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Volksparteien und das Internet: Warum Politik immer noch digital hinterherhinkt

von | 30.06.2019 | Digital

Die digitale Landschaft der Politik hat sich seit 2019 dramatisch verändert. Was mit Rezos YouTube-Video „Die Zerstörung der CDU“ begann, war nur der Anfang einer digitalen Revolution, die die etablierten Parteien bis heute herausfordert. In unserem Cosmotech-Podcast analysieren wir, warum sich die Volksparteien auch 2026 noch schwertun – und was sich endlich ändern muss.

„Hey Rezo, Du alter Zerstörer“ – mit diesen Worten hat CDU-Youngster Philipp Amthor seine bebilderte Antwort auf Rezos mittlerweile berühmtes YouTube-Video begonnen. Gar nicht schlecht! Immerhin hat sich Amthor die Mühe gemacht, auf Rezos provokantes Video zu antworten. Doch die CDU-Führung hat das Video eingesackt – kaum jemand kennt die Antwort von Amthor. Schade eigentlich – aber nur ein weiteres Indiz für die Hilflosigkeit, mit der die CDU auf den zunehmenden Druck aus dem Netz umgeht.

Von TikTok-Tanzvideos zu KI-Politik: Der steinige Weg

Sieben Jahre nach dem Rezo-Video ist die deutsche Politik digital erwachsen geworden – zumindest teilweise. Während 2019 noch über YouTube-Regulierung diskutiert wurde, stehen heute KI-Verordnungen, Deepfake-Gesetze und TikTok-Verbote auf der Agenda. Die Corona-Pandemie hat dabei als Digitalisierungs-Turbo gewirkt: Plötzlich saßen Politiker in Zoom-Konferenzen, streamten auf Twitch und diskutierten über Contact-Tracing-Apps.

Dennoch bleiben strukturelle Probleme bestehen. Die aktuellen Debatten um ChatGPT-Regulierung, die Diskussionen über Musk’s X-Platform oder der Umgang mit KI-generierten Wahlkampfinhalten zeigen: Die Volksparteien reagieren immer noch, statt zu agieren. Während Start-ups in Monaten neue KI-Tools entwickeln, braucht die Politik Jahre für entsprechende Gesetze.

Dennis Horn und ich haben uns gefragt: Wieso sind unsere Volksparteien in Sachen Digitalisierung noch immer so schlecht aufgestellt? Wieso können sie nicht kommunizieren? Wieso geht es bei der Digitalisierung nur im Schneckentempo voran? Darum haben wir in unserer neuesten Ausgabe des Cosmotech Podcast mit cnetz-Sprecher Thomas Jarzombek gesprochen. Er klingt im Gespräch manchmal verzweifelt, aber trotzdem tapfer – und sagt den bemerkenswerten Satz:

Jemand, der Digitalisierung nicht versteht, der darf künftig auch nicht mehr Bundesminister werden.

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Digitalkompetenz wird zur Grundvoraussetzung

Dieser Satz wirkt heute prophetisch. 2026 sehen wir tatsächlich eine neue Generation von Politikern, die mit Social Media, KI-Tools und digitalen Plattformen aufgewachsen sind. Die „Digital Natives“ erobern die Parlamente – aber die Führungsebenen sind noch immer von der analogen Generation besetzt.

Das Problem: Während 2019 noch über Uploadfilter gestritten wurde, müssen heute Entscheidungen über KI-Regulierung, Quantencomputing-Förderung und Metaverse-Gesetze getroffen werden. Die Komplexität hat sich exponentiell erhöht. Ein Bundesminister, der nicht versteht, wie Large Language Models funktionieren, kann keine sinnvolle KI-Politik machen.

Struktur-Problem bleibt bestehen

ARD-Korrespondentin Kristin Becker hatte schon 2019 eine These, die heute noch aktueller ist: Die verkrusteten Strukturen der Parteien sind das eigentliche Problem. Ortsverbände, Landesverbände, Bundesverbände – diese hierarchische Organisation passt nicht zur vernetzten, schnellen Digitalwelt.

Neu hinzugekommen sind allerdings digitale Formate: Digitale Parteitage, Online-Mitgliedervotings und Live-Streams haben die Partizipation erhöht. Die Grünen und die FDP nutzen bereits seit Jahren Tools wie Decidim für Bürgerbeteiligung, während CDU und SPD erst langsam nachziehen.

Neue Herausforderungen, alte Reflexe

Die aktuellen Debatten zeigen jedoch: Die Reflexe sind dieselben geblieben. Statt proaktive Digitalstrategien zu entwickeln, reagieren die Volksparteien meist nur auf Krisen. Das sah man bei der Diskussion um ChatGPT in Schulen, bei TikTok-Verbotsforderungen nach Datenschutz-Skandalen oder bei der hektischen Suche nach Antworten auf KI-generierte Desinformation im Wahlkampf.

Positiv ist: Es gibt mittlerweile in allen Parteien Digital-Experten. Namen wie Tabea Rößner (Grüne), Mario Brandenburg (FDP) oder Ronja Kemmer (CDU) stehen für eine neue Generation von Netzpolitikern. Das Problem: Sie haben oft zu wenig Einfluss auf die Gesamtstrategie ihrer Parteien.

Ausblick: Revolution oder Evolution?

Die Frage bleibt: Schaffen es die Volksparteien, sich rechtzeitig zu wandeln? Die nächsten Jahre werden entscheidend. Mit KI, Blockchain und Quantentechnologie stehen bereits die nächsten disruptiven Wellen vor der Tür. Wer jetzt nicht lernt, digital zu denken und zu handeln, wird 2030 komplett abgehängt sein.

Immerhin: Das Bewusstsein für das Problem ist da. Auch wenn der Wandel langsam vonstattengeht – er findet statt. Thomas Jarzombeks Vision von digitalkompetenten Ministern ist heute näher an der Realität als 2019. Ob das reicht, um mit dem Tempo der digitalen Transformation mitzuhalten, bleibt die spannende Frage.

Mehr dazu gibt es in der aktuellen Ausgabe von unserem Podcast.

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026

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