Nach dem Attentat in Halle fordert Bundesinnenminister Seehofer die Verschlüsselung in Messengern wie WhatsApp aufzuweichen – damit Behörden mitlesen können. Anbieter wie Facebook und Co. sollen die Nachrichten für Polizei und andere Behörden entschlüsseln. Nicht das erste Mal, dass Horst Seehofer das fordert. Aber nutzt oder schadet das mehr?

Wenn ich auf meinem handelsüblichen mittelalten Smartphone chatte, wie verschlüsselt und geheim läuft das im Moment eigentlich ab?

Es geht heute vollautomatisch und im Hintergrund. Es gibt eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, dabei tauschen die beiden Smartphones, die sich miteinander unterhalten, eigene geheime Schlüssel aus,  ganz automatisch. Die Nachricht wird direkt im versendenden Smartphone verschlüsselt und im Empfänger-Handy wieder entschlüsselt.

Nicht etwa auf Servern in Rechenzentren. Dadurch ist sichergestellt, dass niemand die Kommunikation mitlesen kann, selbst der Betreiber der Messenger nicht. WhatsApp macht das heute automatisch, auch Signal, Threema und Telegram. Facebook Messenger nur bedingt.

Behörden wollen mitlesen können

Aber auch Kriminelle nutzen heute immer häufiger Kurznachrichtendienste. Das ist der Grund, weshalb Horst Seehofer fordert, die Verschlüsselung für Behörden zu öffnen. Was genau erhofft er sich davon?

Natürlich wüssten Behörden gerne: Wer unterhält sich mit wem, welche Treffpunkte werden vereinbart, welche Aktionen sind geplant.

Die Behörden können Facebook nicht mal anweisen, irgend etwas herauszugeben. Das stellt die Behörden natürlich vor schwierige Herausforderungen. Die Fahndung wird erschwert. Will eine Behörde mitlesen, muss sie entweder aufwändig einen so genannten Trojaner aufbringen, also eine Schadsoftware von außen, oder die Geräte beschlagnahmen und auslesen. Das ist der einzige Weg, an die Kommunikation zu kommen.

Die Tatsache übrigens, dass sogar die USA nach einer Hintertür schreien, bedeutet, dass die Geheimdienste die aktuelle Verschlüsselung nicht knacken können.

Deshalb fordert auch Horst Seehofer: Lasst uns mitlesen.

Wie Kriminellen auf die Schliche kommen?

Klingt in dem Fall aber doch auch nach einer extrem sinnvollen Hintertüre, damit Polizei und Co. im Zweifel mitlesen können, etwa bei Terroristen oder bei Kindesmissbrauch.

Natürlich: Das würde natürlich jeder unterstützen wollen. Aber darum geht es den Regierungen nicht. Sie wollen generell die Möglichkeit haben, die verschlüsselte Kommunikation bei Bedarf abhören zu können. Heißt es fängt mit so einer sinnvollen Nutzung der Hintertüren gegen schlimmste Formen von Kriminalität an, ist danach aber nur schwer kontrollierbar, wie es weiter genutzt wird.

Eine Hintertür nur für die Guten gibt es nicht

Das Problem ist aber – und da sind sich alle Experten einig: Eine Hintertür, nur für die Guten gibt es nicht. Wenn es eine Hintertür gäbe, damit sich eine Behörde im Zweifel bei Facebook einklinken und die Kommunikation abhören könnte, dann würde diese Hintertür unter Garantie auch von anderen genutzt

Und sollten tatsächlich Hintertüren eingebaut werden, würden alle, die es wirklich betrifft – Terroristen etwa – Programme nutzen, die keine Hintertür haben. Die wird es immer geben.

Solche Schwachstellen bleiben sehr selten dauerhaft verborgen, und dann können eben wieder Geheimdienste, Kriminelle, etc mitlesen – weil es Sicherheitslecks gibt.  Aus diesem Grund muss diese Idee abgelehnt werden.

Warum sollten einige ihre Nachrichten verschlüsseln dürfen, andere nicht?

ironischerweise sind die USA schuld, dass wir dieses Sicherheitsbedürfnis haben: Weil die NSA überall ihre Nase reinsteckt und alles dreist mitliest,  wollen die Menschen lieber ihre Kommunikation verschlüsseln. Unbescholtene Bürger sollten nicht bespitzelt werden dürfen – und ein Recht auf unbeobachtete Kommunikation haben. Das ist natürlich in Unrechtsstaaten besonders wichtig

Es gibt zwar kein internationales Recht auf Verschlüsselung von Kommunikation – doch im Grunde sollte es genau das geben.