Seit nunmehr 15 Jahren können wir kostenlos Wissen bei Wikipedia nachschlagen. Das Online-Lexikon hat auf fast alles eine Antwort. Doch Wikipedia hat schon bessere Zeiten gesehen: Die Besucher-Zahlen gehen zurück, die Autoren laufen weg, die Bearbeiter machen sich rar – und darunter leidet die Qualität.

Ich bin noch mit dem Bertelsmann-Lexikon auf dem Regal groß geworden. Alle drei Monate ist ein neuer Band nach Hause gekommen, nach ein paar Jahren war das Wissen der Welt – oder das, was die Lexikon-Macher dafür hielten -, dann komplett zu Hause. Über Updates hat man sich damals nicht sonderlich viel Gedanken gemacht. Es ist zwar auch viel passiert – aber die Welt hat sich nicht so schnell gedreht wie heute.

Nachschlagen war damals noch eine umständliche Sache: Man musste zum Regal laufen, den passenden Band des umfangreichen Lexikons vom Brett nehmen und unter dem Stichwort nachschlagen. Spannende Sache, keine Frage. Aber besonders aktuell waren die auf Papier gedruckten Informationen selten. Heute tippt man das Schlagwort bei Wikipedia ein – und liest nach, was das bekannteste Online-Lexikon der Welt zu sagen hat.

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Wikipedia hat gedruckte Lexika auf dem Gewissen

Seit 15 Jahren geht das so. Am 15. Januar 2001 haben Jimmy Wales und Larry Sanger die englischsprachige Plattform wikipedia.com an den Start gebracht. Ein bahnbrechendes Konzept: Die Nutzung des Lexikons war von Anfang an total kostenlos – und jeder User kann mitmachen, selbst Artikel schreiben oder bestehende Artikel verändern. Wikipedia setzt auf die viel zitierte Schwarm-Intelligenz. Man vertraut dem Motto: Wenn viele schlaue Köpfe an einem Artikel arbeiten, kommt dabei etwas Besseres raus, als wenn diese Arbeit wenige schlaue Köpfe erledigen.

Die deutsche Version von Wikipedia ist bereits zwei Monate später an den Start gegangen, am 16. März 2001. Was danach kam, war ein Massen-Sterben der Lexika, Enzyklopädien und Nachschlagewerke. Wikipedia hat zweifellos eine eigene Industrie auf dem Gewissen. Plötzlich waren hochwertige Artikel kostenlos verfügbar – mit zudem aktuelleren Informationen. Wer greift da noch zu Papier? Oder ist bereit, etwas zu bezahlen? Selbst die Print-Ausgabe der ehrwürdigen Encyclopedia Britannica musste eingestellt werden.

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Viele schwelende Problemherde

Über die Qualität der Artikel in Wikipedia ist schon viel geschrieben worden. Es ist leicht, bewusst und gezielt falsche Informationen ins Online-Lexikon zu stellen – allerdings nicht mehr so einfach, wie es mal war. Ein Heer von freiwilligen Autoren und Redakteuren kümmert sich um die Inhalte und die Pflege der Artikel.

In der Regel – aber keineswegs immer – verschwinden Fehl-Informationen aus der Online-Ausgabe. Schwieriger ist es bei Bewertungen: Vieles lässt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und unterschiedlich gewichten. Das gilt schon für die Frage, was würdig ist, in Wikipedia thematisiert zu werden. In Wikipedial landen Artikel, die es nie in ein gedrucktes Lexikon geschafft hätten.

37 Millionen Artikel

Die Frage ist also: Was ist relevant? 37 Millionen Artikel wurden bislang verfasst. Tendenz: steigend. Doch die Mehrheit der bei Wikipedia aktiven Autoren und Redakteure sind männlich: rund 90 Prozent. Das hat Auswirkungen auf die thematische Ausgestaltung.

Wie „Die Welt“ schreibt, erfährt man auf Wikipedia mehr über Pornostars als über Literatinnen. Ich als Mann kann sagen: Die Männerdominanz halte ich für ein ernsthaftes Problem. Nicht weil es ungerecht wäre, weibliche Mitglieder könnten sich ja auch stärker engagieren, sondern weil es deutlich macht, wie leicht sich Schwerpunkte verschieben, wenn man darauf nicht achtet.

Sinkende Nachfrage – und Mitarbeit

Doch mittlerweile nehmen die Probleme bei Wikipedia zu: Noch immer ist man sich nicht einig darüber, wie man zuverlässig für Qualität sorgen soll. Der Ton innerhalb von Wikipedia ist rau, wenn man als Autor oder Redakteur mitmachen möchte.

Deshalb springen immer mehr Mitarbeiter ab – und auch die Abrufzahlen sind im Sinkflug, wie interne Statistiken von Wikipedia belegen. Zwar gehört die Online-Enzyklopädie mit ihren knapp 300 Sprachausgaben seit Jahren zu den zehn meistgeklickten Websites der Welt, doch die Bedeutung nimmt gerade erkennbar ab; im Internet eine bedrohliche Entwicklung.

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Wenn sich immer weniger Menschen regelmäßig um die Pflege der Inhalte kümmern, dann werden sich falsche oder verfälschende Einträge häufen. PR- und Lobbyarbeit im Lexikon wird einfacher. Die Qualität des Online-Lexikons wird weiter zurückgehen. Es kommen noch weniger Besucher. Es ziehen sich weitere Redakteure aus Frust zurück. Das könnte der Anfang eines Teufelskreises sein. Zu wünschen wäre, dass es den Macher gelingt, das Ruder noch mal rumzureißen.