Leistungsschutzrecht: Google kann auch ohne Verlage

von | 03.07.2019 | Digital

Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht (LSR) ist längst nicht vorbei. Auch 2026 kämpfen Verlage für Zahlungen von Tech-Giganten, während eine fundamentale Frage unbeantwortet bleibt: Wie wichtig sind journalistische Inhalte überhaupt für Google? Eine Analyse des SEO-Spezialisten Sistrix aus Bonn lieferte bereits 2019 erstaunliche Erkenntnisse – und die sind heute noch relevanter.

Die EU-Urheberrechtsreform brachte uns nicht nur Upload-Filter und endlose Debatten, sondern auch das Leistungsschutzrecht (LSR) für ganz Europa. Obwohl ähnliche Regelungen in Deutschland und Spanien praktisch wirkungslos blieben, sollen Suchmaschinen wie Google für Headlines und Snippets in Suchergebnissen zahlen.

Inzwischen haben wir mehr Erfahrungen: Google zahlt seit 2021 über sein News Showcase Programm freiwillig an ausgewählte Publisher weltweit – aber nur an wenige und zu undurchsichtigen Konditionen. Die meisten Verlage gehen leer aus, während die großen Player wie Axel Springer oder Bauer profitieren.

KI verändert das Spiel komplett

Die Situation hat sich 2026 dramatisch verschärft. Googles AI Overviews und andere KI-Features beantworten Fragen direkt in den Suchergebnissen – ohne dass User auf Verlagsseiten klicken müssen. Das reduziert den Traffic zu journalistischen Inhalten weiter. Gleichzeitig trainiert Google seine KI-Modelle mit Millionen von Artikeln, ohne dafür zu zahlen.

ChatGPT, Claude und andere AI-Assistenten werden für viele zur ersten Anlaufstelle für Informationen. Warum einen Artikel lesen, wenn die KI die Antwort sofort liefert? Diese Entwicklung macht journalistische Inhalte für Suchmaschinen noch weniger wertvoll – zumindest kommerziell.

Doch wie relevant sind journalistische Inhalte überhaupt für Googles Geschäftsmodell? Hier helfen die Daten von Sistrix aus Bonn, die das Suchverhalten seit Jahren analysieren. Die Erkenntnisse sind ernüchternd für Verlage.

Die harten Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die Sistrix-Analyse zeigt: Journalistische Inhalte sind für Google kommerziell fast irrelevant. Die Zahlen sind eindeutig:

  • 7,89 Prozent aller Suchtreffer führen zu journalistischen Domains
  • 4,65 Prozent der Suchbegriffe haben journalistischen Bezug
  • Aber nur 0,25 Prozent der kommerziellen Keywords betreffen Journalismus

Das bedeutet: Nur bei einer von 400 Suchanfragen geht es um journalistischen Content, bei dem Google mit Anzeigen Geld verdienen könnte. Diese Zahlen haben sich seit 2019 kaum verändert – wenn überhaupt, ist der Anteil durch die KI-Revolution weiter gesunken.

Google verdient sein Geld hauptsächlich mit kommerziellen Suchanfragen: „Handy kaufen“, „Versicherung vergleichen“, „Hotel buchen“. Bei solchen Begriffen zahlen Unternehmen für Anzeigenplätze. News-Suchen wie „Bundeskanzler Rede“ oder „Fußball Ergebnisse“ generieren kaum Werbeerlöse.

Google könnte problemlos auf News verzichten

Die Konsequenz ist brutal ehrlich: Würde Google alle journalistischen Inhalte aus seinem Index entfernen, würde praktisch kein Umsatz wegfallen. 99,75 Prozent der bezahlten Keywords haben nichts mit Journalismus zu tun.

Google hat das bereits mehrfach demonstriert: 2014 stellte der Konzern Google News in Spanien ein, als dort ein Leistungsschutzrecht eingeführt wurde. In Frankreich drohte Google 2019 ähnlich. Die Verlage knickten ein und akzeptierten kostenlose Indexierung.

Diese Machtdemonstration zeigt: Verlage brauchen Google mehr als Google die Verlage. Ohne Suchmaschinen-Traffic brechen Online-Reichweiten dramatisch ein. Soziale Medien können das nur teilweise kompensieren.

Neue Player, alte Probleme

2026 haben sich die Machtverhältnisse weiter verschoben. TikTok fungiert für junge Menschen als Suchmaschine, AI-Chatbots beantworten Fragen direkt. Google bleibt dominant, aber das Ökosystem wird komplexer.

Verlage experimentieren mit eigenen KI-Tools und direkten Abo-Strategien. Erfolgreiche Publisher wie die New York Times oder das Wall Street Journal werden unabhängiger von Suchmaschinen-Traffic. Sie haben begriffen: Qualitätsjournalismus muss sich selbst finanzieren, nicht über Almosen von Tech-Konzernen.

Das ursprüngliche Leistungsschutzrecht war ein Irrweg – das zeigen die Daten eindeutig. Statt auf Zwangsabgaben zu setzen, sollten Verlage in Qualität, Innovation und direkte Leserbeziehungen investieren. Denn eins ist klar: Google kann sehr gut ohne journalistische Inhalte leben, Verlage aber nicht ohne Reichweite.

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026