WhatsApp als Fake-News-Schleuder

von | 29.10.2018 | Social Networks

WhatsApp ist heute ein Quasi-Standard zur Kommunikation: Wer die App nicht benutzt, ist von der Außenwelt abgeschnitten. Das macht die App begehrt für alle, die gerne Nachrichten verbreiten, Unsinn kolportieren oder Menschen manipulieren wollen. Dazu wird immer öfter WhatsApp eingesetzt. Die Wirkung der rasant über WhatsApp verteilten Meldungen ist mitunter fatal.

Wenn es darum geht, die Verbreitung sogenannter Fake-News einzudämmen, die rasante Verbreitung dreister oder dummer Lügen zu stoppen oder zumindest Falschinformationen zu erschweren, dann ist meist von Facebook, X (ehemals Twitter), TikTok und YouTube die Rede. Nicht von WhatsApp. Doch das ist ein riesiger Fehler. WhatsApp entwickelt sich zu einem der wichtigsten Instrumente zur Verbreitung von Unsinn jeder Art.

Kettenbriefe sind erst der Anfang

Schon öfter habe ich von Freundinnen und Freunden gut gemeinten „Warnungen“ über WhatsApp bekommen: Öffne morgen keine Nachricht auf WhatsApp mit Video drin – das könnte dein Handy hacken. Ich beobachte Kinder, die sich ähnlich unsinnige Kettenbriefe zusenden, ohne zu wissen, dass es Kettenbriefe sind. Das funktioniert tadellos. Blitzschnell hat man jeden Quatsch an Dutzende von Menschen verteilt. Über Gruppen erst recht. Am Ende haben es Millionen gelesen.

Ich behaupte: WhatsApp ist die größte Schneeballeffektmaschine aller Zeiten. Bei über 3 Milliarden aktiven Nutzern weltweit und minimaler Inhaltskontrolle kein Wunder. Über WhatsApp lässt sich alles rausposaunen und unkontrolliert weiter verteilen. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die eigentlich ein Sicherheitsfeature ist, macht eine Überwachung der Inhalte unmöglich – ein Dilemma.

Die Anatomie der Desinformation

Was WhatsApp besonders gefährlich macht: Die Nachrichten kommen von Personen, denen wir vertrauen. Familie, Freunde, Arbeitskollegen. Das verleiht selbst dem größten Unsinn eine Glaubwürdigkeit, die er auf Facebook oder X nie hätte. Psychologen nennen das „Source Credibility“ – wir bewerten Informationen anders, je nachdem von wem sie kommen.

Dazu kommt: WhatsApp-Nachrichten wirken privat und exklusiv. „Das weiß noch nicht jeder“ – dieses Gefühl verstärkt die Bereitschaft zum Weiterleiten. Kombiniert mit der Einfachheit des Weiterleitens (ein Klick genügt) entsteht eine perfekte Desinformations-Maschine.

Warum sich Falschinformationen besonders schnell verbreiten

WhatsApps unzureichende Gegenmaßnahmen

Meta hat in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen eingeführt: Nachrichten können nur noch an fünf Chats gleichzeitig weitergeleitet werden, oft weitergeleitete Nachrichten werden markiert, und in manchen Ländern gibt es Faktenchecker-Kooperationen. Doch diese Maßnahmen greifen zu kurz.

Das Problem: Die Weiterleitung funktioniert weiterhin exponentiell. Aus fünf Empfängern werden 25, dann 125, dann 625. Innerhalb weniger Stunden erreichen Falschmeldungen Millionen von Nutzern. Die Markierung oft weitergeleiteter Nachrichten ignorieren viele User schlichtweg.

Manipulation und Desinformation per WhatsApp

WhatsApp eignet sich perfekt zur Manipulation. Weil es minimale Kontrolle gibt – aber fast jeder Mensch auf dem Planeten darüber erreicht werden kann. WhatsApp ist bereits zu einer wesentlichen Quelle für Fehlinformationen geworden, hatte Einfluss auf Wahlen in Brasilien, Indien und anderen Ländern. Die gezielten Falschinformationen über angebliche Kindesentführungen in Indien führten zu Panik und Gewalt. Dutzende von Menschen wurden dabei getötet.

Auch in Deutschland wird WhatsApp zunehmend für politische Manipulation genutzt. Während der Corona-Pandemie verbreiteten sich Impfmythen und Verschwörungstheorien rasant über WhatsApp-Gruppen. Bei den Protesten gegen die Ukraine-Hilfe 2024 spielten koordinierte WhatsApp-Kampagnen eine wichtige Rolle.

KI macht alles noch schlimmer

Neu ist die Rolle künstlicher Intelligenz bei der Erstellung von Desinformation. Deepfake-Videos, täuschend echte Audio-Nachrichten und KI-generierte Bilder lassen sich problemlos über WhatsApp verbreiten. Die Nutzer haben oft keine Chance zu erkennen, was echt ist und was nicht.

Besonders perfide: KI kann Falschmeldungen automatisch in verschiedene Sprachen übersetzen und kulturell anpassen. Was als Verschwörungstheorie in den USA startet, landet wenige Stunden später als „lokale Nachricht“ in deutschen WhatsApp-Gruppen.

Was können wir tun?

Die Lösung kann nicht allein technisch erfolgen. Wir brauchen mehr Medienkompetenz. Jeder sollte lernen, Nachrichten kritisch zu hinterfragen, bevor er sie weiterleitet. Einfache Regeln helfen: Wer ist die ursprüngliche Quelle? Klingt das plausibel? Gibt es andere Quellen, die das bestätigen?

Politisch brauchen wir klare Regeln für Messenger-Dienste. Die aktuelle Debatte um den Digital Services Act der EU geht in die richtige Richtung, aber WhatsApp wird noch zu wenig mitgedacht.

Das zeigt, welche Dynamik dieses Netzwerk entwickeln kann. Eine äußerst gefährliche Dynamik. Darüber hat sich bislang kaum einer genug Gedanken gemacht. Von Meta können wir das auch nicht erwarten – deren Geschäftsmodell basiert auf Engagement, nicht auf Wahrheit. Es wäre an der Zeit, sich ernsthafte Fragen zu stellen: Was geschieht, wenn WhatsApp zur wichtigsten Waffe für gezielte Manipulation wird? Und warum warten wir so lange mit Gegenmaßnahmen?

Zuletzt aktualisiert am 07.03.2026