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Erobern die Benutzer das Netz zurück?

21.11.2018 | Von Jörg Schieb

Internet

Haben wir eigentlich noch die Kontrolle über das Netz? Kaum! meint der Mitbegründer des World Wide Web – Tim Berners-LEE und fordert ein Umdenken, damit nicht einzelne Großkonzerne das Netz kontrollieren. Muss das Internet zurück zu seinen Wurzeln?

„Das Web ist für alle da!“ So könnte man die zentrale Forderung von Tim Berners-Lee auf den Punkt bringen. Der Brite hat vor knapp 30 Jahren mehr oder weniger das World Wide Web „erfunden“ könnte man sagen.

Von ihm kam die Idee, Inhalte miteinander zu verknüpfen, zu verlinken, ein Netz an Informationen zu schaffen. Heute macht sich der 63-Jährige  ernsthaft Sorgen um seine Erfindung. Das Netz sei in keinem besonders guten Zustand, mahnt er öffentlich. Hat er recht damit? JA finde ich!

Sir Tim Berners-Lee; Von Paul Clarke - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Von Paul ClarkeEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Fest im Würgegriff des Kommerz

Warum? Weil sich das Netz längst fest im Würgegriff des Kommerz befindet. Überall Werbung. Überall Mechanismen, um die User vor den Schirmen und Displays zu halten. Überall ungenierte Spionage. Wir User sind meist nicht die Kunden, sondern  die Ware für Google, Facebook und all die anderen.

Wie viel wir uns bewegen, welche Bücher wir mögen, wen wir lieben, wo wir gerne sind, was wir essen…und und und. Unser Privatleben lässt sich in bare Münze umwandeln. Unsere Daten sind die Ware. Wir Nutzer haben nahezu jede Kontrolle verloren, trotz europäischer Datenschutzgrundverordnung und Co.  Selbst wer sich gut auskennt, kann kaum verhindern, dass Daten gesammelt und Werbung angezeigt wird.

Das muss sich dringend ändern, finde ich – und findet vor allem Tim Berners-Lee. Der Urvater des Netzes hat deshalb eine Art „Magna Carta fürs Internet“ ausgerufen. Ein moralischer Kompass, 9 Gebote oder einfach  Grundregeln fürs Netz, auf die sich alle verständigen sollten.

hawkHD / Pixabay

 

Magna Carta fürs Netz

Regierungen. Firmen. Privatleute. Wir alle sind aufgerufen, da mitzumachen. Denn wenn wir nichts unternehmen, fürchtet Berners-Lee, dann würden Datenmissbrauch, Desinformation, Zensur und Hassbotschaften uns alle bedrohen. Und eben der Kommerz. Unter dem Hashtag #ForTheWeb ruft Tim Berners-Lee alle auf, mitzumachen.

Frankreich – als Staat – zählt zu den ersten Unterstützern. Das ist schön. Aber auch Google und Facebook. Das ist befremdlich. Denn Google und Facebook sind zweifellos ein großer Teil des Problems – und können wohl kaum zur Lösung beitragen. Eher zur Verhinderung.

Denn weshalb sollten sie sich dafür einsetzen, dass die Ultra-Mega-Online-Konzerne künftig weniger Macht haben sollten? Dass sie auf irgend etwas verzichten sollten? Etwa auf Daten, auf Werbung, auf Umsätze? Das werden sie niemals machen.

geralt / Pixabay

 

Bitte höher aufhängen

So begrüßenswert die Initiative von Tim Berners-Lee ist: Sie wirkt fast ein bisschen naiv. Hoffnungslos. Dabei ist der Grundgedanke absolut richtig. Das Internet muss den Klauen der mächtigen Konzerne wieder entrissen werden. Es braucht Regeln, die weltweit gelten. Grundrechte für die User. Pflichten für die Betreiber. Der richtige Ort für solche Forderungen, solche Regeln wären die Vereinten Nationen. Die United Nations. Die UN.

Wer nicht länger möchte, dass Facebook  für Wahlmanipulationen oder Fake-News genutzt wird, der muss zu anderen Mitteln greifen. Wer nicht möchte, dass auf YouTube Enthauptungsvideos kursieren können und die Dummheit regiert, der muss Regeln aufstellen, die überall gelten. Und wer private Daten wirklich schützen will, der muss das weltweit tun.

#ForTheWeb

Die Initiative #ForTheWeb ist aus meiner Sicht  ein guter Ansatz. Ein guter Anfang. Aber es muss weiter gehen.

Andere Ansätze von Tim Berners-Lee sind ganz praktisch, pragmatisch – und deswegen interessant. Der WWW-Erfinder hat konkrete Vorschläge, wie es sich erreichen lässt, dass die Welt vernetzt bleibt – so wie sie ist. Daten aber nicht mehr zwingend bei YouTube oder Facebook oder Twitter gespeichert werden. Sondern dort, wo die Nutzer es wollen. So könnten wir User die komplette Kontrolle wieder erlangen.

Das ist unterstützenswert – und gehört in die Magna Carta hinein. Holen wir uns die Kontrolle über das Web und unsere Daten zurück. Oder vielleicht noch wichtiger: Versuchen doch zumindest wir schon mal, einfach nicht den nächsten Like-Button anzuklicken, jedes Weihnachtsgeschenk über Amazon zu bestellen und diesen Kommentar bei Google zu googeln. Das wäre auch ein Anfang.

 

 

 




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