Die Sozialen Netzwerke spielen eine große Rolle bei der Verbreitung von Verschwörungserzählungen: Sie wirken wie ein Brandbeschleuniger – und dienen vielen sogar als seriöser Beleg. “Das habe ich auf Facebook gelesen” – als hätte das irgendwas zu sagen. Darum verbreiten sich auch verrücktesten Gedanken in Windeseike. Die Plattformen unternehmen kaum etwas, um das aufzuhalten. Sie profitieren sogar davon.

“Verschwörungserzählungen hat es schon immer gegeben”, erklären die beiden Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty in ihrem neuen Buch über “Fake Facts” – und in unserer neuesten Ausgabe des Cosmo Tech Podcast über das Thema Verschwörungen im Netz.

Zweifellos – aber beruhigend ist das nicht. Vor allem deswegen nicht, weil Verschwörungserzählungen derzeit wieder Hochkonjunktur zu haben scheinen. Dem Netz sei dank.

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Das Netz: Inkubator auch für wirre Gedanken

Denn durch das Netz erreichen auch absurdeste Gedanken im Blitztempo das andere Ende der Erde – und damit Gehirne, die nur allzu bereit sind, das soeben im Netz Aufgeschnappte zu verarbeiten – und zu verteilen. Der Schneeballeffekt müsste heute längst anders heißen. Der Netzballeffekt zum Beispiel.

Nicht wenige derer, die sich auf solche Erzählungen einlassen, machen sich sogar richtig viel Mühe. Sie “recherchieren”, verweisen auf Links und Fundstellen im Netz. Und da es genügend Quellen gibt, wo Menschen entweder in Videos dieselben Verschwörungsgeschichten erzählen oder Webseiten bauen, die zum Beispiel “Defense Intelligence Agency” getauft wurden, ist es nicht schwer, “Quellen” zu benennen.

Wie wertvoll ist heute noch eine “Quelle”?

Das macht aber schon deutlich, dass der Begriff “Quelle” an Wert verloren hat. Ja, nahezu bedeutungslos geworden ist. Zumindest so lange man die Quelle nicht selbst untersucht und qualitativ bewertet. Das Video eines Verirrten ist mehr oder weniger genauso einfach zu finden wie ein Tagesschau-Beitrag. Eine Quelle zu benennen ist also denkbar einfach geworden.

Leider machen es die Sozialen Netzwerke sehr leicht, dass jeder Unsinn Verbreitung findet. Unter Youtube-Videos gibt es bei Videos zum Thema Corona einen Hinweis, dass es seriöse Informationen bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt. Wie der SPIEGEL berichtet, hat Youtube das sogar ohne Absprache mit der BZgA gemacht. Und: Der kleine Hinweis unter den Videos kann auch missverstanden werden. Es sieht fast so aus, als hätte die Behörde den Beitrag genehmigt – oder sogar veröffentlich. Mehr Infos bei der Behörde…

Das zeigt, wie eigenmächtig Konzerne wie Google handeln. Sie entscheiden, was zu tun ist – und sprechen es nicht mal ab. Wirklich empörend, aber auch entlarvend finde ich folgende Erklärung von Google:

“Wir sind eine offene Plattform und entfernen Inhalte von Menschen nur, wenn sie gegen unsere Community-Richtlinien verstoßen.”
Google

Plattformen machen ihre eigenen Regeln

Also: Entfernt wird nur, wenn die von Google selbst definierten Community-Regeln verletzt werden. Na, das nenn ich doch mal den Staat im Staat. Google allein entscheidet, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Die Community-Richtlinien stehen offensichtlich über dem Gesetz – und Google scheint auch noch stolz darauf. Strafrecht, Verfassung, Grundgesetz? Alles wurscht. Google gibt den Ton an. Ist doch klar.

Dieses Selbstverständnis ist weit verbreitet. Facebook, Twitter und Co. machen ihre eigenen Regeln – und uns, der Gesellschaft, damit das Leben schwer. Weil alles kursieren kann und darf – und soll. Wir sind darauf angewiesen, dass die Plattformen – bitte, bitte! – helfen mögen.

Ein unhaltbarer Zustand.