Smartphone-Hersteller pfeifen auf Nachhaltigkeit

von | 01.03.2019 | Hardware

Wenn wir ein neues Smartphone kaufen, erfreuen wir uns in der Regel vor allem an den schönen Dingen: Design, Display, Kamera, KI-Features… Aber wir machen uns kaum oder gar keine Gedanken, welche Ressourcen in dem Gerät stecken. Das wird zunehmend ein Problem: Nachhaltigkeit ist in der Branche nämlich immer noch ein Fremdwort.

Tech-Messen wie der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona oder die CES in Las Vegas zeigen es eindrucksvoll: Die Hersteller überschlagen sich mit Ideen für neue Modelle – vor allem im Premium-Segment. Inzwischen sind es faltbare Displays, die sich mehrfach klappen lassen, Smartphones mit bis zu sieben Kameras und ultraschmale Geräte, die sich wie ein Stift zusammenrollen lassen. Samsung, Apple und Co. haben 2025 ihre Zyklen sogar noch verkürzt: Statt jährlich kommen manche Flaggschiffe nun alle acht Monate.

KI-Features sollen uns zusätzlich locken: Kameras, die Fotos in Echtzeit retuschieren, Assistenten, die unsere Nachrichten im persönlichen Stil verfassen, oder Übersetzungen, die Dialekte erkennen. Mit irgendeinem Trick bekommt man doch jeden geködert, oder? Wichtigstes Ziel: Möglichst viele Menschen zum Kauf eines Zweit-Handys zu animieren – oder dazu, den „alten“ Knochen nach 18 Monaten zu ersetzen.

140 Millionen Altgeräte verstauben in deutschen Haushalten

Doch der mittlerweile aberwitzige Smartphone-Konsum hat seinen Preis. Vor allem für die Umwelt. Sie leidet massiv, wenn wir ständig neue Smartphones kaufen.

Allein in Deutschland gehen nach wie vor etwa 22 Millionen Geräte pro Jahr über die Ladentheke – trotz gesättigtem Markt. In jedem Gerät stecken dutzende seltene Erden und Edelmetalle: Lithium aus Chile, Kobalt aus dem Kongo, Tantal aus Ruanda. Die Förderung dieser Rohstoffe erfolgt oft unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und zerstört ganze Landstriche.

Doch darüber macht sich kaum jemand Gedanken. Nur wenige Unternehmen wie Fairphone oder Shiftphone achten konsequent auf Nachhaltigkeit – allerdings mit überschaubarem Marktanteil. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften schätzt, dass mittlerweile 140 Millionen Altgeräte in deutschen Haushalten lagern. Das sind etwa fünf Tonnen Gold, 45 Tonnen Silber und mehr als 2.400 Tonnen Kupfer. Die gammeln in Schubladen vor sich hin!

Intelligente Systeme zur Wiederverwertung gibt es kaum. Auch keine überzeugenden Recycling-Programme. Aktuelle Studien des Umweltbundesamts belegen: Weniger als 30 Prozent der wertvollen Rohstoffe werden tatsächlich wiederverwendet.

EU-Gesetzgebung zeigt erste Wirkung

Immerhin: Die Politik hat reagiert. Seit 2024 müssen Smartphone-Hersteller in der EU mindestens fünf Jahre Sicherheitsupdates garantieren. Das „Recht auf Reparatur“ verpflichtet sie außerdem, Ersatzteile sieben Jahre lang verfügbar zu halten. Apple, Samsung und Google haben daraufhin ihre Update-Zyklen verlängert.

Die neue EU-Verordnung für nachhaltige Elektronik geht noch weiter: Ab 2027 müssen Akkus in allen Smartphones wieder austauschbar sein – ohne Spezialwerkzeug. Außerdem wird eine Art „Reparatur-Index“ eingeführt, der Verbrauchern auf einer Skala von A bis E zeigt, wie reparaturfreundlich ein Gerät ist.

Doch das reicht noch lange nicht. Umweltverbände kritisieren, dass die Umsetzung schleppend läuft und die Hersteller nach wie vor auf geplante Obsoleszenz setzen. Software-Updates werden bewusst so gestaltet, dass ältere Geräte langsamer werden. Neue Features bleiben den neuesten Modellen vorbehalten – selbst wenn die Hardware der Vorgänger ausreichen würde.

Was können wir tun?

Die gute Nachricht: Wir müssen nicht tatenlos zusehen. Gebrauchte Smartphones haben inzwischen einen etablierten Markt. Plattformen wie Refurbed, Back Market oder Swappie verkaufen professionell aufbereitete Geräte mit Garantie. Ein zwei Jahre altes iPhone oder Galaxy-Modell erfüllt problemlos alle Ansprüche – kostet aber nur die Hälfte.

Wer sein altes Gerät loswerden will, sollte es nicht in der Schublade vergammeln lassen. Viele Hersteller bieten inzwischen Trade-in-Programme. Selbst kaputte Geräte haben noch Wert: Die Rohstoffe lassen sich extrahieren und wiederverwenden.

Reparaturen werden ebenfalls erschwinglicher. Unabhängige Werkstätten können dank der neuen EU-Regelungen an Originalteile kommen. Apps wie „iFixit“ oder „Kaputt.de“ helfen bei der Suche nach seriösen Reparaturdiensten in eurer Nähe.

Die Smartphone-Industrie wird sich ändern müssen – der Rohstoffmangel und steigende Umweltauflagen zwingen sie dazu. Als Verbraucher können wir diesen Wandel beschleunigen, indem wir bewusster kaufen und unsere Geräte länger nutzen. Drei bis vier Jahre sollten locker drin sein.

Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026