Wie Menschen in Russland Putins Blockaden aushebeln

Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Krieg der Bilder – und der Informationen. Wir haben hier schon öfter darüber berichtet: Russland sperrt nicht nur Medienangebote im Land, sondern sogar komplette Onlinedienste wie Facebook, Twitter oder Instagram. Doch die Menschen in Russland finden Mittel und Wege, diese Sperren zu umgehen – zumindest einige, die das wollen. Und auch Russia Today, wiederum in Europa unter Embargo, versucht mit Tricks, in Europa erreichbar zu sein. Wie lassen sich solche Blockaden umgehen?

Wenn in einem Land wie Russland bestimmte Dienste gesperrt werden, Webseiten etwa wie Youtube oder Social Media Dienste, dann sind die wirklich nicht mehr erreichbar – oder gibt es Tricks? Davon hört man ja immer wieder…

Vereinfach gesprochen ist es so: Wenn im Netz etwas blockiert wird, dann wird es unsichtbar gemacht, indem zum Beispiel die Domainnanmen wie youtube.com ins Leere führen. Das ist die einfachste Form der Netzsperre. Wenn jemand youtube.com eingibt oder die Youtube-App benutzt, wird keine Verbindung zu den Servern von Youtube hergestellt – und das war’s.

Nimmt man einen anderen Adresskatalog – in der Fachsprache DNS genannt, „Domain Name Service“, als den, der einem automatisch zur Verfügung gestellt wird, könnte das Problem schon gelöst sein. Dann erscheinen die Angebote wieder. Es gibt solche DNS-Dienste wie Quad9 (9.9.9.9) oder von Google (1.1.1.1), die könnte man verwenden. Da wird nichts gesperrt. Das kann jeder Nutzer in den Einstellungen eintragen.

Wenn die auch gesperrt sind, dann wird es schwieriger. Dann braucht man Werkzeuge.

VPN-Dienste

Solche Werkzeuge kennt man ja auch als Laie: VPN – damit kann man auch auf Inhalte von Streamingdiensten zugreifen, die hierzulande aus rechtlichen Gründen blockiert sind.

Ein „Virtual Private Network“ sorgt dafür, dass mein Gerät – ob PC oder Smartphone – nicht mehr direkt mit Servern kommuniziert, also etwa die von Youtube, sondern den Umweg über einen Vermittler geht. Sofern dieser Vermittler nicht auch gesperrt ist, hat man plötzlich wieder Zugang zu den Daten und Diensten. Genau das ist eine von vielen Aufgaben, die ein VPN übernehmen kann. Deshalb: Ja, ein VPN kann in bestimmten Fällen helfen, auf blockierte Inhalte zuzugreifen. Zumindest so lange, bis diejenigen, die blockieren wollen, die Adressen der „Vermittler“ im VPN kennen.

Dann können sie die auch wieder sperren. Das ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel. Da es viele VPN-Dienste gibt, die immer wieder neue Vermittler einrichten, kann es immer wieder für eine Weile klappen.

Surfshark VPN auf dem Mobilgerät

Surfshark VPN auf dem Mobilgerät

Neues Werkzeug: “Lantern”

Aber das ist offensichtlich nicht das einzige Werkzeug, das zur Verfügung steht. In Russland ist auch ein System beliebt, das sich „Lantern“ nennt.

Der Anti-Zensur-Dienst Lantern (englisch für „Laterne“) geht sehr einfallsreich gegen Blockaden vor. Dazu baut Lantern ein sogenanntes Peer-to-Peer-Netzwerk in Russland auf, das nicht von der Internetblockade der russischen Regierung betroffen ist. P2P-Netzwerk bedeutet: Unzählige Rechner und Server in Russland selbst werden lose miteinander verbunden, tauschen Daten aus, speichern Daten zwischen.

Da es sich hier um IP-Adressen aus Russland handelt, können die nicht auf den Sperrlisten stehen. Lantern ist ein Dienst der gemeinnützigen Organisation „Open Technology Fund“, die wiederum von der US-Regierung finanziert wird. Die Anwendung kommt auch in China zum Einsatz. Man braucht dafür zwar ein bisschen Sachverstand, aber einmal installiert, ermöglicht Lantern Zugriff auf Daten und Dienste, die ansonsten blockiert sind. Die Anwendung ermöglicht den Zugriff auf externe Informationen über weltweit verteilte Server und somit auch aus Regionen, die unter strikter Kontrolle.

Anti-Zensur-App Lantern

Anti-Zensur-App Lantern

Könnte Putin das Internet komplett sperren?

Viele fragen sich: Könnte Putin eigentlich das komplette Internet in Russland vom Rest der Welt abschneiden – wäre das möglich?

In einer Diktatur ist so etwas denkbar. Aber nur unter einer Bedingung: Das komplette Netz im Land wird quasi zu einem „Intranet“, also ein Netzwerk, nur mit russischen Angeboten und Inhalten – und ohne jeden Zugang zu ausländischen Angeboten. Alles(!) müsste dann blockiert werden, auch E-Mails, Video-Calls, Social Media. Wirklich alles.

Das wäre möglich, wenn die Übergänge – ich weiß nicht, wie viele es davon in Russland gibt –, an denen es Verbindungen zwischen Russland und dem Rest der Welt, wenn die alle gekappt oder kontrolliert werden. Aber das würde vermutlich einen Kollaps der Wirtschaft in Russland bedeuten. D

enn die könnte dann ja nicht mal mehr Mails mit Geschäftspartnern austauschen. Das halte ich persönlich selbst für Russland für undenkbar. Sobald es auch nur eine Übergabestelle gibt, wird es schwierig mit der kompletten Abschaltung. In der Ukraine versucht das Militär ja, Internet und Mobilfunk lahmzulegen. Aber das Internet hat durch das TCP-Protokoll gewisse „Selbstheilungskräfte“. Wenn es irgendwo klemmt, suchen sich die Daten selbständig einen anderen Weg.

Deutsche Welle mit Onion-Adresse

Ich habe im Zusammenhang mit VPN-Diensten das „Katz-und-Maus-Spiel“ bemüht. Das gilt offensichtlich auch für Inhalte wie „Russia Today“, der Propagandasender aus Russland, der in Europa eigentlich derzeit verboten ist – und die Sperre wird auch umgangen.

Russia Today setzt auf dieselben Tricks wie die Deutsche Welle, die in Russland gesperrt ist. Reporter ohne Grenzen hilft dabei, die in Russland gesperrten Inhalte der Deutschen Welle verfügbar zu machen. Einmal, indem sogenannte „Mirrors“ der Inhalte bereitgestellt werden, die Russland nicht so ohne weiteres, jedenfalls nicht ohne bei eigenen Inhalten Schaden zu nehmen, sperren kann. D

ann erreicht man die Deutsche Welle aber auch über einen sogenannten Onion-Service über den TOR-Browser, der anonymes Surfen ermöglicht. Du siehst: Im Zeitalter des Internet ist es nicht so einfach mit dem Blockieren und Sperren. Das merken auch deutsche Behörden ja immer wieder, wenn sie etwas verbieten wollen.