Abhängig von der Cloud – gefährlicher denn je

von | 05.06.2019 | Digital

Warum gehen wir eigentlich davon aus, dass die Cloud immer funktioniert? Die Abhängigkeit von den großen Cloud-Diensten ist im Grunde unverantwortlich – und wird täglich riskanter.

Und er läuft und läuft und läuft… Hat man früher über den Käfer von Volkswagen gesagt. Heute denken das viele vom Internet: Es ist immer da. Rund um die Uhr. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass es mal „weg“ sein könnte. Kurzfristig. Oder immer. Einfach so. Die Sonne geht ja schließlich auch jeden Morgen wieder auf, oder?

Katastrophe, wenn IT-Dienste ausfallen

Was aber passiert, wenn diese unumstößliche Gewissheit dann doch mal einen Dämpfer verpasst bekommt, sehen wir regelmäßig: 2024 legte ein fehlerhaftes CrowdStrike-Update Millionen von Windows-Rechnern weltweit lahm – Flughäfen, Krankenhäuser, Banken standen still. Auch 2025 gab es mehrere massive Ausfälle: Meta-Dienste wie Instagram und WhatsApp waren stundenlang down, Microsoft Azure kämpfte mit tagelangen Störungen, und selbst OpenAI’s ChatGPT war zeitweise nicht erreichbar.

Das Problem verschärft sich dramatisch: Die Abhängigkeit von wenigen Hyperscalern ist zur Achillesferse unserer digitalen Gesellschaft geworden. Google Cloud, Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure kontrollieren zusammen über 70 Prozent des globalen Cloud-Markts. Ihre Infrastrukturen sind so tief in unseren Alltag eingewoben, dass ein Ausfall nicht nur lästig ist – er kann existenzbedrohend werden.

KI verstärkt die Cloud-Abhängigkeit dramatisch

Die Situation wird durch den KI-Boom noch prekärer. ChatGPT, Claude, Gemini – alle großen KI-Services laufen in den Clouds der Tech-Giganten. Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse auf KI-Tools aufbauen, hängen damit vollständig am Tropf weniger Anbieter. Fällt die Cloud aus, steht nicht nur die E-Mail still – ganze KI-gestützte Produktionslinien, Kundenservices und Entscheidungssysteme kollabieren.

Besonders brisant: Viele europäische „KI-Startups“ sind im Grunde nur hübsche Benutzeroberflächen für OpenAI’s APIs. Geht OpenAI down, sind hunderte europäische Services automatisch mit betroffen. Eine Abhängigkeitskette, die jeden Tag länger und fragiler wird.

Über Dezentralisierung nachdenken – jetzt erst recht

Es ist schon absurd: Eigentlich war eine der wichtigsten Eigenschaften des Internets, als es – für das Militär! – „gebaut“ wurde, die Ausfallsicherheit. Fällt eine Strecke aus, dann suchen sich die Datenpakete eigenständig einen anderen Weg. Doch die heutige Cloud-Realität stellt die Sache auf den Kopf: Da wir fast alles bei Google, Amazon, Microsoft und Co. speichern – teilweise ohne es zu wissen –, führen Ausfälle bei diesen Playern zu globalen Störungen.

Wir in Europa müssen uns fragen, ob wir das dauerhaft erdulden wollen. Die geopolitischen Spannungen mit den USA nehmen zu, gleichzeitig wird unsere Abhängigkeit von US-Clouds immer extremer. Was passiert, wenn ein künftiger US-Präsident europäische Daten als Druckmittel einsetzt? Wir wären schlagartig lahmgelegt.

Erst recht, weil mittlerweile nicht nur Rechner und Smartphones mit der Cloud verbunden sind: Smart Home-Geräte, Industrieanlagen, Autos, Medizintechnik – das Internet of Things macht uns verwundbar auf allen Ebenen. Ein koordinierter Angriff auf wenige Cloud-Zentren könnte ganze Gesellschaften paralysieren.

Europa braucht digitale Souveränität

Initiativen wie GAIA-X waren ein Anfang, aber viel zu zaghaft. Was wir brauchen, ist eine massive Investition in europäische Cloud-Infrastrukturen mit echten Verfügbarkeitsgarantien. Projekte wie die European Cloud Alliance oder nationale Champions wie OVHcloud zeigen, dass es geht – aber der politische Wille für eine wirkliche Unabhängigkeit fehlt noch.

Dabei geht es nicht um Protektionismus, sondern um Risikominimierung. Kein Unternehmen würde alle Geschäftsprozesse von einem einzigen Lieferanten abhängig machen. Warum tun wir das bei der kritischsten Infrastruktur unserer Zeit?

Multi-Cloud-Strategien sind ein erster Schritt, aber nur wenn sie auch geografisch und politisch diversifiziert sind. Wer seine Daten zwischen AWS, Google Cloud und Microsoft Azure aufteilt, hat immer noch alle Eier in einem geopolitischen Korb.

Was Unternehmen jetzt tun müssen

Für Unternehmen wird es Zeit, ihre Cloud-Strategie radikal zu überdenken. Hybrid-Ansätze mit lokalen Backups und europäischen Cloud-Alternativen werden vom Nice-to-have zum Must-have. Disaster Recovery-Pläne müssen realistische Szenarien für mehrtägige Ausfälle großer Cloud-Provider einschließen.

Die Frage ist nicht ob, sondern wann der nächste große Ausfall kommt. Und ob wir dann vorbereitet sind oder wieder hilflos zusehen, wie unsere digitale Gesellschaft ins Stocken gerät.

So funktioniert die Cloud: Jederzeit alles verfügbar – theoretisch

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026