einige weitere.

Auf der Webseite der norwegischen Tageszeitung Dagblat findet sich eine Auflistung der Opfer, mit Namen und größtenteils mit Bild. So bekommen auch die Opfer ein Gesicht, nicht immer nur der Täter. Trauernde können jedem einzelnen Opfer einen letzten Gruß hinterlassen.

Eine wichtige Trauerarbeit. Bekanntlich hat auch der mutmaßliche Täter das Internet für sich genutzt. Er hat zum Beispiel sein über 1500 Seiten starkes Pamphlet 77 Minuten vor dem Attentat an über 1000 Empfänger verschickt, so genau weiß man das mittlerweile. Empfänger waren vor allem Personen, von denen der mutmaßliche Täter glaubt, sie könnten etwas damit anfangen oder würden es weiter verbreiten.

Niemand sollte das elektronische Dokument im Internet verbreiten, nicht etwa, weil es verboten wäre, sondern weil es sich nicht gehört. Weil es genau das ist, was sich der mutmaßliche Täter wünschen würde. Aufmerksamkeit. Und diesen Gefallen muss man ihm nun wirklich nicht tun. Seine Facebookseite ist zum Glück längst vom Netz.

Verbreiten Sie bitte keine Bilder vom mutmaßlichen Täter im Netz, auch sein Pamphlet nicht, nennen sie nicht seinen Namen.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Wenn es der Verwirrung dient, wenn es gelingt, das Pamphlet zu entwerten, damit es an Bedeutung verliert und im Idealfall gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Darum gefällt mir die Aktion der Hacktivistengruppe Anonymous so gut. Sie hat nämlich angekündigt, möglichst viele verfremdete Versionen des Pamphlets in Umlauf zu bringen, so viele, dass man nicht mehr sicher sein kann, ob man nun das Original oder eine veränderte Kopie in den Händen hält. Hier der offizielle Aufruf in englischer Sprache.

Die Idee ist gut: Wenn man nicht mehr weiß, ob man nun tatsächlich die kruden Gedanken des mutmaßlichen Attentäters vor sich hat oder eine stark verfremde Version, dann kann man es auch gleich lassen. Vielleicht und hoffentlich reduziert diese Aktion das Interesse an dem Manifest genannten Pamphlet.