Die EU hat das Leistungsschutzrecht (LSR) tatsächlich europaweit durchgesetzt – mit ernüchternden Ergebnissen. Zur anfänglichen Freude der Verlage, die sich dadurch mehr Einnahmen versprachen. Doch die Realität sieht anders aus: Das Geld fließt weiterhin nicht wie erhofft. Warum das kontroverse Gesetz, das in Deutschland bereits als Flop gilt, nun ganz Europa beschäftigt und welche Lehren wir daraus ziehen können.
Die jahrelange, mühevolle Arbeit der Lobbyisten hat sich am Ende also gelohnt: Die EU hat das Leistungsschutzrecht für Presseverleger europaweit eingeführt. Google und andere Suchmaschinen sollten künftig Geld zahlen, wenn in Suchmaschinen Ausschnitte (Teaser) aus verlinkten Artikeln erscheinen. Das war der Plan – doch die Praxis zeigt ein anderes Bild.
Die europäische Realität: Mehr Aufwand, wenig Ertrag
Seit der EU-weiten Einführung des Leistungsschutzrechts haben sich die Befürchtungen bestätigt. Google reagierte zunächst mit drastischen Maßnahmen: In mehreren EU-Ländern wurden Presseverlage aus Google News entfernt oder die Anzeige von Textschnipseln komplett eingestellt. Die Folge: massiver Traffic-Verlust bei den betroffenen Verlagen.
Viele Verlage ruderten schnell zurück und erteilten Google kostenlose Lizenzen – genau wie schon in Deutschland. Der Grund ist simpel: Der Verlust an Lesern und damit an Werbeeinnahmen wog schwerer als die erhofften Lizenzgebühren, die ohnehin nie in der erwarteten Höhe eintrafen.
Inzwischen haben sich in den meisten EU-Ländern ähnliche Muster etabliert: Die Großverlage verhandeln individuelle Deals mit Google und anderen Plattformen, während kleinere Anbieter oft leer ausgehen oder sich mit Krümeln zufriedengeben müssen.
Deutschlands Flop wird zum europäischen Standard
In Deutschland wurde das Leistungsschutzrecht schon vor Jahren eingeführt – und gilt als „Katastrophe“. Selbst die Regierung schätzte das so ein. Nennenswerte Geldflüsse an die hiesigen Verlage blieben weitgehend aus, weil die Verlage Sondervereinbarungen zustimmten – aus Sorge, aus dem Suchindex zu fliegen.
Wie man angesichts dieser katastrophalen Bilanz auf die Idee kommen konnte, einen solchen Rohrkrepierer europaweit einführen zu wollen, bleibt auch heute noch rätselhaft. Das „Zombie-Gesetz“ hat sich als völlig untauglich erwiesen, die Finanzierungsprobleme der Presseverlage zu lösen.
Die Gewinner und Verlierer des LSR
Die Bilanz nach mehreren Jahren europäischen Leistungsschutzrechts ist ernüchternd: Die erhofften Millionen-Einnahmen blieben aus. Stattdessen entstanden neue Abhängigkeiten und komplizierte Verhandlungsstrukturen.
Gewinner sind paradoxerweise die großen Tech-Konzerne: Sie haben ihre Marktmacht genutzt, um günstige Deals auszuhandeln oder Inhalte einfach nicht mehr anzuzeigen. Google News funktioniert nach wie vor – nur eben mit weniger europäischen Inhalten oder kostenlosen Lizenzen.
Verlierer sind vor allem kleine und mittlere Verlage, die auf Traffic von Suchmaschinen und sozialen Medien angewiesen sind. Sie haben weder die Verhandlungsmacht für attraktive Deals noch können sie es sich leisten, auf die Reichweite der Plattformen zu verzichten.
Neue Entwicklungen und KI-Herausforderungen
Mittlerweile stellen sich ganz neue Fragen: Wie soll das Leistungsschutzrecht auf KI-Systeme angewendet werden, die Inhalte für das Training nutzen? ChatGPT, Claude und andere große Sprachmodelle verarbeiten Millionen von Artikeln – oft ohne direkte Vergütung der Urheber.
Einige Verlage haben bereits begonnen, separate Deals mit KI-Unternehmen zu verhandeln. OpenAI beispielsweise hat Lizenzverträge mit mehreren großen Medienunternehmen abgeschlossen. Doch auch hier zeigt sich: Die Großen profitieren, die Kleinen gehen meist leer aus.
Was bleibt vom großen Versprechen?
Das Leistungsschutzrecht sollte die Finanzierungskrise der Presse lösen – ein nobles Ziel. Doch der gewählte Weg erweist sich als Sackgasse. Statt nachhaltiger Finanzierung entstanden komplizierte rechtliche Strukturen und neue Abhängigkeiten.
Effektiver wären vermutlich direkte Fördermodelle für Qualitätsjournalismus oder Steuererleichterungen für Presseverlage gewesen. Auch öffentlich-rechtliche Modelle nach skandinavischem Vorbild hätten mehr bewirkt als der Versuch, private Plattformen zur Kasse zu bitten.
Die EU hat ihre regulatorische Macht genutzt, aber am Ziel vorbei. Während die Presselandschaft weiter unter Druck steht, beschäftigen sich Verlage und Tech-Konzerne mit juristischen Spitzfindigkeiten statt mit innovativen Lösungen für qualitätsvolle Berichterstattung.
Bedauerlich, dass eine so wichtige Chance für die Zukunft des Journalismus verschenkt wurde. Das Leistungsschutzrecht bleibt ein warnendes Beispiel dafür, wie gut gemeinte Regulierung ins Leere laufen kann, wenn die Machtverhältnisse am Markt ignoriert werden.
Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026

